Mar­tin Schulz spürt ei­nen Ruck

SPD fei­ert Kanz­ler­kan­di­dat – See­ho­fer si­chert Mer­kel Un­ter­stüt­zung zu

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Die SPD fei­ert, als hät­te sie den Wahl­sieg schon in der Ta­sche: Ju­bel und Lob­re­den nach der of­fi­zi­el­len No­mi­nie­rung von Mar­tin Schulz als Kanz­ler­kan­di­dat bei der Bun­des­tags­wahl am 24. Sep­tem­ber. Da­bei liegt die SPD in Um­fra­gen wei­ter klar hin­ter der Uni­on.

Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN. „Je­der spürt es, es geht ein Ruck durch die SPD, es geht ein Ruck durch das gan­ze Land“, ruft der frü­he­re EU-Par­la­ments­prä­si­dent den über 500 Zu­hö­rern zu, die im Wil­ly-Brandt-Haus sei­ne rund ein­stün­di­ge Re­de im­mer wie­der klat­schend un­ter­bre­chen. Auch Nie­der­sach­sens Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil (SPD) ist an­ge­tan: „Schulz hat die Her­zen er­reicht.“

Schulz be­geis­tert die Ge­nos­sen, weil er Macht­wil­len zeigt. „Ich will Kanz­ler wer­den“, be­kräf­tigt er ges­tern. Sig­mar Ga­b­ri­el da­ge­gen hat er­klärt, auf Par­tei­vor­sitz und Kanz­ler­kan­di­da­tur zu ver­zich­ten, und Schulz für bei­de Pos­ten vor­ge­schla­gen. Ges­tern er­folgt die No­mi­nie­rung durch den SPD-Vor­stand, ein Par­tei­tag im März soll Schulz of­fi­zi­ell zum neu­en Spit­zen­mann kü­ren.

„Ein Bun­des­kanz­ler muss für die All­tags­sor­gen der Bür­ger nicht nur Ver­ständ­nis ha­ben, son­dern sie selbst mit tie­fer Em­pa­thie spü­ren kön­nen“, er­klärt Schulz, der nach ei­ge­ner Ein­schät­zung da­für die bes­ten Vor­aus­set­zun­gen mit­bringt. „Ich bin der Sohn ein­fa­cher Leu­te“, meint er. „Ich weiß, was es be­deu­tet, wenn man vom Weg ab­kommt“, fügt der 61-jäh­ri­ge ge­lern­te Buch­händ­ler mit Blick auf sei­ne Al­ko­hol­pro­ble­me als jun­ger Mann hin­zu.

Al­ler­dings wis­se er auch, „wie gut es sich an­fühlt, wenn man ei­ne zwei­te Chan­ce be­kommt“.

Kann ei­ner das Land füh­ren, der nie Mi­nis­ter war? Elf Jah­re sei er Bür­ger­meis­ter in Wür­se­len bei Aachen mit di­rek­tem Draht zu Po­li­zei, Feu­er­wehr, Al­ten­hei­men oder dem Sport­ver­ein ge­we­sen, zählt Schulz auf. Er emp­fin­de Zwei­fel an sei­ner Eig­nung als ei­ne Be­lei­di­gung für Kom­mu­nal­po­li­ti­ker. „Ich schä­me mich nicht, dass ich aus Wür­se­len kom­me und die­se klei­ne Stadt in Nord­rhein-West­fa­len mei­ne Hei­mat ist.“

Kla­re Kan­te zeigt Schulz ge­gen Rechts­po­pu­lis­ten. Die AfD sei „keine Al­ter­na­ti­ve für Deutschland, son­dern ei­ne Schan­de für die Bun­des­re­pu­blik“, sag­te der ehe­ma­li­ge EU-Par­la­ments­prä­si­dent. „Wer die freie Pres­se at­ta­ckiert und bei­spiels­wei­se von Lü­gen­pres­se spricht, der will ein an­de­res Land.“

So­zia­le Ge­rech­tig­keit stellt Schulz in den Mit­tel­punkt sei­ner ers­ten Re­de als Kanz­ler­kan­di­dat. „Wenn ei­ne Fa­mi­lie mit Kin­dern, in der bei­de El­tern­tei­le ar­bei­ten ge­hen, kaum ih­re Mie­te in den Bal­lungs­räu­men zah­len kann, dann geht es nicht ge­recht zu“, pran­gert er Miss­stän­de an. Schluss ma­chen will er da­mit, dass „lo­cker Mil­li­ar­den zur Ret­tung von Ban­ken aus­ge­ge­ben wer­den, aber der Putz in den Schu­len von der Wand brö­ckelt“. Und es dür­fe auch nicht sein, dass „ein Kon­zern­chef nach ver­hee­ren­den Fehl­ent­schei­dun­gen da­für noch Mil­lio­nen an Bo­ni kas­siert“. Ei­ne Ver­käu­fe­rin wer­de da­ge­gen für ei­ne klei­ne Ver­feh­lung „raus­ge­schmis­sen“.

Scharf kri­ti­siert Schulz Steue­run­ge­rech­tig­keit:„Wenn der klei­ne Bä­cker­la­den an­stän­dig und selbst­ver­ständ­lich sei­ne Steu­ern zahlt und da­durch un­ser Ge­mein­we­sen fi­nan­ziert, der glo­ba­le Kaf­fee­kon­zern sich aber da­vor drückt und sein Geld in Steu­er­oa­sen parkt, dann geht es nicht ge­recht zu“, ruft er un­ter dem Bei­fall der Zu­hö­rer. Die Be­kämp­fung der Steu­er­flucht wer­de in zen­tra­les Wahl­kampf­the­ma wer­den.

Un­ter­des­sen stellt auch die Uni­on die Wei­chen für den Bun­des­tags­wahl­kampf. Ei­ne Wo­che vor dem Ver­söh­nungs­tref­fen der Uni­ons­spit­zen hat CSU-Chef Horst See­ho­fer An­ge­la Mer­kel (CDU) er­neut die Un­ter­stüt­zung sei­ner Par­tei für de­ren Kanz­ler­kan­di­da­tur zu­ge­si­chert. See­ho­fer sag­te der „Bild am Sonn­tag“, Mer­kel wer­de „nach die­sem Gip­fel die ge­mein­sa­me Kanz­ler­kan­di­da­tin von CSU und CDU sein.“Mit Mer­kel kön­ne die CSU „die meis­ten ih­rer Vor­stel­lun­gen rea­li­sie­ren“. Die CDU-Ba­sis in Vor­pom­mern no­mi­nier­te die Kanz­le­rin mit 96 Pro­zent Zu­stim­mung als Kan­di­da­tin für den. Bun­des­tag.

Phö­nix aus der Asche. Karikatur: Ger­hard Mes­ter

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