Kom­po­nist Phi­lip Glass wird 80

Viel­sei­ti­ges Werk: Ame­ri­ka­ni­scher Kom­po­nist Phi­lip Glass wird heu­te 80 Jah­re alt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Mehr Künst­ler und ihr Werk im Por­trät im In­ter­net auf noz.de/kul­tur

Mi­ni­ma­list? Avant­gar­dist? Kom­po­nist für Opern, Thea­ter oder Kla­vier­kon­zer­te? Der ame­ri­ka­ni­sche Kom­po­nist Phi­lip Glass be­herrscht die Welt der Mu­sik wie kaum ein Zwei­ter. Heu­te wird er 80 Jah­re alt.

Am An­fang ka­men teils nur 20 Zu­schau­er, und Geld ver­dien­te das En­sem­ble mit sei­nen Kon­zer­ten über­haupt nicht. Doch für des­sen Grün­der Phi­lip Glass war klar, dass er kein Mu­sik­leh­rer oder Aka­de­mi­ker wer­den woll­te. Und so ar­bei­te­te Glass ne­ben­her teils als Klemp­ner und bis zum Al­ter von 42 Jah­ren als Ta­xi­fah­rer in New York – der Mann, der bald zu den be­deu­tends­ten Kom­po­nis­ten der Ge­gen­wart zäh­len soll­te. Heu­te wird Glass 80 Jah­re alt.

Neun oder zehn St­un­den saß Glass in den 1970ern oft am Steu­er ei­nes „Yel­low Cab“, be­vor er ge­gen 1.00 oder 2.00 Uhr mor­gens nach Hau­se kam, um bis zum Mor­gen­grau­en Mu­sik zu schrei­ben, er­zähl­te er der bri­ti­schen BBC. Mit sei­ner mu­si­ka­li­schen Spra­che aus trei­ben­den Rhyth­men, sich schritt­wei­se ent­fal­ten­den, wie­der­ho­len­den Mus­tern und klein­tei­li­gen Klang­tep­pi­chen brach­te er die drän­gen­de, manch­mal be­droh­li­che Stim­mung ei­ner teils düs­te­ren Me­tro­po­le zum Aus­druck.

Da­bei hat­te der in Bal­ti­more im Staat Ma­ry­land ge­bo­re­ne Sohn ei­nes Schall­plat­ten­händ­lers mit der Oper „Ein­stein on the Beach“schon 1976 den Durch­bruch ge­schafft. Das vier­ein­halb­stün­di­ge Werk un­ter Re­gie von Ro­bert Wil­son, in dem die Darstel­ler statt ei­nes zu­sam­men­hän­gen­den Tex­tes Ton­lei­tern, Fi­gu­ren und Bass­li­ni­en auf Sil­ben und Zah­len san­gen, wur­de nach der Pre­mie­re im fran­zö­sischen Avi­gnon als re­vo­lu­tio­när ge­fei­ert. Den Job als Ta­xi­fah­rer gab Glass des­halb trotz­dem nicht auf.

Als jun­ger Flö­tist in Orches­tern, bei kirch­li­chen BachMes­sen oder mit Auf­nah­men von An­ton von We­bern, Ar­nold Schön­berg und Al­ban Berg, die er im Plat­ten­la­den sei­nes Va­ters ent­deck­te: Phi­lip Glass saug­te mu­si­ka­li­sche Ein­flüs­se auf wie ein Schwamm. Schon wäh­rend sei­nes Stu­di­ums an der re­nom­mier­ten Juil­li­ard School of Mu­sic in New York brach­te er mehr als 70 Kom­po­si­tio­nen zur Auf­füh­rung. Die Zeit bei der Kom­po­nis­tin Na­dia Bou­lan­ger ab 1963, die Glass im In­ter­view mit dem „Guar­di­an“als „un­er­bitt­li­chen Gu­ru in Paris“be­schrieb, form­te ihn wei­ter. Dank der Be­geg­nung mit dem fast 20 Jah­re äl­te­ren in­di­schen Sit­ar­meis­ter Ra­vi Shan­kar füg­te sich die re­pe­ti­ti­ve Struk­tur in­di­scher Mu­sik ab 1964 in Glass’ Werk. Er ha­be „zur sel­ben Zeit zwei der größ­ten Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Tra­di­tio­nen“er­lebt, er­in­ner­te sich Glass spä­ter.

Dass er ne­ben ful­mi­nan­ten Opern wie der 1980 ur­auf­ge­führ­te „Sa­ty­ag­ra­ha“zu­neh­mend auch Film­mu­sik schrieb, mach­te die Ei­n­ord­nung sei­nes Werks nicht leich­ter. Ne­ben den Fil­men „Koyaa­nis­qatsi“(1982) und des­sen Fort­set­zung „Po­waqqatsi“(1988) schrieb er den Sound­track zu Hol­ly­woo­dFil­men wie „The Hours – Von Ewig­keit zu Ewig­keit“und „Die Tru­man Show“und ar­bei­te­te mit Film­grö­ßen wie Mar­tin Scor­se­se („Kun­dun“, 1997) und Woo­dy Al­len zu­sam­men. Auch Mu­si­ker und Bands wie Da­vid Bo­wie, Bri­an Eno, Kraft­werk und Tal­king Heads lie­ßen sich von ihm in­spi­rie­ren oder ar­bei­te­ten mit ihm zu­sam­men.

Mi­ni­ma­list? Avant­gar­dist? Opern- oder Thea­ter­kom­po­nist? Glass ist so viel­sei­tig, dass er sich wie­der und wie­der ge­gen ver­ein­fa­chen­de Ei­n­ord­nun­gen durch Kri­ti­ker weh­ren muss­te. 26 Opern, 20 Bal­lett­wer­ke, zig Film­mu­si­ken, Thea­ter­stü­cke und Sym­pho­ni­en ha­be er ge­schrie­ben, sag­te er dem „Guar­di­an“kürz­lich. „Das sind al­les ver­schie­de­ne For­men von Mu­sik. Viel­leicht ma­che ich zu vie­le Din­ge.“

Auf­se­hen er­reg­te Glass zu­letzt vor al­lem mit der um­strit­te­nen Oper „The Per­fect American“über das Le­ben des US-Film­pro­du­zen­ten Walt Dis­ney, die in den letz­ten drei Mo­na­ten vor dem Tod des Grün­ders der Traum­fa­brik spielt.

Mi­ni­ma­list? Avant­gar­dist? Kom­po­nist für Opern, Thea­ter oder Kla­vier­kon­zer­te? Wie auch im­mer: Phi­lip Glass ge­hört heu­te zu den be­deu­tends­ten Kom­po­nis­ten der Ge­gen­wart. Foto: dpa

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