Bahn­chef Gru­be tritt zu­rück – Do­brindt of­fen­bar über­rascht

Dif­fe­ren­zen mit Auf­sichts­rat über Ver­trags­ver­län­ge­rung – Vor­stands­chef ver­är­gert

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Rü­di­ger Gru­be.

Zu­rück­ge­tre­ten:

Bahn­chef Rü­di­ger Gru­be ist im Streit um ei­ne Ver­trags­ver­län­ge­rung am Mon­tag zu­rück­ge­tre­ten. Vor­über­ge­hend führt Fi­nanz­chef Richard Lutz den Bun­des­kon­zern, ein Nach­fol­ger soll zeit­nah ge­fun­den wer­den, wie die Bahn nach ei­ner Auf­sichts­rats­sit­zung mit­teil­te. Da­rin wa­ren Dif­fe­ren­zen über die ge­plan­te Ver­län­ge­rung von Gru­bes Amts­zeit zu­ta­ge ge­tre­ten.

Sein Ver­trag lief noch bis De­zem­ber. Wie aus Auf­sichts­rats­krei­sen zu er­fah­ren war, hat­te Gru­be dem Kon­troll­gre­mi­um vor­ge­wor­fen, sich nicht an Ab­spra­chen ge­hal­ten zu ha­ben. Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alexander Do­brindt (CSU) sprach an­schlie­ßend von „we­nig Ei­ni­gungs­be­reit­schaft auf bei­den Sei­ten“. „Das ist in der Tat ei­ne so nicht zu er­war­ten­de Wen­dung“, sag­te Do­brindt in Mün­chen. Gru­be ver­lässt den Kon­zern in­mit­ten ei­ner Initia­ti­ve, die Qua­li­tät, Kun­den­zahl und Er­geb­nis der Deut­schen Bahn deut­lich ver­bes­sern soll­te. Erst kürz­lich er­klär­te Gru­be das Pro­gramm „Zu­kunft Bahn“zur Chef­sa­che. Der 65 Jah­re al­te Gru­be war seit 2009 Vor­stands­chef des bun­des­ei­ge­nen Kon­zerns.

Der Rück­tritt von Bahn­chef Rü­di­ger Gru­be hört sich nach Tü­ren­knal­len und ver­letz­ter Eh­re an – was die Bahn of­fen­bar her­un­ter­spie­len will. Klar ist: Vor­stand Ro­nald Po­fal­la steht schon an der Bahn­steig­kan­te. Grü­nen-Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter warnt be­reits vor „Ge­mau­schel“.

BERLIN. Bahn-Ma­na­ger Ro­nald Po­fal­la gilt als der „Kron­prinz“für den Spit­zen­pos­ten in dem Staats­kon­zern Deut­sche Bahn. Po­fal­la, frü­her CDU-Ge­ne­ral­se­kre­tär, Kanz­ler­amts­chef und en­ger Ver­trau­ter von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU), hat seit 2015, dem Jahr sei­nes Ein­tritts bei der Bahn, Zug um Zug mehr Macht be­kom­men. Der 57-Jäh­ri­ge war zu­nächst Ge­ne­ral­be­voll­mäch­tig­ter für po­li­ti­sche und in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen. Im Au­gust 2015 wur­de er zum Vor­stand Wirtschaft, Recht und Re­gu­lie­rung er­nannt. Seit Jah­res­be­ginn lei­tet er das Res­sort In­fra­struk­tur mit knapp 80000 Mit­ar­bei­tern. Das ist das Herz des Kon­zerns. Da­mit ist Po­fal­la au­ßer­dem of­fi­zi­ell Stell­ver­tre­ter von Gru­be.

Im Mit­tel­punkt

Der Ex-Po­li­ti­ker be­erb­te Vol­ker Ke­fer, der über die Kos­ten­stei­ge­rung beim Bahn­hofs­pro­jekt Stutt­gart 21 ge­stol­pert war. Auch die Ver­ant­wor­tung für die rund 3700 Si­cher­heits­kräf­te wur­de Po­fal­la über­tra­gen, die zu­vor bei sei­nem Vor­stands­kol­le­gen Ke­fer lag. An dem 57Jäh­ri­gen kommt da­mit kei­ner vor­bei, wenn es um die Gru­be-Nach­fol­ge geht.

Wie stark der Ju­rist den Kon­zern do­mi­niert, wur­de erst am 17. Ja­nu­ar beim Neu­jahrs­empfang der Bahn klar. Gru­be be­rich­tet oben auf ei­nem Po­dest, wie mo­dern der Staats­kon­zern un­ter sei­ner Füh­rung ge­wor­den sei. Die „DB Mind­box“am S-Bahn­hof Jan­no­witz­brü­cke – Ort des Emp­fangs – sei nur ein Zei­chen da­für. Un­ter dem ro­ten Back­stein­ge­wöl­be ar­bei­ten Start-ups an Ge­schäfts­ide­en. Po­fal­la stand ganz hin­ten,

ver­zog kei­ne Mie­ne, auch nicht als sein Na­me fiel. Er war es, den die Jour­na­lis­ten um­ring­ten und mit Fra­gen nach sei­ner Zu­kunft be­dräng­ten. Er wies sie ab. Die Vor­sicht ist nach­voll­zieh­bar mit Blick auf die Auf­sichts­rats­sit­zung ges­tern, bei der über die Ver­län­ge­rung des Ver­trags von Gru­be ent­schie­den wer­den soll­te. Al­les, was Po­fal­la vor die­ser Sit­zung öf­fent­lich sa­gen wür­de, hät­te

für ihn und für den Kon­zern schäd­lich sein kön­nen.

