Span­nen­de Mu­sik und ei­ne ver­pass­te Chan­ce

Ra­pha­el Wall­fisch spielt in Os­na­brück das Cel­lo-Konzert von Hans Gál, aber der his­to­ri­sche Kon­text spielt keine Rol­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Ralf Döring

Ra­pha­el Wall­fisch spielt sein Gaglia­no-Cel­lo aus dem Jahr 1760 mit gro­ßem Ton. Mü­he­los er­hebt er sich über das Os­na­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter, und die In­ten­si­tät sei­nes Spiels un­ter­streicht die Be­deu­tung sei­ner mu­si­ka­li­schen Mis­si­on. Da­bei geht es nicht nur um fa­bel­haf­te Mu­sik, die das Cel­lo-Konzert des deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Kom­po­nis­ten Hans Gál dar­stellt. Der bri­ti­sche Cel­list hat ge­ra­de Mu­sik von Kom­po­nis­ten auf­ge­nom­men, die vor der Na­ziDik­ta­tur ge­flüch­tet sind, un­ter an­de­rem Gáls Cel­lo-Konzert. Das hat mit Wall­fischs per­sön­li­cher Fa­mi­li­en­ge- schich­te zu tun: Sei­ne Mut­ter Ani­ta Las­ker-Wall­fisch ist eben­falls Cel­lis­tin – und die letz­te Über­le­ben­de des so­ge-

nann­ten­von Au­schwitz. Mäd­chen­or­ches­ter­sIm drit­ten Sin­fo­nie­kon­zert in der Os­na­brück­hal­le schlägt sich die­ser Um­stand al­ler­dings nicht nie­der, so na­he das für ei­ne In­sti­tu­ti­on wie das Thea­ter Os­na­brück und sein Orches­ter auch ge­le­gen hät­te, das sich dem Frie­dens­ge­dan­ken der Stadt Os­na­brück so ver­pflich­tet fühlt, zu­mal zwei Ta­ge nach dem Ho­lo­caust­Ge­denk­tag.

Statt­des­sen flat­tert das Mot­to „His­to­risch“wie ein ver­bli­che­nes Fest­fähn­chen über dem Pro­gramm. So ha­ben sich die Pro­gramm­pla­ner ei­ne wun­der­ba­re Chan­ce ent­ge­hen las­sen, klas­si­sche Mu­sik in ei­nen his­to­ri­schen Kon­text ein­zu­ord­nen.

Wie aber geht Gál mit die­sem Hin­ter­grund um? 1944 setzt er schreck­li­chen per­sön­li­chen Schick­sals­schlä­gen und ei­nem Eu­ro­pa, das ge­ra­de in Trüm­mern ver­sinkt, das Prin­zip Hoff­nung ent­ge­gen. Sein Cel­lo-Konzert ent­wirft ei­ne be­zau­bern­de Idyl­le, die aus der Ton­spra­che der Ro­man­tik des aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­derts schöpft – al­ler­dings oh­ne Mah­lers Sar­kas­mus oder Bruck­ners mo­nu­men­ta­le Ar­chi­tek­to­nik. Hin und wie­der blitzt, wie zu Be­ginn des drit­ten Sat­zes, Hu­mor auf, an­sons­ten durch­zieht Me­lan­cho­lie das Stück - aber düs­ter wird es nie. Wall­fisch rea­li­siert das mit ei­nem so­no­ren, klang­vol­len Ton, das Orches­ter ent­wi­ckelt un­ter Gast­di­ri­gent Lutz de Veer ei­ne war­me Far­big­keit. Und vor al­lem die So­lo-Oboe wird im­mer wie­der zum wert­vol­len Dia­log­part­ner des So­lis­ten Ra­pha­el Wall­fisch.

Be­gon­nen hat das Konzert bunt schil­lernd mit An­ton We­berns Orches­trie­rung des zwei­ten Ri­cer­car für sechs Stim­men aus dem „Mu­si­ka­li­schen Op­fer“von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach. Heu­te, da die his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis die Klan­gäs­the­tik so nach­hal­tig ge­prägt hat, wirkt das wie ein selt­sa­mer Anachro­nis­mus, aber im­mer­hin gibt es ei­ne Brü­cke zu Gál: Der hat Bach sehr be­wun­dert, und die zwei­te So­lo­ka­denz sei­nes Cel­lo-Kon­zerts weckt durch­aus Er­in­ne­run­gen an Bachs So­lo-Sui­ten für Cel­lo.

Die his­to­ri­sche Auf­füh­rungs­pra­xis be­kommt schließ­lich nach der Pau­se et­was mehr Ge­wicht: Im Ste­hen spielt das Os­na­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter da Jo­seph Haydns „Ab­schiedssin­fo­nie“. De Veer holt da oh­ne Takt­stock den nö­ti­gen Dri­ve aus dem Orches­ter, die Mu­si­ke­rin­nen und Mu­si­ker ha­ben ih­re Freu­de an die­sem Stück, und Haydns Hu­mor brin­gen Orches­ter und Di­ri­gent eben­falls schön zu Gel­tung.

Fo­to: Da­vid Ebe­ner

Mu­si­ker mit Mis­si­on: Ra­pha­el Wall­fisch.

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