Der De­mo­ti­va­tor

Ka­ba­ret­tist Ni­co Sems­rott de­pri­miert bei sei­nem Auf­tritt in der La­ger­hal­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Gab Ka­ba­ret­tist Ni­co Sems­rott.

Den Herrn der Fins­ter­nis Von Mat­thi­as Liedt­ke

Ist es lus­tig, wenn ein Ka­ba­ret­tist auf der Bühne ei­gent­lich nicht lus­tig sein will? Die­se Fra­ge stell­te sich an­ge­sichts des Auf­tritts von Ni­co Sems­rott in der La­ger­hal­le – und ließ sich nur be­dingt be­ja­hen.

Denn zu kon­se­quent, ernst­haft und glaub­wür­dig gab der Ka­pu­zen­mann den bla­sier­ten Herrn der Fins­ter­nis, für den das Glas stets „voll leer“ist. Mit hän­gen­den Schul­tern, trau­ri­gem Hun­de­blick und im mo­no­to­nen Sprach­duk­tus be­wusst drö­ge do­zie­rend, klär­te der Ex-Poe­try-Slam­mer et­wa an­hand ei­nes hier­ar­chisch struk­tu­rier­ten Pa­vi­an­fel­sens dar­über auf, wie vom Obe­raf­fen ver­kün­de­te und von den Un­ter­ta­nen be­klatsch­te Glau­bens­sät­ze und po­li­ti­sche Is­men die ge­sell­schaft­li­che Lee­re zwi­schen Le­ben und Tod auf der Ba­sis be­lie­bi­ger Feind­bil­der mit „Quatsch“fül­len und dass da­bei zum Bei­spiel so et­was wie ei­ne „Flücht­lings­kri­se“le­dig­lich ein ir­ra­tio­na­les Ge­fühl ist.

Ei­ne Zwie­spra­che zwi­schen ei­nem Auf­klä­rer und ei­nem Fa­na­ti­ker ge­riet oh­ne ei­ne ent­spre­chend poin­tier­te Zu­spit­zung nur an­satz­wei­se zu ei­nem Kom­men­tar zur ak­tu­el­len Schein­de­bat­te um „Fa­ke News“und „al­ter­na­ti­ve Fak­ten“. Im Rah­men sei­nes 90-mi­nü­ti­gen „De­mo­ti­va­tions-Work­shops“er­klär­te der 30-jäh­ri­ge Ham­bur­ger nicht wirk­lich den Un­ter­schied.

Der Rest war mit­hil­fe von Po­wer-Po­int kin­der­leicht er­klär­te Ka­pi­ta­lis­mus- und Ge­sell­schafts­kri­tik. Schlich­ten rechts­po­pu­lis­ti­schen Lö­sun­gen für kom­ple­xe Pro­blem­la­gen wur­de schon al­lein mit dem Hin­weis auf die Zu­fäl­lig­keit der Ge­burt jeg­li­che Grund­la­ge ent­zo­gen.

Der De­mo­ti­va­tor gei­ßel­te den all­ge­gen­wär­ti­gen Ins­ze­nie­rungs­wahn zwi­schen Hoch­zeit und Ar­beits­welt, lie­fer­te ein „Kant to go“-Auf­klä­rungs-Up­date, suhl­te sich in se­xu­el­lem Selbst­mit­leid und spieß­te po­li­ti­sche All­ge­mein­plät­ze und Wi­der­sprü­che auf, die dar­aus re­sul­tie­ren, dass wir ver­nunft­be­gab­te We­sen und trieb­ge­steu­er­te Tie­re zu­gleich sind.

Die Fra­ge, ob es über­haupt noch ein­fa­che Ant­wor­ten ge­ben kann, be­ant­wor­te er mit: „Ja und Nein“. Für ei­ge­ne La­cher be­straf­te er sich, um sich als ge­schei­ter­te, „de­pres­si­ve“Exis­tenz sti­li­sie­ren zu kön­nen.

„Freu­de ist nur ein Man­gel an In­for­ma­ti­on“, nennt Ni­co Sems­rott sein fort­wäh­rend düs­te­res, pes­si­mis­ti­sches Pro­gramm. Was al­ler­dings nur die hal­be Wahr­heit ist. Denn nicht nur mit sei­ner Pa­vi­an-Me­ta­pher zeig­te er, dass ge­nau das­sel­be auch für ne­ga­ti­ve Ge­füh­le wie Angst und Hass gilt.

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