Gru­bes Ver­trag lief ei­gent­lich noch bis Jah­res­en­de. Erst im De­zem­ber hat­ten sich die Auf­sichts­rats­mit­glie­der auf ei­ne Ver­län­ge­rung mit Gru­be fest­ge­legt, die Lauf­zeit des neu­en Kon­trakts aber zu­nächst of­fen­ge­las­sen. Dass nur zwei statt drei Jah­re mehr für Gru­be her­aus­ka­men, hat­te den 65-Jäh­ri­gen of­fen­bar die Not­brem­se zie­hen las­sen.

Grü­nen-Frak­ti­ons­chef An­ton Ho­frei­ter hat den Rück­tritt von Gru­be als „Chan­ce für ei­nen Neu­start“be­wer­tet. „Wir brau­chen end­lich ei­ne Bahn, die sich um die Kun­den küm­mert, pünkt­lich und kom­for­ta­bel ist, die das Schie­nen­netz flickt und flä­chen­de­ckend W-Lan be­reit­stellt“, sag­te Ho­frei­ter un­se­rer Re­dak­ti­on. Er for­der­te den Aus­stieg aus „un­nö­ti­gen Pres­ti­ge­pro­jek­ten, aus der in­trans­pa­ren­ten Fir­men­struk­tur so­wie aus teu­ren Aben­teu­ern in Groß­bri­tan­ni­en und Über­see“. Der Bund als ein­zi­ger Ak­tio­när dür­fe nicht län­ger still­hal­ten, son­dern müs­se für ei­nen Neu­start Rü­cken­wind ge­ben, mahn­te Ho­frei­ter.

Nach Hart­mut Meh­dorn als ehe­ma­li­gem Luft­fahrt­ma­na­ger und Rü­di­ger Gru­be als Au­to­f­ach­mann sei an der Bahn-Spit­ze nun „je­mand mit Lei­den­schaft für die Bahn“drin­gend er­for­der­lich. „Schäd­lich wä­re neu­es Ge­mau­schel um Gru­bes Nach­fol­ge“, er­klär­te der Vor­sit­zen­de und frü­he­re Ver­kehrs­ex­per­te der Grü­nen-Bun­des­tags­frak­ti­on.

Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Alexander Do­brindt (CSU) zeig­te sich über­rascht vom Rück­tritt des Bahn­chefs. Auf die Fra­ge nach den Aus­sich­ten von Po­fal­la sag­te Do­brindt: „Wir ge­hen jetzt ein­fach auf die Su­che. Es gibt jetzt über­haupt kei­nen Grund, jetzt im Vor­feld schon ir­gend­wel­che Na­men ins Ge­spräch zu brin­gen.“

Der 65 Jah­re al­te Gru­be war für 300000 An­ge­stell­te welt­weit und rund 40 Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz ver­ant­wort­lich. Durch den Kauf der Aus­lands­ver­kehr­s­toch­ter Ar­ri­va trieb Gru­be die in­ter­na­tio­na­le Aus­rich­tung vor­an. Nach ei­nem Ver­lust­jahr 2015 konn­te er zu­letzt auf ein ver­bes­ser­tes Er­geb­nis und ei­ne ge­stie­ge­ne Pünkt­lich­keit der Zü­ge ver­wei­sen .

Ei­sen­bah­ner mit Herz?

Ku­rio­se Rand­no­tiz: Trotz sei­nes Rück­zugs könn­te Gru­be noch ei­ne Aus­zeich­nung als „Ei­sen­bah­ner mit Herz“win­ken. Ein Fahr­gast ha­be Gru­be kurz vor des­sen Rück­tritt für den Wett­be­werb no­mi­niert, teil­te die Al­li­anz pro Schie­ne am Mon­tag mit. Der Mann war dem­nach mit ei­ner klei­nen Rei­se­grup­pe im ICE von Berlin nach Ba­sel un­ter­wegs. Der Spei­se­wa­gen sei voll ge­we­sen, die Zu­ge­stie­ge­nen hät­ten „un­schlüs­sig im Gang“ge­stan­den. Doch Gru­be ha­be die Grup­pe zu sei­nem Tisch ge­wun­ken und auch sei­ne Be­glei­ter ge­be­ten, die Plät­ze zu räu­men. „Ist doch selbst­ver­ständ­lich“, sag­te der da­mals noch am­tie­ren­de Bahn-Chef dem­nach. „Ich bin doch hier qua­si zu Hau­se.“Gru­be ist laut Al­li­anz pro Schie­ne der ers­te Bahn­Chef und zugleich der ers­te Ex-Bahn-Chef, der für den Ti­tel „Ei­sen­bah­ner mit Herz“no­mi­niert ist. Die Preis­trä­ger wer­den von ei­ner Ju­ry ge­kürt.

Gru­bes Rück­tritt und die Hin­ter­grün­de:

Bahn-Chef Foto: dpa

Der Chef und der Kron­prinz: Bahn­chef Gru­be und Neu-Vor­stands­mit­glied Ro­nald Po­fal­la 2015. Foto: imago/Chris­ti­an Schro­ed­ter

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