Schlech­te Ver­lie­rer, gu­ter Ver­lie­rer

Wein­zierl-Elf aus­ge­pfif­fen – Gis­dol tak­tisch da­ne­ben – „Li­li­en“li­gaun­taug­lich – Re­spekt für Hof­fen­heim

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

HIN­TER DEN KU­LIS­SEN EI­NES SPIEL­TAGS Es gibt Ver­lie­rer, die kön­nen sich auch nach ei­ner Nie­der­la­ge freu­en, es gibt aber auch wel­che, die möch­ten sich we­gen un­ter­ir­di­scher Leis­tun­gen am liebs­ten ver­krie­chen. Zu Letz­te­ren ge­hö­ren – wie so oft – Schal­ke und der HSV.

Es gibt leis­tungs­mä­ßig schlech­te Ver­lie­rer und gu­te Ver­lie­rer. Es gibt Mann­schaf­ten, die sich über­schät­zen, und es gibt Teams, die Nie­der­la­gen rich­tig ein­zu­ord­nen wissen. Wir spre­chen hier auf der ei­nen Sei­te von Schal­ke, dem HSV und Darmstadt; auf der an­de­ren steht Hof­fen­heim.

Schal­ke 04 hat sei­nen Kre­dit ver­spielt. Nach der 0:1He­implei­te ge­gen Ein­tracht Frankfurt wächst die Kritik an den Füh­rungs­kräf­ten. Sie hat­ten sich so viel vor­ge­nom­men, die „Kö­nigs­blau­en“, in­ves­tier­ten über 40 Mil­lio­nen Eu­ro in den dritt­teu­ers­ten Ka­der der Li­ga – und sind trotz­dem nicht ein­mal Mit­tel­maß in der Eli­te­klas­se. Lan­ge ha­ben die Fans still­ge­hal­ten. Nach dem er­neu­ten Rück­schlag pfif­fen sie die Mann­schaft mi­nu­ten­lang aus. Der gro­ße Kre­dit, mit dem Ma­na­ger Chris­ti­an Hei­del und der neue Coach Mar­kus Wein­zierl auf Schal­ke an­ge­tre­ten wa­ren, scheint ver­spielt. „Wir ha­ben heu­te ei­ne rie­si­ge Chan­ce ver­geigt“, klag­te Hei­del. Kla­gen der Pro­fis über die schlech­te Qua­li­tät des Ra­sens oder ein an­geb­li­ches Foul von Frank­furts Ab­wehr­spie­ler Da­vid Abra­ham an Schal­kes Nal­do vor dem Tref­fer von Alex Meier ließ der Ma­na­ger nicht gel­ten: „Die­se Ne­ben­ge­räu­sche in­ter­es­sie­ren mich nicht.“Ähn­lich deut­lich re­agier­te er auf Fra­gen nach den ver­blie­be­nen Eu­ro­pa­po­kal-Chan­cen: „Das ist mo­men­tan über­haupt kein The­ma. Wir wol­len uns nicht lä­cher­lich ma­chen, wenn wir 21 Punk­te ha­ben und uns Ge­dan­ken über Eu­ro­pa ma­chen.“Ei­ne Spiel­phi­lo­so­phie, mit der die Trend­wen­de ein­ge­lei­tet wer­den könn­te, ist nicht er­kenn­bar. Welt­meis­ter Be­ne­dikt Hö­we­des sprach Klar­text: „Wir be­fin­den uns in ei­ner be­droh­li­chen Si­tua­ti­on.“

Eu­ro­pa – das ist im­mer wie­der ein The­ma beim HSV. Vor je­der Sai­son. Die Er­nüch­te­rung folgt auf dem Fuß. Das 1:3 im Ab­stiegs­du­ell beim FC In­gol­stadt, der neun sei­ner 17 To­re nach Stan­dards er­ziel­te, reicht, um wie­der ein­mal den Not­stand aus­zu­ru­fen. „Man hat ge­se­hen, wie Ab­stiegs­kampf geht. Lei­der ha­ben wir das nicht ge­zeigt, son­dern der Geg­ner“, schimpf­te der neue Sport­di­rek­tor Jens Todt. Trai­ner Mar­kus Gis­dol hat­te eben­falls die Na­se voll. „Wir ste­hen ex­trem mit dem Rü­cken zur Wand, das muss je­dem be­wusst sein.“Das Füh­rungs­trio um Vor­stands­chef He­ri­bert Bruch­ha­gen muss sich ne­ben der pre­kä­ren Dau­er­si­tua­ti­on auch Ge­dan­ken dar­über ma­chen, ob die Mecha­nis­men grei­fen. Coach Gis­dol lag kom­plett da­ne­ben, in­dem er nach dem Aus­fall des ge­sperr­ten Al­bin Ek­dal die Mit­tel­feld­zen­tra­le mit Le­wis Holt­by und Mat­thi­as Ostrzo­lek be­setz­te. Als er den Feh­ler zur Pau­se kor­ri­gier­te, ver­schul­de­te der ein­ge­wech­sel­te Den­nis Diek­mei­er bei sei­ner ers­ten Ak­ti­on prompt den Elf­me­ter zum 0:3-Rück­stand. Todt, der an dem bra­si­lia­ni­schen Na­tio­nal­spie­ler Wa­lace von Gre­mio Por­to Aleg­re dran ist, sprach von „ei­ner dra­ma­ti­schen Si­tua­ti­on“. Wahr­schein­lich sa­gen sich die Ham­bur­ger: Die Elb­phil­har­mo­nie ist auch fer­tig­ge­stellt wor­den. Dann ver­mei­den wir auch den Ab­stieg. Wirk­lich?

