Den Spu­ren auf der Spur

Pin­sel, Pul­ver, Prä­zi­si­on: Wie die Be­am­ten der Kri­mi­nal­po­li­zei am Tat­ort die Fähr­te auf­neh­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Ein Mon­tag­mor­gen, ir­gend­wo im nörd­li­chen Müns­ter­land. Klaus Bud­de­mei­er öff­net den Kof­fer­raum sei­nes Opels und holt sein „Ge­päck“– ei­ne klei­ne Ta­sche und ei­nen gro­ßen Kof­fer – her­aus. Ver­rei­sen will er aber nicht. Bud­de­mei­er ist Spu­ren­si­che­rer bei der Kri­po. Dies­mal hat es ei­nen Le­bens­mit­tel­dis­coun­ter er­wischt. Die Diebe ka­men über Nacht.

Klaus Bud­de­mei­er und sein Kol­le­ge Micha­el Pog­ge­mann (Tat­ort­auf­nah­me) hin­ge­gen kom­men erst am Mor­gen. Nach­dem das Markt­per­so­nal den Ein­bruch ent­deckt und ge­mel­det hat. Bud­de­mei­ers Ta­sche ent­hält ei­ne Ka­me­ra, sein Kof­fer al­les, was man so zur Spu­ren­si­che­rung braucht: Fin­ger­ab­druck­pul­ver, Lu­pe, Stäb­chen für DNA-Ma­te­ri­al, La­texHand­schu­he...

Und das Duo macht sich so­fort ans Werk. Am An­fang aber bleibt der Kof­fer zu. „Wir sich­ten zu­nächst ein­mal den Tat­ort“, er­klärt Bud­de­mei­er. Man schaut sich um. Dass er und sein Kol­le­ge da­bei mit ge­senk­ten Köp­fen um­her­lau­fen, hat nichts mit schlech­ter Lau­ne zu tun. „Der ers­te Blick geht im­mer nach un­ten“, so Bud­de­mei­er. Fuß­ab­drü­cke. „Wenn man da ein­mal dr­über ist, dann ist die Spur zer­stört.“Das darf nicht sein. Und da­mit es nicht pas­siert, nimmt ein Spu­ren­si­che­rer sei­nen Tat­ort sehr ge­wis­sen­haft un­ter die Lu­pe, denn Spu­ren wie DNA oder Fin­ge­rund Soh­len­ab­drü­cke sind es, die er sucht.

Nur wo soll er su­chen? Klaus Bud­de­mei­er läuft durch die Räu­me des Dis­coun­ters und mur­melt lei­se vor sich hin. Das macht er ex­tra. „Ich ver­su­che so, ei­nen Ablauf hin­zu­krie­gen“, sagt er. Das heißt zu gu­cken, wo sind die Tä­ter in den Markt ge­kom­men, wie ha­ben sie sich in­nen be­wegt, wie sind sie wie­der raus­ge­kom­men. „Das ist für mich wich­tig, um zu wissen, wo ich nach Spu­ren su­chen muss. Ich muss mich in die La­ge des Tä­ters hin­ein­ver­set­zen.“

Im kon­kre­ten Fall sind die Tä­ter of­fen­bar ein Re­gen­rohr hoch­ge­klet­tert, ha­ben ein paar Dach­pfan­nen hoch­ge­nom­men, sind un­ter dem Dach in das Ge­bäu­de ein­ge­drun­gen und ha­ben sich dort am Tre­sor zu schaf­fen ge­macht. Raus ging es durchs Fens­ter.

Ex­akt die­sen Weg nimmt Klaus Bud­de­mei­er jetzt auch, aber na­tür­lich nur zum Si­chern von vor­han­de­nen Spu­ren. Des­halb ist er vor­sich­tig. Und er wird fün­dig. Schuh­spu­ren an der Wand und auf dem Dach. An der Dach­rin­ne wer­den mit­tels so­ge­nann­ter Bak­te­ri­et­ten (Wat­te­stäb­chen) DNA-Spu­ren ge­si­chert. Al­ler­dings braucht die Po­li­zei da­zu Amts­hil­fe von der Feu­er­wehr. Der Lösch­zug Re­cke rückt an, um ei­ne Steck­lei­ter von aus­rei­chen­der Hö­he be­reit­zu­stel­len.

Info-Samm­ler

Der­weil küm­mert sich sein Kol­le­ge Kri­mi­nal­haupt­kom­mis­sar Micha­el Pog­ge­mann um die Tat­ort­auf­nah­me. Das heißt, er er­hebt den ob­jek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­be­fund. Er spricht mit den Markt­an­ge­stell­ten, sam­melt al­le wich­ti­gen In­for­ma­tio­nen, zum Bei­spiel, wann der Ein­bruch be­merkt wur­de. Im zu­stän­di­gen Kom­mis­sa­ri­at ist das ein wech­seln­der Dienst. Wo­chen­wei­se. „Da ma­chen wir dann die gan­ze Wo­che nichts an­de­res“, sagt Pog­ge­mann. Und zwar an al­len mög­li­chen Tat­or­ten. „Egal, was kommt.“

Im Marktin­ne­ren ar­bei­tet sich Klaus Bud­de­mei­er ent­lang der Spu­ren all­mäh­lich dort­hin vor, wo es span­nend wird: zum Tre­sor. Die Tür zum Raum ist auf­ge­he­belt, den Tre­sor selbst mit der Flex (ver­geb­lich) be­ar­bei­tet, ein paar Schließ­fä­cher sind auf­ge­bro­chen, und die Schei­be zum Ver­kaufs­raum wur­de ein­ge­schla­gen – zu si­chern­de Spu­ren gibt es hier ei­ne Men­ge.

