Die RAF for­dert den Staat her­aus

Ge­fan­ge­nen­be­frei­ung 1970 gilt als Ge­burts­stun­de der Ro­te-Ar­mee-Frak­ti­on

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Bert­hold Ha­mel­mann

Ei­ne schwar­ze Maschinenpistole vor ei­nem Stern und drei wei­ße Buch­sta­ben bil­den seit 1971 das Lo­go der Ro­teAr­mee-Frak­ti­on (RAF). Die An­schlä­ge die­ser links­ter­ro­ris­ti­schen Grup­pie­rung er­schüt­tern ab 1970 bis zur Selbst­auf­lö­sung 1998 die Bun­des­re­pu­blik und for­dern den Rechts­staat mas­siv her­aus. Bis heu­te ja­gen deut­sche Si­cher­heits­be­hör­den ehe­ma­li­ge RAFMit­glie­der.

Es be­ginnt mit zwei Kauf­haus­brän­den am 2. April 1968 in Frankfurt. Als Tä­ter wer­den die Stu­den­tin Gu­drun Ens­s­lin (27), Andre­as Baa­der (25), Thor­ward Proll (26) und Horst Söhn­lein (25) ver­haf­tet und zu je­weils drei Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Baa­der, Ens­s­lin und Proll tau­chen wäh­rend ei­nes Re­vi­si­ons­ver­fah­rens ab. Der als ei­tel gel­ten­de Baa­der geht der Po­li­zei am 4. April 1970 er­neut ins Netz, al­ler­dings nur für kur­ze Zeit. Bei ei­nem ge­neh­mig­ten Bi­b­lio­theks­be­such in Ber­lin be­frei­en mit Waf­fen­ge­walt am 14. Mai die links­ge­rich­te­te Jour­na­lis­tin Ul­ri­ke Mein­hof und meh­re­re Kom­pli­zen den in­haf­tier­ten Baa­der.

Es ist ein me­di­en­wirk­sa­mer Coup. Bun­des­kanz­ler Wil­ly Brand tobt an­ge­sichts die­ser „Gangs­ter­me­tho­den“.

Der Über­fall gilt heu­te als Ge­burts­stun­de der RAF. Die Me­di­en spre­chen da noch von der „Baa­der-Mein­hofBan­de“.

Das En­de kommt un­ver­hofft und un­spek­ta­ku­lär. Nach 28 Jah­ren blu­ti­gen Ter­rors und 34 Mor­den tru­delt am 20. April 1998 bei der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters in Köln ein mehr­sei­ti­ges Schrei­ben der RAF ein: „Heu­te be­en­den wir das Pro­jekt.“Die Skep­sis ge­gen­über die­ser an­ge­kün­dig­ten Selbst­auf­lö­sung weicht in der Fol­ge der Er­leich­te­rung: Es ist vor­bei!

Ge­hofft hat­ten es vie­le. Denn nach dem Spreng­stoff­an­schlag auf den Ge­fäng­nis­neu­bau in Weiterstadt mit 100 Mil­lio­nen Mark Scha­den in 1993 ver­schwin­det die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on von der Bild­flä­che.

Die ideo­lo­gi­schen Wur­zeln der RAF lie­gen in der Stu­den­ten­be­we­gung der spä­ten 1960er-Jah­re, die die Exis­tenz des bür­ger­li­chen Staa­tes in­fra­ge stellt. Doch an­stel­le von Wor­ten setzt die RAF auf Waf­fen. Ul­ri­ke Mein­hofs Stra­te­gie­pa­pier „Das Kon­zept der Stadt­gue­ril­la“pro­pa­giert die Not­wen­dig­keit des be­waff­ne­ten Kamp­fes.

Bis 1972 kon­zen­trie­ren sich die Ge­walt­ta­ten vor al­lem auf US-ame­ri­ka­ni­sche Ein­rich­tun­gen, un­ter an­de­rem auf die Haupt­quar­tie­re der USAr­mee in Hei­del­berg und Frankfurt. Die deut­schen Be­hör­den re­agie­ren. Dank ei­nes mas­si­ven Aus­bau­es des Fahn­dungs­ap­pa­rats ge­lingt 1972 die Fest­nah­me des har­ten RAF-Kerns der ers­ten Ge­ne­ra­ti­on. Zu­sam­men­le­gung der Ge­fan­ge­nen im Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis von Stutt­gar­tStamm­heim (1975), Hun­ger­streiks, an­geb­li­che Iso­la­ti­ons­haft, Selbst­mord von Ul­ri­ke Mein­hof (1976), le­bens­lan­ge Haft für Andre­as Baa­der und Gu­drun Ens­s­lin (1977) lau­ten die Schlag­zei­len der fol­gen­den Jah­re.

Der RAF-Ter­ror geht wei­ter. Die zwei­te Ge­ne­ra­ti­on ver­folgt vor­ran­gig das Ziel, ver­ur­teil­te RAF-Mit­glie­der frei­zu­pres­sen. 1977 er­reicht der Ter­ror sei­nen Hö­he­punkt mit dem Mord­an­schlag auf den Ge­ne­ral­bun­des­an­walt Bu­back, dem At­ten­tat auf Dresd­ner-Bank-Chef Pon­to so­wie der Ent­füh­rung und Er­mor­dung des Ar­beit­ge­ber­prä­si­den­ten Schley­er.

Die Än­de­rung der Stra­te­gie zu Be­ginn der 1980er-Jah­re hin zur In­ter­na­tio­na­li­sie­rung des Ter­ro­ris­mus gilt als Kenn­zei­chen der drit­ten RAF-Ge­ne­ra­ti­on, die über ei­ne gut ab­ge­schot­te­te und bis heu­te kaum be­kann­te Füh­rungs­ebe­ne ver­fügt.

Nach der Selbst­auf­lö­sung spielt Ideo­lo­gie bei den noch flüch­ti­gen Ter­ro­ris­ten keine Rol­le. Wie ge­wöhn­li­che Räu­ber gie­ren sie bei Über­fäl­len auf Su­per­märk­te und Geld­trans­por­ter (die ver­mut­lich letz­ten 2016 in Nie­der­sach­sen) nach Bar­geld. Und blei­ben da­bei le­bens­ge­fähr­lich.

Nie­der­sach­sens In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us übt sich seit­dem in Op­ti­mis­mus: Es sei nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis die Tä­ter ge­fasst wür­den.

Fo­to: dpa

RAF-Ter­ror mar­kiert im so­ge­nann­ten deut­schen Herbst 1977 ei­ne der schwers­ten Kri­sen der Bun­des­re­pu­blik: Ein Op­fer war Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent Hanns Mar­tin Schley­er, der am 5. Sep­tem­ber 1977 ent­führt und im Ok­to­ber er­mor­det wur­de.

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