Tat­sa­che ist, dass Darmstadt 98 nicht bun­des­li­ga­taug­lich ist. Nach der zweit­höchs­ten Heim­nie­der­la­ge in sei­ner Bun­des­li­ga-Ge­schich­te – nur 1979 war man beim 1:7 ge­gen den VfB Stutt­gart noch schlech­ter – lie­gen die „Li­li­en“mit nur neun Punk­ten aus 18 Spie­len ab­ge­schla­gen am Ta­bel­len­en­de. Auf­ge­ben zählt aber nicht. „Wir ha­ben noch 16 Spie­le vor uns, es ist noch al­les of­fen“, sag­te Neu­zu­gang und Tor­schüt­ze Sid­ney Sam nach dem 1:6 ge­gen Köln trot­zig. Wie ge­reizt die Stim­mung in Darmstadt ist, zeig­te sich auch au­ßer­halb des Plat­zes. Plötz­lich war ein Spie­ler ein The­ma, der gar nicht auf dem Platz stand. Flo­ri­an Jung­wirth. „Wir ha­ben ihm ver­spro­chen: Wir su­chen ei­ne Al­ter­na­ti­ve für ihn. Wenn et­was da ist, kön­nen wir über sei­nen Wech­sel re­den. Wenn nichts da ist, muss er sich wei­ter für uns den Arsch auf­rei­ßen. Und wenn er das nicht macht, dann sitzt er sechs Mo­na­te auf der Tri­bü­ne“, echauf­fier­te sich Trai­ner­no­vi­ze Tors­ten Frings. „Wir kön­nen uns ja nicht noch schlech­ter ma­chen, als wir oh­ne­hin schon sind, nur da­mit sich ei­ner sei­nen Traum er­fül­len kann.“Jung­wirth, der am Frei­tag 28 Jah­re alt wur­de und seit zwei­ein­halb Jah­ren ei­ne fes­te Grö­ße in der Darm­städ­ter De­fen­si­ve ist, möch­te in die USA wech­seln. Der Vor­wurf des Trai­ners: Jung­wirth ha­be so trai­niert, als wol­le er den Trans­fer for­cie­ren. „Sol­len wir ei­nem Spie­ler mal 50 Pro­zent we­ni­ger Ge­halt über­wei­sen, weil er im Trai­ning nur 50 Pro­zent Leis­tung zeigt? Ich las­se mich hier von kei­nem Spie­ler un­ter Druck set­zen“, schimpf­te Frings.

Erst­mals ver­lo­ren und Re­spekt ge­won­nen: Hof­fen­heim muss sich nicht schä­men. Ge­gen die star­ken Leip­zi­ger mach­te die Trup­pe aus dem Kraich­gau ein gu­tes Spiel. „Wir hät­ten es als Team bes­ser ma­chen müs­sen, um ge­win­nen zu kön­nen“, mein­te Hof­fen­heims jun­ger Coach Ju­li­an Na­gels­mann. Die Nie­der­la­ge wisch­te der Trai­ner schnell bei­sei­te und fand viel­mehr lo­ben­de Wor­te für die Sach­sen. „Das ge­hört zu den Top­teams in Eu­ro­pa, was das Ver­tei­di­gen an­geht“, hob der erst 29-jäh­ri­ge Fuß­ball­leh­rer die De­fen­siv­ar­beit des Gast­ge­bers her­vor. Der Platz­ver­weis für San­dro Wa­gner nach ei­ner St­un­de war für Na­gels­mann in Ord­nung. „Das kann man pfei­fen, viel­leicht muss man das so­gar“. Er sei kei­ner, der wie ein Ver­rück­ter durch die Coa­chin­gZo­ne to­be: „Ich for­de­re keine Gel­ben Kar­ten von den Män­nern in Gelb oder Li­la oder Blau, es ist mir ganz egal, was die Schieds­rich­ter für Far­ben tra­gen.“Aber er hät­te sich die Kon­se­quenz, die Wolf­gang Stark bei der Sank­tio­nie­rung Wa­g­ners ge­zeigt ha­be, auch auf der an­de­ren Sei­te ge­wünscht. Bei den vie­len klei­nen Fouls, mit de­nen die Leip­zi­ger das Auf­bau­spiel des Geg­ners früh stö­ren. „Das ma­chen die Leip­zi­ger sehr in­tel­li­gent, aber da wünscht man sich trotz­dem mal die ei­ne oder an­de­re frü­he Gel­be Kar­te“, merk­te Na­gels­mann an.

Bit­te­re Nie­der­la­gen: Der Schal­ker Ales­san­dro Schöpf fasst sich an­ge­sichts der schlech­ten Leis­tung an den Kopf. Nicht bes­ser er­geht es den kon­ster­nier­ten Ham­bur­gern. Darmstadt darf sich nach dem 1:6 ge­gen Köln schä­men. Sie­ger Ralph Ha­sen­hüttl (rechts oben, links) und Ver­lie­rer Ju­li­an Na­gels­mann ver­ste­hen sich da­ge­gen gut. Fo­tos: dpa (2), Wit­ters, imago/Nord­pho­to

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