Stim­me der Ver­nunft bleibt un­ge­hört

Ei­ne Welt in der Nacht des Vor­ur­teils: Har­sche Ver­si­on von Les­sings „Nat­han“am Thea­ter Os­na­brück

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Das Thea­ter Os­na­brück zeigt den Auf­klä­rungs­Klas­si­ker „Nat­han der Wei­se“als Kampf der Kul­tu­ren. Re­gis­seur Do­mi­ni­que Sch­ni­zer ver­setzt das Stück in ein Flücht­lings­la­ger. Ei­ne Ver­söh­nung der Re­li­gio­nen gibt es nicht.

OS­NA­BRÜCK. Ein paar Mal at­met er hör­bar durch. Dann spricht Nat­han (Ro­nald Funke) die be­rühm­te „Ring­pa­ra­bel“wie ein Er­nüch­ter­ter, der ge­nug hat vom end­lo­sen Zwist der Re­li­gio­nen. Nat­han weiß, dass er um sein Le­ben re­det. Sul­tan Sa­la­din setzt ihn dop­pelt un­ter Druck. Der Herr­scher for­dert von dem jü­di­schen Kauf­mann Geld und die Ant­wort auf die hei­kels­te al­ler Fra­ge: Wel­che Re­li­gi­on ist die ein­zig wah­re?

Die Ant­wort auf die­se Fra­ge kann töd­li­che Kon­se­quen­zen ha­ben, erst recht in je­ner Welt, die Sch­ni­zer und Büh­nen­bild­ne­rin Chris­tin Treu­nert auf die Sze­ne des Os­na­brü­cker Thea­ters ge­stellt ha­ben. Die­ser „Nat­han“spielt in ei­nem Flücht­lings­camp, das dem im Herbst 2016 ge­räum­ten „Dschun­gel“bei Ca­lais be­drü­ckend äh­nelt. Hier be­har­ken sich die An­ge­hö­ri­gen un­ter­schied­li­cher Re­li­gio­nen un­ent­wegt. Auf die „Al­la­hu ak­bar“-Ru­fe der Mus­li­me ant­wor­ten Chris­ten mit ei­nem ge­nerv­ten „Gut jetzt“. Vor dem Ju­den Nat­han wird aus­ge­spuckt, klei­ne Strei­tig­kei­ten ent­la­den sich in plötz­li­chen Ge­walt­tu­mul­ten.

Nur ei­nes hat in die­sem Mi­kro­kos­mos der Ver­roh­rung sei­ne al­ler­bes­te Ord­nung: Je­de Re­li­gi­on be­wohnt ih­re ei­ge­ne Hüt­te. Chris­ten, Klas­si­ker im Camp: Al-Ha­fi (Oli­ver Mes­ken­dahl, links) mit Nat­han (Ro­nald Funke), hin­ten Mit­glie­der der „Pro­jekt­grup­pe Nat­han“.

Mos­lems und Ju­den über­tö­nen sich ge­gen­sei­tig mit ih­ren Got­tes­prei­sun­gen. Deut­sche und Flücht­lin­ge, in der Mehr­heit aus Sy­ri­en, von der „Pro­jekt­grup­pe Nat­han“brin­gen die kon­flikt­träch­ti­ge At­mo­sphä­re drän­gend dicht auf die Bühne.

