Wel­che Po­ten­zia­le bie­tet die Re-Mi­gra­ti­on?

Rah­men­be­din­gun­gen für Mi­gra­ti­ons­be­we­gun­gen müs­sen stim­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Von Mar­tin Franz

„Jung, gut und un­er­wünscht“oder „Exo­dus von Mus­ter­mi­gran­ten: Ab­schied aus Al­manya“– Me­dien­be­rich­te über die Ab­wan­de­rung hoch qua­li­fi­zier­ter Tür­kei­stäm­mi­ger aus Deutsch­land ha­ben seit 2008 im­mer wie­der für Auf­se­hen ge­sorgt. Der Ver­lust für die deut­sche Volks­wirt­schaft wird da­bei be­son­ders the­ma­ti­siert. Tat­säch­lich ist dies ein so­ge­nann­ter Brain-Drain (wörtlich über­setzt Ge­hirn­ab­fluss), weil gut aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te Deutsch­land ver­las­sen. Dass Re-Mi­gra­ti­on aber auch Po­ten­zia­le für deut­sche Un­ter­neh­men im Aus­land und da­mit für die deut­sche Wirtschaft hat, ha­ben wir in dem deutsch-tür­ki­schen Pro­jekt „(Re-)Mi­gran­ten im deutsch-tür­ki­schen In­no­va­ti­ons­netz­werk“ge­zeigt.

Re-Mi­gran­ten blei­ben Deutsch­land nach ih­rer Ab­wan­de­rung meist ver­bun­den. In der Tür­kei nut­zen sie ih­re Netz­werk­be­zie­hun­gen und ih­re Kennt­nis­se von Deutsch­land so­wie der deut­schen Spra­che. Vie­le ar­bei­ten dort für deut­sche Un­ter­neh­men. Da­bei ist auf­fäl­lig, dass deut­sche Un­ter­neh­men – mitt­ler­wei­le gibt es über 6200 deut­sche Un­ter­neh­men und tür­ki­sche Un­ter­neh­men mit deut­scher Ka­pi­tal­be­tei­li­gung in der Tür­kei – häu­fig Tür­kei­stäm­mi­ge aus Deutsch­land im Ma­nage­ment ein­set­zen. Dies er­leich­tert die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Un­ter­neh­mens­stand­or­ten in bei­den Län­dern er­heb­lich. Mar­tin Franz ist Pro­fes­sor für Hu­man­geo­gra­fie mit dem Schwer­punkt Wirt­schafts­geo­gra­fie.

Glei­ches gilt für In­ge­nieu­re und IT-Fach­leu­te, die sich leich­ter mit Kol­le­gen in Deutsch­land aus­tau­schen kön­nen oder so­gar Di­enst­leis­tun­gen für den deut­schen Markt er­brin­gen. Sie sind mensch­li­che Brü­cken, die Deutsch­land und die Tür­kei mit­ein­an­der ver­bin­den. Die Ab­wan­de­rung ist da­bei kei­ne Ein­bahn­stra­ße: Wie­der­hol­te Wohn­ort­wech­sel zwi­schen bei­den Län­dern sind bei Hoch­qua­li­fi­zier­ten kei­ne Sel­ten­heit. Zum Teil fin­det die Re-Mi­gra­ti­on un­ter Bei­be­hal­tung des Ar­beit­ge­bers statt; tür­kei­stäm­mi­ge Mit­ar­bei­ter wer­den so­wohl an deut­schen als auch an tür­ki­schen Stand­or­ten ein­ge­setzt. So ent­ste­hen neue trans­na­tio­na­le Le­bens- und Ar­beits­wei­sen. Durch die ge­gen­wär­ti­gen po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen und die Si­cher­heits­la­ge in der Tür­kei ver­liert ein sol­cher Le­bens­stil ak­tu­ell al­ler­dings an An­zie­hungs­kraft.

Vor dem Hin­ter­grund der ak­tu­el­len Zu­wan­de­rung aus ara­bi­schen Staa­ten stellt sich die Fra­ge, ob der­ar­ti­ge Ef­fek­te lang­fris­tig auch zwi­schen Deutsch­land und Län­dern wie Sy­ri­en zu er­war­ten sind, wenn sich dort die Si­tua­ti­on wie­der bes­sert. Ein­deu­tig be­ant­wor­ten lässt sich dies nicht. Ei­ne Stu­die von Öko­no­men aus Lon­don, Tou­lou­se und Chi­ca­go zur Mi­gra­ti­on in die USA in den letz­ten 130 Jah­ren hat her­aus­ge­stellt, dass die Im­mi­gra­ti­on von Men­schen aus frem­den Län­dern ei­ne po­si­ti­ve Lang­zeit­wir­kung auf lokale Fir­men hat. Denn durch die wirt­schaft­li­chen Kon­tak­te mit dem Her­kunfts­land der Mi­gran­ten kön­nen Un­ter­neh­men ih­re ei­ge­ne Wett­be­werbs­fä­hig­keit er­hö­hen. Die Ef­fek­te, die wir bei der Be­deu­tung der Deutsch­tür­ken für deut­sche Un­ter­neh­men be­ob­ach­ten konn­ten, sind al­so kei­ne Aus­nah­me. Wich­tig scheint nur zu sein, dass die Rah­men­be­din­gun­gen stim­men: Da­zu ge­hö­ren ei­ne wirt­schaft­li­che und ge­sell­schaft­li­che Si­tua­ti­on, die ei­nen sol­chen Aus­tausch in­ter­es­sant macht, so­wie ein Ein­wan­de­rungs­recht, das es Men­schen er­mög­licht, trans­na­tio­na­le Wohn­orts­wech­sel vor­zu­neh­men.

Beim 9. Os­na­brü­cker Wis­sens­fo­rum im No­vem­ber 2016 ha­ben 33 Pro­fes­so­ren auf Ein­la­dung der NOZ und der Uni Os­na­brück Fra­gen un­se­rer Le­ser be­ant­wor­tet. Al­le Ant­wor­ten wer­den in die­ser Se­rie ab­ge­druckt. Al­le Bei­trä­ge sind als Vi­deo ab­ruf­bar auf www.uni-os­nabru­eck. de/wis­sens­fo­rum.

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