Ein – of­fen­bar von den Tä­tern mit­ge­brach­ter – Schrau­ben­zie­her wird ein­ge­tü­tet. Ihn wer­de er, so Bud­de­mei­er, spä­ter noch ein­mal ab­rei­ben, das heißt, even­tu­el­le DNASpu­ren si­chern und auf an­de­re Be­son­der­hei­ten un­ter­su­chen. Viel­leicht wur­de er ja schon mal wo­an­ders ver­wen­det.

Am Tre­sor selbst kommt dann das gu­te, al­te Ruß­pul­ver zum Ein­satz. Mit ei­nem fei­nen Pin­sel bringt Klaus Bud­de­mei­er das schwar­ze Pul­ver auf der Tre­sor­ober­flä­che auf. Und wird fün­dig. Fin­ger­ab­drü­cke sind zu se­hen. Und wie­der kom­men die DNA-Stäb­chen zum Ein­satz. Auch am Fens­ter, durch das die Tä­ter den Le­bens­mit­tel­Dis­coun­ter ver­las­sen ha­ben, ver­fährt er so.

Wenn es ir­gend­wo ei­nen Ver­däch­ti­gen gibt, kann des­sen DNA mit ver­schie­de­nen Tat­ort­spu­ren ab­ge­gli­chen wer­den, und ihm kön­nen so even­tu­ell auch noch wei­te­re Ta­ten nach­ge­wie­sen wer­den.

Bud­de­mei­er ist bei sei­ner Ar­beit vor­sich­tig. Spu­ren­si­che­rer

wissen, wie sie es ver­mei­den kön­nen, ih­re ei­ge­ne DNA oder ih­re Fin­der­ab­drü­cke am Tat­ort zu hin­ter­las­sen. Mit Sorg­falt. Und wenn doch mal ein Mal­heur pas­siert, sind ih­re Da­ten­sät­ze hin­ter­legt, da­mit die­se ir­re­füh­ren­den Spu­ren gleich aus­sor­tiert wer­den kön­nen.

Im Fal­le des Le­bens­mit­tel­dis­coun­ters hat die Kri­po ein paar Spu­ren ge­fun­den, Schuh­spu­ren, Fin­ger­spu­ren, ein Tat­werk­zeug. Für Bud­de­mei­er eher un­spek­ta­ku­lär. „Das hielt sich in Gren­zen. Ein ganz nor­ma­ler Tat­ort.“Die Spu­ren wer­den jetzt in die ent­spre­chen­den Da­ten­ban­ken ein­ge­pflegt. Viel­leicht wird man ja fün­dig. Und selbst wenn nicht: „Nach dem Da­ten­ab­gleich mit der KTU (Kri­mi­nal­tech­ni­sche Un­ter­su­chung, Anm. d. Red.) kann ich gu­cken, ob ein iden­ti­scher Schuh­ab­druck bei an­de­ren Ein­brü­chen auf­ge­taucht ist“, sagt Bud­de­mei­er.

Als nächs­ten Schritt wer­de er ei­nen Bild­be­richt er­stel­len, sagt der Spu­ren­si­che­rer. Die ge­mach­ten Fo­tos wer­den chro­no­lo­gisch ge­ord­net, die ge­fun­de­nen Spu­ren dar­auf­hin ar­chi­viert. DNA-Spu­ren wer­den beim Lan­des­kri­mi­nal­amt (LKA) in Düsseldorf in die Da­ten­bank ein­ge­pflegt, Schuh­spu­ren hin­ge­gen bei der KTU in Münster.

Am Tat­ort hat der Spu­ren­si­che­rer sei­ne Ar­beit ge­tan. Klaus Bud­de­mei­er ver­ab­schie­det sich von den An­ge­stell­ten und ver­staut Ta­sche so­wie Kof­fer wie­der in sei­nem Opel. Schnell noch ei­nen Zi­ga­ril­lo. Dann geht es wei­ter. Der nächs­te Tat­ort wird nicht lan­ge auf sich war­ten las­sen.

Wei­te­re span­nen­de Re­por­ta­gen le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de

Fo­tos: Hen­ning Mey­er-Veer

Ruß­pul­ver und Pin­sel sind klas­si­sche Uten­si­li­en ei­nes Spu­ren­si­che­rers, um Fin­ger­ab­drü­cke sicht­bar zu ma­chen.

do­ku­men­tiert.

Die auf­ge­he­bel­te Tür zum Tre­sor­raum wird mit der Ka­me­ra

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