„Man muss das Ei­ge­ne fin­den“

Ro­man­ver­fil­mung: Heide Sch­wo­chow schrieb das Dreh­buch zu Kre­chels „Land­ge­richt“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Von Su­san­ne Ha­ver­kamp

Die Dreh­buch­au­to­rin Heide Sch­wo­chow kam erst spät zu ih­rem Be­ruf – über ih­ren Sohn Chris­ti­an. Und sie be­nutzt gern Ro­ma­ne als Grund­la­ge für Fil­me. Dies­mal den Nach­kriegs­ro­man „Land­ge­richt“von Ur­su­la Kre­chel.

„Es ist Jah­re her, dass die Pro­duk­ti­ons­fir­ma UFA Fic­tion bei mir an­rief und sag­te. ‚Lies mal den Ro­man Land­ge­richt und über­leg, ob du ei­nen Zwei­tei­ler dar­aus ma­chen kannst“, er­zählt Dreh­buch­au­to­rin Heide Sch­wo­chow im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Das Buch von Ur­su­la Kre­chel war 2012 mit dem Deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­net und ge­ra­de­zu hym­nisch be­spro­chen wor­den. Das macht Re­spekt: „Erst ha­be ich ge­dacht, das geht nicht, und ha­be es weg­ge­stellt. So ein kom­ple­xer Ro­man, 500 Sei­ten. Aber ich ha­be ihn im­mer wie­der raus­ge­holt, und am Schluss ha­be ich ge­dacht: Die Ge­schich­te muss man ein­fach er­zäh­len!“

Die Ge­schich­te von Richard Kor­nit­zer und sei­ner Fa­mi­lie. Ei­ne er­fun­de­ne Fa­mi­lie, die aber auf ei­nem wah­ren Schick­sal be­ruht, dem der Fa­mi­lie Michae­lis, der nach der Aus­strah­lung des ers­ten Teils des Films ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on ge­wid­met ist (heu­te, 21.50 Uhr im ZDF).

Richard Kor­nit­zer (ge­spielt von Ro­nald Zehrfeld) ist Rich­ter, bis er 1933 als Ju­de in Na­zi­deutsch­land Be­rufs­ver­bot er­hält. Sei­ne Frau Clai­re (ge­spielt von Jo­han­na

Wo­ka­lek) hat ei­ne ei­ge­ne Fir­ma für Wer­be­fil­me, doch sie ver­liert sie, ob­gleich sie keine Jü­din ist. Die Ge­schich­te setzt 1938 ein, als die El­tern be­schlie­ßen, ih­re Kin­der Ge­org und Sel­ma mit ei­nem jü­di­schen Kin­der­trans­port nach En­g­land in Si­cher­heit zu brin­gen. Kurz dar­auf er­hält Richard ein Vi­sum für Ku­ba, und Clai­re bleibt al­lein in Ber­lin zu­rück. Die Fa­mi­lie ist aus­ein­an­der­ge­ris­sen – und wird nie wie­der wirk­lich zu­sam­men­fin­den. Auch nicht, als der Krieg, den al­le über­le­ben, vor­bei ist.

„Wenn man ei­nen so gro­ßen Ro­man ver­filmt“, sagt Heide Sch­wo­chow, „dann

muss man das Ei­ge­ne fin­den, aber den Geist des Ro­mans bei­be­hal­ten.“Das Ei­ge­ne, das ist zu­nächst ei­ne neue Struk­tur. „Das Buch ar­bei­tet stark mir Rück­blen­den“, er­zählt die Dreh­buch­au­to­rin. „Ich ha­be die Ge­schich­te li­ne­ar er­zählt.“Auch der in­halt­li­che Schwer­punkt ist et­was ver­scho­ben. „Im Buch steht Richard im Mit­tel­punkt, für mich wa­ren aber Clai­re und die Kin­der ge­nau­so wich­tig.“

Die Per­son der Clai­re, die Mut­ter, die zu­rück­bleibt, ha­be sie von An­fang an fas­zi­niert. „Sie hält zu ih­rem Mann, ob­wohl sie keine Jü­din ist, sie er­trägt die Ab­schie­de, macht al­len in ih­ren

Brie­fen Mut. Wel­che Kraft, wel­che Stär­ke liegt dar­in.“In ge­wis­ser Wei­se ist der Zwei­tei­ler des­halb ein „Frau­en­film“ge­wor­den. „Und das liegt an mir“, lacht Sch­wo­chow, „nicht an der Buch­vor­la­ge.“

Doch na­tür­lich hat auch Richard ei­ni­ges Ge­wicht, vor al­lem im zwei­ten Teil des Films (Mitt­woch, 1. Fe­bru­ar), als er nach ei­ni­gen Wid­rig­kei­ten wie­der als Rich­ter ein­ge­setzt und ans Land­ge­richt Mainz be­stellt wird. Dort muss er er­le­ben, wie al­te Nazi-Ju­ris­ten un­ge­stört ih­ren Weg an den Nach­kriegs­ge­rich­ten ma­chen und wie un­ge­recht Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren für Nazi-Op­fer ver­lau­fen. Er ver­rennt sich in sei­ne Vor­stel­lung von Ge­rech­tig­keit, kennt keine Gna­de mit sich und an­de­ren. „Richard ist keine völ­lig sym­pa­thi­sche, son­dern ei­ne eher wi­der­sprüch­li­che Fi­gur“, gibt Heide Sch­wo­chow zu.

Und dann sind da noch die Kin­der, Ge­org und Sel­ma. Sie ha­ben es zu­nächst schwer in En­g­land, fin­den dann aber nach ei­ni­gen Ir­run­gen und Wir­run­gen ein lie­be­vol­les Zu­hau­se. Ih­re El­tern hal­ten sie für tot, und als die 1949 nach lan­ger Su­che doch auf­tau­chen, wol­len die Kin­der sie nicht. „Wir ha­ben ei­ne Fa­mi­lie“, sa­gen sie. „Für mich ist das nicht nur ein His­to­ri­en­dra­ma“, sagt Heide Sch­wo­chow. „Es ist durch­aus mo­dern, wie Ehe­leu­te, wie El­tern und Kin­der nicht mehr mit­ein­an­der re­den kön­nen und wie dar­an Fa­mi­li­en zer­bre­chen.“

Die­se Sor­gen hat Heide Sch­wo­chow selbst nicht. Im Ge­gen­teil: Sie ver­bin­det ei­ne en­ge Ar­beits­be­zie­hung zu ih­rem Sohn, dem Re­gis­seur Chris­ti­an Sch­wo­chow. „Er hat mich zum Dreh­buch­schrei­ben ge­bracht“, sagt die ge­lern­te Jour­na­lis­tin. „Als er an der Deut­schen Film­aka­de­mie stu­diert hat, hat er mich ge­fragt, ob ich für sei­ne Se­mes­ter­ar­beit mit ihm das Dreh­buch schrei­ben kann.“Die Mut­ter konn­te – und die bei­den setz­ten für den Ab­schluss­film des Soh­nes die Zu­sam­men­ar­beit fort.

Fo­to: ZDF/Wal­ter Weh­ner

Ab­schied:

Richard (Ro­nald Zehrfeld, l.) und Clai­re Kor­nit­zer (Jo­han­na Wo­ka­lek, r.) sind ent­schlos­sen, ih­re Kin­der Ge­org (Mo­ritz Hoy­er, 2.v.l.) und Sel­ma (Li­sa Marie Tr­en­se, 2.v.r.) in Si­cher­heit zu brin­gen. Sie sol­len mit ei­ner Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on nach En­g­land.

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