Kann Ka­na­da die Tür auf­hal­ten?

Pre­mier Tru­deau muss nach dem An­griff in Qu­e­bec um sei­ne li­be­ra­le Li­nie kämp­fen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Jo­han­nes Sch­mitt-Teg­ge

Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten emp­fängt Ka­na­da mit of­fe­nen Ar­men, es gilt als Mus­ter­land für In­te­gra­ti­on. Aus­ge­rech­net dort nimmt nun ein An­grei­fer ei­ne Mo­schee ins Vi­sier und tö­tet sechs Men­schen. Pre­mier­mi­nis­ter Jus­tin Tru­deau muss An­grif­fe von rechts ab­weh­ren – nicht zum ers­ten Mal.

Es ist ein kal­ter Sonn­tag­abend, als sich die Gläu­bi­gen in ei­ner Mo­schee im ka­na­di­schen Qu­e­bec zum Ge­bet ver­sam­meln. Die Män­ner be­ten im Erd­ge­schoss des Is­la­mi­schen Kul­tur­zen­trums, im obe­ren Stock­werk hal­ten sich Frau­en und Kin­der auf. Um kurz vor 20 Uhr be­tritt ein mas­kier­ter An­grei­fer das Got­tes­haus und schießt auf die Be­ten­den. Bald dar­auf sind sechs Men­schen tot und 19 ver­letzt, fünf schwe­ben am Mon­tag noch in Le­bens­ge­fahr.

„Es war je­mand, der mit Waf­fen um­ge­hen konn­te“, zi­tiert die Zei­tung „Glo­be and Mail“ei­nen Mann, der, auf dem Bauch lie­gend, im vor­de­ren Teil der Mo­schee aus­harrt, als der An­grei­fer sein Ma­ga­zin leert. Be­rich­ten zu­fol­ge ist die­ser mit ei­nem Ka­lasch­ni­kow-Sturm­ge­wehr un­ter­wegs. „Er tö­te­te und tö­te­te. Es war wirk­lich schreck­lich.“Wie vie­le an­de­re hat­te der Au­gen­zeu­ge, der sei­nen Na­men nicht nennt, ge­glaubt, die be­schau­li­che Stadt in der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Pro­vinz sei si­cher, Ka­na­da sei si­cher. „Aber lei­der ist das nicht der Fall.“

Wäh­rend Ärz­te um die Le­ben der Schwer­ver­letz­ten rin­gen und ein Tat­ver­däch­ti­ger fest­ge­nom­men wird, be­mü­hen sich Er­mitt­ler um ra­sche Auf­klä­rung. Was trieb den An­grei­fer, der „Al­la­hu Ak­bar“(„Gott ist groß“) ge­ru­fen

ha­ben soll, zu dem Blut­bad in ei­nem mus­li­mi­schen Got­tes­haus? War es ein ra­di­ka­ler Is­la­mist, der das fried­li­che Zu­sam­men­le­ben gläu­bi­ger Mus­li­me mit den An­ge­hö­ri­gen an­de­rer Re­li­gio­nen stör­te? Kämpf­te ein selbst er­nann­ter Got­tes­krie­ger in Ka­na­da ge­gen Mit­glie­der sei­ner ei­ge­nen Glau­bens­ge­mein­schaft?

So oder so dürf­te die Tat rech­ten Grup­pen, die an­ti­is­la­mi­sche Pa­ro­len ver­brei­ten und Stim­mung ge­gen Ein­wan­de­rer ma­chen, in die Kar­ten spie­len. Ka­na­das links­li­be­ra­ler Pre­mier­mi­nis­ter Jus­tin Tru­deau, der noch

vor En­de der po­li­zei­li­chen Er­mitt­lun­gen von ei­nem Ter­ror­akt spricht, be­müht sich um Scha­dens­be­gren­zung. Mus­li­mi­sche Ka­na­di­er sei­en in Ka­na­da Teil des „na­tio­na­len Ge­we­bes“, sagt er. „Viel­falt ist un­se­re Stär­ke.“

