„Ein wah­res Ge­samt­kunst­werk“

DAM-Ar­chi­tek­tur-Preis 2017 an Eu­ro­päi­sches Han­se­mu­se­um Lü­beck – Wo blei­ben die Wohn­pro­jek­te?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Er­neut hat sich ein Mu­se­ums­bau durch­ge­setzt: Das Eu­ro­päi­sche Han­se­mu­se­um in Lü­beck hat den DAM-Preis für Ar­chi­tek­tur in Deutsch­land 2017 ge­won­nen. Das Deut­sche Ar­chi­tek­tur­mu­se­um (DAM) in Frank­furt stellt nun die Ar­bei­ten des Wett­be­werbs aus.

Von Chris­ti­an Hu­ther

Ei­ne Trau­er­hal­le, so denkt man, soll­te ei­ne schüt­zen­de Hül­le bie­ten. Doch in ei­nem un­ter­frän­ki­schen Dorf bei Aschaf­fen­burg ent­stand ein mu­ti­ger Neu­bau. Der kan­ti­ge, schein­bar mehr­fach ge­fal­te­te Bau­kör­per ist groß­zü­gig ver­glast. Im Wes­ten, wo­hin die Au­gen der Ge­mein­de ge­rich­tet sind, er­laubt ei­ne Fens­ter­front den Blick hin­un­ter ins Tal zum Dorf und auch hin­auf zum Him­mel. Ein nicht nur sym­bo­lisch trös­ten­der Blick, den die Frank­fur­ter Ar­chi­tek­ten Gold­ham­mer & Krat­zen­stein er­mög­lichen. Der Bau hat zwar nicht den dies­jäh­ri­gen „DAM-Preis für Ar­chi­tek­tur in Deutsch­land“ge­won­nen, ist aber im­mer­hin in die en­ge­re Wahl von 24 Pro­jek­ten ge­kom­men.

Den re­nom­mier­ten, aber un­do­tier­ten Preis er­hal­ten hat das Eu­ro­päi­sche Han­se­mu­se­um in Lü­beck – wie­der ein­mal ein Mu­se­um, darf man schon laut sa­gen. Denn un­ter den Ge­win­nern des jetzt seit zehn Jah­ren ver­lie­he­nen Prei­ses sind in­zwi­schen sie­ben Mu­se­en. Aber die sind nun mal „die Kö­nigs­dis­zi­plin der Ar­chi­tek­tur“, meint Pe­ter Ca­cho­la Schmal, der Di­rek­tor des Deut­schen Ar­chi­tek­tur­mu­se­ums in Frank­furt.

Na­tür­lich hat das Mu­se­um den Preis ver­dient, han­delt es sich doch um ei­ne kom­ple­xe Bau­auf­ga­be. Das zeigt jetzt ei­ne Schau im DAM, die ne­ben dem Ge­win­ner auch die 23 wei­te­ren Bau­ten vor­stellt. In Lü­beck ging es näm­lich nicht nur um ein neu­es Mu­se­um – das größ­te sei­ner Art in Eu­ro­pa –, son­dern auch um die Sa­nie­rung des ge­sam­ten En­sem­bles, das bis ins Mit­tel­al­ter zu­rück­reicht. „Ein wah­res Ge­samt­kunst­werk, Der Ge­win­ner vom Städ­te­bau, Bau­for­schung, Neu­bau, Um­bau, Re­no­vie­rung bis hin zur Aus­stel­lungs­in­sze­nie­rung und Gra­fik“, so Ju­ry­mit­glied Schmal.

Da­bei ist der Ar­chi­tekt Andre­as Hel­ler ein Au­ßen­sei­ter, ein Quer­ein­stei­ger, der als Büh­nen­bild­ner be­gann, spä­ter als Film­ar­chi­tekt und Aus­stel­lungs­ge­stal­ter ar­bei­te­te, be­vor er zur Mu­se­ums­ar­chi­tek­tur kam. Hel­lers Neu­bau aus Back­stein liegt an ei­nem Hü­gel, auf dem ein Burg­klos­ter steht. Ei­ne öf­fent­li­che Trep­pe führt vom Neu­bau zur hö­her ge­le­ge­nen Alt­stadt. Auch drin­nen setzt Hel­ler die Räu­me und Ob­jek­te ge­schickt in Sze­ne für die 800-jäh­ri­ge Ge­schich­te der Han­se und des Han­dels.

Al­ler­dings über­wiegt in der dies­jäh­ri­gen Schau das The­ma Woh­nen, denn der be­zahl­ba­re Wohn­raum wird im­mer knap­per, vor al­lem in den Groß­städ­ten. Ins­ge­samt zehn Wohn­häu­ser sind un­ter den 24 Bau­ten ver­tre­ten. Die­se Fül­le zeigt, dass das po­li­tisch bri­san­te The­ma in­zwi­schen ernst ge­nom­men wird.

Im­mer­hin darf kei­nes der Pro­jek­te äl­ter als an­dert­halb Jah­re sein. Die Schau misst al­so tat­säch­lich den Puls der Zeit. So ist all­jähr­lich ein ak­tu­el­ler Qu­er­schnitt pri­va­ter und öf­fent­li­cher Pro­jek­te zu se­hen, vom Flücht­lings­heim bis zum Kin­der­gar­ten, von der Trau­er­hal­le bis zur Uh­ren­ma­nu­fak­tur, von der zum Wohn­haus um­ge­bau­ten Scheu­ne bis zum Wohn­hoch­haus.

Gut hört sich auch die Idee des „Aus­bau­hau­ses“in Berlin an, das 24 Woh­nun­gen mit je 120 Qua­drat­me­tern hat, die in drei Va­ri­an­ten er­wor­ben wer­den kön­nen: im Roh­bau, mi­ni­mal oder fer­tig aus­ge­baut. Si­cher­lich kann kei­ne der Bau­ten dem Lü­be­cker Mu­se­um das Was­ser rei­chen. „Wo blei­ben die span­nen­den und wirk­lich re­le­van­ten Wohn­pro­jek­te?“, fragt auch Pe­ter Schmal.

Frank­furt/Main, Deut­sches Ar­chi­tek­tur­mu­se­um: „DAM-Preis 2017. Die bes­ten 24 Bau­ten in und aus Deutsch­land.“Bis 30. April. Di. und Do.–So. 11–18, Mi. 11–20 Uhr. Ka­ta­log 38 Eu­ro. In­ter­net: dam-on­line.de

(links): Blick auf das Eu­ro­päi­sche Han­se­mu­se­um in Lü­beck von Ar­chi­tekt Andre­as Hel­ler. Die Trau­er­hal­le Bes­sen­bach (oben), ge­stal­tet von den Ar­chi­tek­ten Gold­ham­mer & Krat­zen­stein, kam auf die „Short­list“des DAM-Wett­be­werbs. Ein Fi­na­list (un­ten): das von Ar­chi­tekt Tho­mas Krö­ger ge­stal­te­te Land­haus Fer­gitz in der Ucker­mark.

Fo­tos: Wer­ner Huth­ma­cher/Norbert Mi­gu­letz/Tho­mas Hei­mann

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