Jetzt muss die FDP-Kar­re nur noch an­sprin­gen

Mit den Li­be­ra­len ist wie­der zu rech­nen: Par­tei­chef Lind­ner hat die zu­letzt schwer an­ge­schla­ge­ne Par­tei flott­ge­macht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Bea­te Ten­fel­de

Die FDP ein Ein-Per­so­nen-Stück? Und au­ßer Chris­ti­an Lind­ner ist da we­nig? Die­se Darstel­lung passt dem Par­tei­vor­sit­zen­den nicht. „Die­se Fi­xie­rung auf mich ist nicht von uns ge­wollt. Die Me­di­en set­zen auf be­kann­te Köp­fe“, sagt der 38Jäh­ri­ge auf dem FDP-Bun­des­par­tei­tag am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de.

Zum Be­weis für die Viel­falt der FDP-Ta­len­te gibt Lind­ner die zwei­te gro­ße Re­de des Par­tei­tags an sei­ne Ge­ne­ral­se­kre­tä­rin Ni­co­la Beer wei­ter. Die al­ler­dings kann mit der Kunst des Vor­sit­zen­den nicht mit­hal­ten. Lind­ner schafft es, durch Witz und bei­ßen­de Iro­nie die Zu­hö­rer zu fes­seln und da­bei zurrt er die Top-The­men fest. Er ist der un­an­ge­foch­te­ne Chef.

Was bleibt vom Par­tei­tag? Ein Wahl­pro­gramm, das die For­de­rung nach „welt­bes­ter Bil­dung“und nach Di­gi­ta­li­sie­rung nach oben rückt. Bil­dung will die FDP als ge­samt­staat­li­che Kraft­an­stren­gung ver­ste­hen – ei­ne For­de­rung, die bei der SPD an­schluss­fä­hig ist. Der Bund soll – an­ders als jetzt – mit da­für sor­gen, dass Schul­ge­bäu­de auf dem best­mög­li­chen Stand sind und mehr Geld in die di­gi­ta­le Aus­stat­tung fließt. Lind­ner il­lus­triert das zu be­sei­ti­gen­de Pro­blem mit pla­ka­ti­ven Sät­zen: „Nur weil Kin­der gern im Dreck spie­len, müs­sen die Schu­len nicht so aus­se­hen“, ist der ei­ne. Der an­de­re: „Der Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter darf zwar Schu­len in Bu­run­di und Bots­wa­na sa­nie­ren, aber in Bonn und Bö­blin­gen nicht.“

Wie bis­her stellt die FDP den Schutz der Bür­ger­rech­te, das Be­kennt­nis zu Nato und EU, das Ein­tre­ten ge­gen den welt­weit wach­sen­den Pro­tek­tio­nis­mus in den Mit­tel­punkt. Das Ver­spre­chen ei­ner Steu­er­ent­las­tung, das die Li­be­ra­len 2009 in der schwarz-gel­ben Ko­ali­ti­on nicht ein­lö­sen konn­ten, taucht auch auf. Aber es ist ei­nes un­ter vie­len. Wirk­lich neu ist die For­de­rung nach dem En­de der Bei­tritts­ge­sprä­che der EU mit der Tür­kei, die FDP will statt­des­sen ei­nen „Grund­la­gen­ver­trag“. Neu ist das Pos­tu­lat nach dem ge­re­gel­ten Aus­tritt ei­nes Staa­tes aus der Eu­ro­zo­ne oh­ne Ver­lust der EU-Mit­glied­schaft, eben­so das Plä­doy­er für ein ge­ord­ne­tes Staats­in­sol­venz-Ver­fah­ren in der Eu­ro­zo­ne. Da­mit dockt die FDP an For­de­run­gen des CDU-CSU-Mit­tel­stan­des an. Sie gibt aber auch EU-Skep­ti­kern ei­nen Ha­fen, die sonst nach der AfD schie­len könn­ten.

Die Frei­en De­mo­kra­ten drin­gen fer­ner auf kla­re Re­geln für „ver­bind­li­che In­te­gra­ti­on“in Deutsch­land und wol­len da­für Be­gren­zun­gen beim um­strit­te­nen Dop­pel­pass ein­füh­ren. Auf dem Bun­des­par­tei­tag in Ber­lin folg­ten die De­le­gier­ten nach teils hit­zi­ger De­bat­te dem Kurs der Par­tei­spit­ze, nach drei Ge­ne­ra­tio­nen ei­nen Schnitt zu ma­chen und von En­keln der Erst­ein­ge­bür­ger­ten ei­ne Ent­schei­dung zur Staats­an­ge­hö­rig­keit zu for­dern. Auch dies liegt auf der Li­nie von Tei­len der Uni­on.

Da­mit die FDP den Sprung in den Bun­des­tag schafft, zeigt sie sich of­fen – nur für Lin­ke und AfD nicht. Ko­ali­ti­ons­aus­sa­gen schließt der zum drit­ten Mal im Amt be­stä­tig­te Par­tei­chef Lind­ner aus. Mit Elo­quenz, Klin­ken­put­zen und Om­ni­prä­senz hat er das Wrack FDP nach dem To­tal­scha­den bei der Wahl 2013 wie­der flott­ge­macht. Jetzt muss die Kar­re nur noch an­sprin­gen, wenn am 24. Sep­tem­ber ge­wählt wird.

Die Kon­kur­renz rech­net of­fen­bar be­reits mit den Li­be­ra­len in Ber­lin – oder hofft ins­ge­heim dar­auf. Vor dem Bun­des­par­tei­tag war das et­wa bei SPD-Vi­ze Olaf Scholz nicht zu über­hö­ren. Sel­ten wohl hat ein po­li­ti­scher Geg­ner so freund­li­che Wor­te an­läss­lich FDP-Tref­fens ge­fun­den wie der Ham­bur­ger Ers­te Bür­ger­meis­ter. „Das So­zi­al­li­be­ra­le ist tief in der SPD ver­wur­zelt“, lockt Scholz.

Auch sonst meh­ren sich Hin­wei­se, dass die FDP sich aus dem Tief her­aus­ge­ar­bei­tet hat. 3000 Neu­zu­gän­ge und da­mit ak­tu­ell 56 000 Mit­glie­der, mehr als 230 Jour­na­lis­ten als Par­tei­tag-Be­ob­ach­ter, 1500 Gäs­te in der al­ten Lok­hal­le in Kreuz­berg. Im hip­pen Ta­gungs­ort bau­en Un­ter­neh­men wie­der ih­re Stän­de auf. Au­to­bau­er zei­gen neue Mo­del­le. Ar­beit­ge­ber­prä­si­dent In­go Kra­mer er­scheint, er ist FDP-Mit­glied. 2013 war da To­ten­stil­le. Jetzt brummt es wie­der. Die FDP wird – auch an­ge­sichts der Schwä­che der Grü­nen – von Uni­on und SPD als Part­ner wie­der ins Vi­sier ge­nom­men.

Di­gi­ta­le Bil­dung ist ein Ziel: Chris­ti­an Lind­ner. Fo­to: dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.