Im­mer wie­der wird Ka­na­da da­für ge­lobt, Flücht­lin­ge mit of­fe­nen Ar­men zu emp­fan­gen, re­li­giö­se To­le­ranz zu le­ben und Mi­gran­ten beim Über­gang in ih­ren neu­en All­tag zu be­glei­ten. Von den 765 000 Ein­woh­nern Qu­e­becs iden­ti­fi­zie­ren sich rund 6700 als Mus­li­me. Lan­des­weit ma­chen Mus­li­me 3,2 Pro­zent der Be­völ­ke­rung aus.

Tru­deau, der sei­ne Po­li­tik der of­fe­nen Tür mehr­fach ge­gen An­grif­fe von rechts ver­tei­dig­te, muss nun mit er­neu­tem Wi­der­stand rech­nen.

Kom­men könn­te der auch von Do­nald Trump, der gleich in sei­ner ers­ten Wo­che als US-Prä­si­dent ei­nen Ein­rei­sestopp ge­gen Per­so­nen aus sie­ben mehr­heit­lich mus­li­mi­schen Län­dern ver­hängt hat. Trumps Rhe­to­rik ge­gen Mus­li­me aus dem Wahl­kampf ist in Ka­na­da in der Laut­stär­ke noch nicht an­ge­kom­men. Doch auch die Ka­na­di­er sind ge­spal­ten: In ei­ner Um­fra­ge aus On­ta­rio gab 2016 nur ein Drit­tel der Be­frag­ten an, ei­nen po­si­ti­ven Ein­druck vom Is­lam zu ha­ben. Mehr als die Hälf­te der Be­frag­ten sprach von ei­nem Ge­fühl, dass die is­la­mi­sche Leh­re Ge­walt för­de­re. Auch die ge­gen Mus­li­me ge­rich­te­ten Ge­walt­ta­ten ha­ben sich ge­mehrt.

Neun Jah­re wa­ren die Kon­ser­va­ti­ven un­ter Ste­phen Har­per an der Macht, ehe Tru­deau das Zep­ter über­nahm. Harpers Wahl­nie­der­la­ge ging 2015 ein nach ka­na­di­schen Stan­dards un­schö­ner Wahl­kampf vor­aus: Sei­ne Par­tei setz­te ein Bur­ka-Ver­bot auf die Agen­da, als sich ih­re Schlap­pe ab­zeich­ne­te. Der Ap­pell an „ka­na­di­sche Wer­te“war das letz­te – wenn auch ge­schei­ter­te – Auf­bäu­men ei­nes Pre­miers, der mit The­men wie Ein­wan­de­rungs­re­form, be­waff­ne­ten Ein­sät­zen im Aus­land und Skep­sis ge­gen­über dem Kli­ma­wan­del drei Wah­len in Fol­ge ge­won­nen hat­te. Es ist zu­min­dest mög­lich, dass bei der nächs­ten Wahl 2019 ein stram­me­rer Har­perNach­fol­ger nach dem Vor­bild Trumps an­tritt.

So weit ist es noch nicht, doch ih­re Ver­zweif­lung kön­nen ei­ni­ge Po­li­ti­ker schon jetzt nicht mehr ver­ber­gen. „An die mus­li­mi­sche Ge­mein­de, un­se­re Nach­barn, un­se­re Mit­bür­ger, die auf un­se­re Un­ter­stüt­zung und un­se­re So­li­da­ri­tät set­zen: „Wir lie­ben euch“, sagt nach dem An­schlag et­wa Qu­e­becs Bür­ger­meis­ter Ré­gis La­beau­me. Er kämpft mit den Trä­nen.

Foto: AFP

Frie­den, nicht Krieg: In der Nä­he der Mo­schee ma­chen die­se Män­ner ih­re Hal­tung klar.

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