Kur­zer Pro­zess

27 Köp­fe, ei­ne Meinung: Der Br­ex­it schweißt die Eu­ro­päi­sche Uni­on zu­sam­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Det­lef Drewes

So schnell und gut ge­launt ging ein EU-Gip­fel schon lan­ge nicht mehr zu En­de. Oh­ne die Bri­ten sind sich die Spit­zen­po­li­ti­ker der Mit­glied­staa­ten ei­nig wie sel­ten. Ge­nau das dürf­te für har­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit Lon­don sor­gen.

So ein Gip­fel­tref­fen hat Brüs­sel auch noch nicht er­lebt. Die 27 Staats­und Re­gie­rungs­chefs hat­ten am Sams­tag ge­ra­de erst zum Mit­tag­es­sen Platz ge­nom­men, da twit­ter­te Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker be­reits „Job er­le­digt!“Gan­ze vier Mi­nu­ten dau­er­te es, in de­nen Rats­prä­si­dent Do­nald Tusk sei­nen Ent­wurf für die Leit­li­ni­en zu den Br­ex­it-Ge­sprä­chen vor­stell­te, nach Mei­nungs­bei­trä­gen frag­te und „star­ken Ap­plaus“ern­te­te. Die Sa­che war er­le­digt. Tusk sei „sehr glück­lich ge­we­sen“, schil­der­te Par­la­ments­prä­si­dent An­to­nio Ta­ja­ni die At­mo­sphä­re die­ses Mo­ments. „Das ist ex­trem gut ge­lun­gen“, freu­te sich Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel hin­ter­her, die Tusk ei­ne „ex­zel­len­te Vor­be­rei­tung“be­schei­nig­te. Ei­ni­ge der ver­sam­mel­ten Staats- und Re­gie­rungs­chefs spra­chen wie der ita­lie­ni­sche Pre­mier Pao­lo Gen­ti­lo­ni so­gar von ei­ner „Chan­ce auf Ein­heit und Neu­start“der EU.

Die Er­leich­te­rung über

den ge­lun­ge­nen Coup aber dürf­te nicht lan­ge an­hal­ten. Denn der Schul­ter­schluss der 27, die sich al­le Mü­he ga­ben, ih­re Ei­nig­keit nicht als Kampf­an­sa­ge an Lon­don er­schei­nen zu las­sen, pro­vo­ziert auf bri­ti­scher Sei­te of­fen­bar er­heb­li­che Ver­är­ge­rung. Erst am Wo­che­n­en­de wur­de be­kannt, dass Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May am ver­gan­ge­nen Mitt­woch den Kom­mis­si­ons­prä­si­den­ten of­fen­bar re­gel­recht kon­ster­niert hat­te. „Ich ver­las­se Dow­ning Street zehn­mal skep­ti­scher, als ich es vor­her war“, ha­be Juncker nach dem Ge­spräch mit der Re­gie­rungs­che­fin sei­nen Mit­ar­bei­tern ge­sagt, heißt es in Be­rich­ten. In ei­nem an­schlie­ßen­den Te­le­fo­nat mit Mer­kel sol­len so­gar die fas­sungs­lo­sen Wor­te ge­fal­len sein: „May lebt in ei­ner an­de­ren Ga­la­xie.“

Die Er­folgs­chan­cen der Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen lä­gen bei „höchs­tens 50 Pro­zent“.

Tat­säch­lich ge­hen die EUSpit­zen da­von aus, sich mit ih­ren Leit­li­ni­en weit­ge­hend durch­set­zen zu kön­nen. Da­zu ge­hört vor al­lem das Grund­prin­zip, dass zu­erst über die Schei­dung und an­schlie­ßend über die Neu­ge­stal­tung der Be­zie­hung ge­spro­chen wird. Da­ge­gen be­steht die Re­gie­rung des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­rei­ches hart­nä­ckig dar­auf, schon in der ers­ten Pha­se auch über ein Frei­han­dels­ab­kom­men zu dis­ku­tie­ren. Fi­nan­zi­el­le For­de­run­gen Brüs­sels – dort kur­siert ei­ne Zahl von rund 60 Mil­li­ar­den Eu­ro un­ter an­de­rem für be­reits be­schlos­se­ne Pro­gram­me – weist man in Lon­don weit von sich. Hin­zu kom­men Streitigkeiten um die künf­ti­ge EUAu­ßen­gren­ze, die die bri­ti­sche

Pro­vinz Nord­ir­land von der Re­pu­blik Ir­land tren­nen wür­de. Die EU hat al­le Vor­keh­run­gen ge­trof­fen, um im Fal­le ei­ner de­mo­kra­tisch zu­stan­de ge­kom­me­nen Wie­der­ver­ei­ni­gung der Lan­des­tei­le Nord­ir­land so­fort als EU-Mit­glied an­zu­er­ken­nen. Das stößt Lon­don bit­ter auf.

Dass es vor dem Hin­ter­grund sol­cher Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zu har­mo­ni­schen Br­ex­it-Ge­sprä­chen kom­men könn­te, sei kaum an­zu­neh­men, heißt es in Brüs­sel. Da­bei ver­wei­sen Ex­per­ten al­ler­dings auch dar­auf, dass Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May kei­nes­wegs „wil­de For­de­run­gen“er­he­ben kön­ne. Denn egal wie ein Br­ex­it-Ver­hand­lungs­er­geb­nis am En­de aus­sieht, es muss vom Eu­ro­päi­schen Par­la­ment ge­bil­ligt wer­den – und wohl auch von ei­ner Rei­he na­tio­na­ler Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mern. Das Ri­si­ko ei­nes Ve­tos ist hoch, soll­te Lon­don die eu­ro­päi­schen For­de­run­gen rund­weg ab­leh­nen.

Doch an die­sem Sams­tag war Eu­ro­pa auf Har­mo­nie ge­trimmt – nicht nur in Sa­chen Br­ex­it. Un­garns Re­gie­rungs­chef Vik­tor Or­bán, dem die Kom­mis­si­on noch we­ni­ge Ta­ge zu­vor ein Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren we­gen ei­nes neu­en Hoch­schul­ge­set­zes an­ge­droht hat­te, ver­sprach, ge­for­der­te Kor­rek­tu­ren um­zu­set­zen. Und auch beim The­ma Be­zie­hun­gen zur Tür­kei moch­te man sich nicht lan­ge auf­hal­ten. Mit Staats­prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan soll es beim Nato-Gip­fel am 25. Mai in Brüs­sel ein Ge­spräch ge­ben.

Das ging schnell: EU-Br­ex­it­un­ter­händ­ler Mi­chel Bar­nier, Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker und Eu­ro­pa­rats­prä­si­dent Do­nald Tusk (v. l.) konn­ten sich beim Gip­fel­tref­fen in Brüs­sel den Rück­halt der 27 Mit­glieds­län­der si­chern. Fo­to: dpa

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