Un­er­träg­li­che Un­si­cher­heit

Me­xi­ka­ni­sche Pend­ler fürch­ten um ih­re Jobs

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Jen­ni­fer Gon­za­le­sCo­var­ru­bi­as

Seit 22 Jah­ren über­quert May­ra Ro­drí­guez Tag für Tag die Gren­ze auf dem Weg von ih­rer me­xi­ka­ni­schen Hei­mat­stadt zu ih­rem Job in den USA. Je­den Mor­gen ge­gen fünf Uhr fin­det sich die al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter am Grenz­über­gang Otay zwi­schen Tijuana und dem ka­li­for­ni­schen San Die­go ein, wo sie für ein US-Un­ter­neh­men tief­ge­kühl­te Nah­rungs­mit­tel ver­packt. Ro­drí­guez, ei­ne dün­ne Frau mit blond ge­färb­ten Haa­ren, braucht im Durch­schnitt täg­lich zwei­ein­halb St­un­den hin und zu­rück zu ih­rer Ar­beit. Zu den öf­fent­li­chen Bus­sen kommt noch die War­te­zeit am Über­gang Otay hin­zu.

Die 42-Jäh­ri­ge be­fürch­tet, dass die vom neu­en US-Prä­si­den­ten Do­nald Trump ge­plan­te Mau­er die Zeit der War­te­rei noch er­hö­hen wird. Bei ei­ner Ver­schär­fung der Kon­trol­len kä­me sie mög­li­cher­wei­se ver­spä­tet zu ih­rer Fir­ma und wür­de ent­las­sen.

Nach An­ga­ben des me­xi­ka­ni­schen Prä­si­den­ten En­ri­que Pe­ña Nieto pas­sie­ren wie Ro­drí­guez der­zeit je­den Tag mehr als ei­ne Mil­li­on Men­schen und 400 000 Fahr­zeu­ge le­gal die 3200 Ki­lo­me­ter lan­ge Gren­ze zu den USA.

Trumps pro­tek­tio­nis­ti­sche Maß­nah­men und die Ab­wer­tung des Pe­so ha­ben Ro­drí­guez pa­ra­do­xer­wei­se ge­nutzt – so wie vie­len, die in Me­xi­ko woh­nen, aber in den USA ar­bei­ten. Die von ihr ver­dien­ten Dol­lar sind in Me­xi­ko jetzt mehr wert. Ro­drí­guez fi­nan­ziert mit ih­rem Lohn vor al­lem die Ausbildung ih­res Soh­nes zum Pi­lo­ten und die pri­va­te Schu­le ih­rer Toch­ter. „Im Au­gen­blick sind wir pri­vi­le­giert, Gott sei Dank“, sagt Ro­drí­guez. „Mei­ne Kin­der le­ben hier dank mei­ner Dol­lar gut“, fügt sie hin­zu. „Stän­dig in den USA le­ben“wol­le sie nicht.

Den größ­ten Teil der Gren­ze zwi­schen Tijuana und San Die­go nimmt ein ki­lo­me­ter­lan­ger ros­ti­ger Me­tall­zaun ein. Die Fahr­zeug­schlan­ge am Über­gang Otay ist zwei Ki­lo­me­ter lang. Die Fahr­zeu­ge wäl­zen sich im Schne­cken­tem­po in Rich­tung USA vor­wärts. „Ich bin mir si­cher, dass wir viel Zeit ver­lie­ren wer­den. Ei­ni­ge wer­den des­we­gen ih­re Ar­beit ver­lie­ren“, sagt der an sei­nem Steu­er war­ten­de Ju­lián Ta­ma­yo. Und die Schi­ka­nen durch die US-Grenz­be­am­ten wür­den noch zu­neh­men.

Me­xi­ka­ni­sche Last­wa­gen­fah­rer be­nö­ti­gen nach ei­ge­nen An­ga­ben Jah­re, um die für die Ein­rei­se in die USA er­for­der­li­chen Do­ku­men­te zu be­kom­men. Nun treibt sie die Furcht um, die­se wie­der zu ver­lie­ren. „Wenn Trump al­les um­setzt, was er sagt, kom­men wir hier nicht mehr rü­ber“, sagt der Lkw-Fah­rer Román Díaz. „Die­ser Job wird ver­schwin­den. Die Un­si­cher­heit ist un­er­träg­lich.“

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