Ver­stän­di­gung kann in die­ser Um­ge­bung nicht ge­dei­hen. In der Os­na­brü­cker Ver­si­on bleibt vom mil­den Hu­ma­ni­täts­pa­thos in Gott­hold Ephraim Les­sings Klas­si­ker „Nat­han der Wei­se“nichts mehr üb­rig – auch des­halb, weil Dra­ma­turg Jens Pe­ters den Text hal­biert und stel­len­wei­se mo­der­ni­siert hat. In ge­ra­de ein­mal ein­drei­vier­tel St­un­den oh­ne Pau­se wird der Klas­si­ker als atem­lo­ser Schnell­durch­lauf ab­sol­viert. Die scharf­kan­ti­ge Os­na­brü­cker Ver­si­on stellt Kon­flik­te her­aus. Spra­che ist hier ei­ne Waf­fe in Re­de­du­el­len, zu de­nen Sch­ni­zer sei­ne Darstel­ler an der Ram­pe an­tre­ten lässt. Spra­che ver­liert da­bei je­ne Qua­li­tät, die Les­sing ihr in sei­nem Text ge­ge­ben hat­te – zum Me­di­um ei­ner Ver­stän­di­gung zu wer­den, die Span­nun­gen nach­hal­tig zu ver­mit­teln ver­mag.

Sch­ni­zers Re­gie­ent­schei­dung for­dert so ih­ren Preis. Ihr Vor­teil: Die­ser „Nat­han“steht auf der Hö­he ei­ner Zeit, die von Ter­ror­ge­fahr, re­li­giö­sem Fun­da­men­ta­lis­mus und ei­fern­dem Rechts­po­pu­lis­mus ver­gif­tet ist. Ent­spre­chend hat auch Ver­söh­nung keine wirk­li­che Chan­ce. Nat­hans „Stim­me der Ver­nunft“bleibt un­ge­hört. Les­sings Re­gie­an­wei­sung sieht für den Schluss die „Wie­der­ho­lung all­sei­ti­ger Umar­mun­gen“vor. In der Os­na­brü­cker Ver­si­on ruft am En­de je­de Re­li­gi­ons­grup­pe wie­der nur ihr je­wei­li­ges „Gott ist groß“wie ei­nen Schlacht­ruf. Dann wird es dun­kel. Fins­ter­nis statt Licht: 234 Jah­re nach der Urauf­füh­rung von „Nat­han dem Wei­sen“scheint die Welt für den Frie­den im­mer noch nicht be­reit zu sein.

Les­sings „Nat­han“als Skript ei­nes Kamp­fes der Kul­tu­ren: Die Darstel­ler set­zen das har­sche Re­gie­kon­zept en­ga­giert um – al­len vor­an Ro­nald Funke, der Nat­han als trau­ma­ti­sier­tes Op­fer gibt, das sich Ver­söh­nung schmerz­haft ab­rin­gen muss. Andre­as Mö­ckel por­trä­tiert den Sa­la­din als ver­un­si­cher­ten Po­ten­ta­ten mit Nei­gung zu Ge­walt­aus­brü­chen. Zwei­ter im Bun­de der ins­ge­heim Ra­di­ka­li­sier­ten ist der Tem­pel­herr, den Ni­k­las Bruhn als schrof­fen Men­schen­feind spielt. Da­zu pas­sen der eben­so bos­haf­te wie op­por­tu­nis­ti­sche Pa­tri­arch in der Ver­kör­pe­rung durch Klaus Fi­scher wie auch der klein­mü­ti­ge Klos­ter­bru­der Jo­han­nes Buss­lers und der la­vie­ren­de Al-Ha­fi Oli­ver Mes­ken­dahls.

Scharf ge­zeich­net er­schei­nen auch die Frau­en­fi­gu­ren. Elai­ne Ca­me­ron als auf­brau­sen­de Recha, Marie Bau­er als hoch­fah­ren­de Sit­tah, Cor­ne­lia Kem­pers als ei­gen­nüt­zi­ge Da­ja – sie al­le ha­ben re­li­giö­sen Streit und ge­gen­sei­ti­ge Dis­kri­mi­nie­rung so sehr ver­in­ner­licht, dass die „von Vor­ur­tei­len freie Lie­be“gro­ße Zu­kunfts­auf­ga­be blei­ben muss.

Die­ser Os­na­brü­cker „Nat­han“ist nichts für Pu­ris­ten heh­ren Klas­si­ker­kul­tes. Da­für lie­fert er Stoff für kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen.

Fo­to: Marek Krus­zew­ski

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