Zahn um Zahn

Mund­hy­gie­ne auf dem Wi­ckel­tisch: Wer nie­mals Milch­zäh­ne ge­putzt hat, weiß nicht, was kämp­fen heißt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Lie­be Co­rin­na!

„Putzt Ihr Eu­ren Kin­dern die Zäh­ne?“Bei Dei­ner Fra­ge zweif­le ich, ob ich erst ant­wor­ten soll oder Euch gleich beim zahn­ärzt­li­chen Dienst an­zei­ge. Selbst­ver­ständ­lich put­zen wir de­nen die Zäh­ne. Seit der ers­te aus dem Zahn­fleisch äug­te und so lan­ge, bis die bei­den die Schreib­schrift be­herr­schen! Denn dann erst be­sit­zen sie die nö­ti­ge Fein­mo­to­rik zum Sel­ber­put­zen.

Das weiß ich von ei­ner Zahn­ärz­tin, in de­ren Vor­trag zur Mund­hy­gie­ne ich ver­se­hent­lich so­gar schon mehr­fach rein­ge­ra­ten bin. Je­des Mal stür­ze ich mich so­fort auf die Gra­tis­zahn­bürs­ten und ver­ges­se da­bei die wich­tigs­te Fra­ge: Ler­nen Kin­der neu­er­dings nicht gleich Druck­schrift? Hof­fent­lich nicht. Bis zum Abi put­ze ich nicht mehr. Wo­bei ich sa­gen muss: Die El­tern­kla­ge über das Ge­schrei beim Put­zen ist über­trie­ben. In die­sem Fall er­leich­tert es ja nur den Zu­griff auf die Zäh­ne.

Zahn­pfle­ge ist ei­ne dras­ti­sche Sa­che. Die Zu­ver­sicht der Vor­trags­me­di­zi­ne­rin klang ein biss­chen kin­der­los. Zum Spaß ha­be ich ihr be­schrie­ben, wie schlecht man mit zwei Hän­den die Bis­se ei­nes Klein­kinds ab­weh­ren, Kopf und Glie­der fi­xie­ren und gründ­lich die In­nen­sei­te der Ba­cken­zäh­ne rei­ni­gen kann. Ant­wort: Wenn Ihr Kind an der ro­ten Am­pel durch­dreht, hal­ten Sie es auch fest.

Das hat mich über­zeugt. Bei Zäh­nen geht es um Le­ben und Tod. Wenn ich mei­nen Jungs das The­ma mal mit kind­ge­rech­ter Lek­tü­re na­he­brin­ge, neh­me ich das „Bud­den­brooks“-Ka­pi­tel, in dem Tho­mas an ei­nem kran­ken Zahn stirbt. Ich selbst ha­be als Kind statt Tho­mas Mann „Ka­ri­us und Bak­tus“ge­le­sen. Die Fol­ge: Im letz­ten Jahr muss­te ich vie­le Hun­dert Eu­ro für ei­ne Kro­ne und Wur­zel­be­hand­lun­gen aus­ge­ben, die selbst kos­ten­los un­er­freu­lich ge­we­sen wä­ren.

Ei­ne Teil­schuld ge­be ich dem Kin­der­buch-Au­tor Thorb­jørn Eg­ner, der Ka­ries und Bak­tus als fa­ta­le Sym­pa­thie­trä­ger

auf­baut. Ihr letz­ter Weg über den Zahn­putz­be­cher und die Ka­na­li­sa­ti­on bis in die hoff­nungs­lo­se See ge­hört zu den tra­gischs­ten Schluss­ka­pi­teln mei­ner Kin­der­bi­blio­thek. Bak­tus hat zu al­lem Über­fluss Pu­muckls Fri­sur und im Film so­gar den­sel­ben Spre­cher. Wenn ich da­mals Zu­cker aufs But­ter­brot ge­streut ha­be, war es rei­nes Mit­leid mit ihm.

Mei­ne Zäh­ne sind mir bis heu­te ein gro­ßer Kum­mer; mei­nen Kin­dern wird das nicht pas­sie­ren. Al­so put­ze und put­ze ich und ak­zep­tie­re da­bei für das hö­he­re Ziel auch den schlimms­ten Kon­flikt. Ge­ra­de Kin­dern fällt es ja leicht, sich da­nach zu ver­söh­nen. Und man hat auch sei­ne Tricks! Mei­ne Söh­ne zum Bei­spiel krie­gen nach dem Put­zen im­mer ei­ne gu­te Ta­fel Scho­ko­la­de zur Be­loh­nung. Es kann so ein­fach sein!

Herz­li­che Grü­ße! Dein Da­ni­el

PS: Wel­ches Ein­schlaf­buch hast Du am liebs­ten? Und bei wel­chem schläfst Du selbst im­mer ein?

Il­lus­tra­ti­on: Li­lith Be­ne­dict

Ge­schrei beim Put­zen hat Vor­tei­le: Man kommt an die Zäh­ne.

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