Mu­sik ver­bin­det

Ro­cker Lin­den­berg ver­al­bert DDR-Staats­chef Hone­cker – und wird in DDR ein­ge­la­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Bert­hold Ha­mel­mann

Auf der ei­nen Sei­te der schnodd­ri­ge Deutschro­cker Udo Lin­den­berg, auf der an­de­ren Erich Hone­cker, der ideo­lo­gisch hals­star­ri­ge Staats­rats­vor­sit­zen­de der DDR: Der Pop­song „Son­der­zug nach Pan­kow“bringt die un­glei­chen Män­ner 1983 kurz­zei­tig ein we­nig nä­her.

In ei­nem In­ter­view mit dem Sen­der Frei­es Ber­lin (SFB) äu­ßert Udo Lin­den­berg am 5. März 1979 den Wunsch, end­lich für sei­ne Fans in Os­tBer­lin ein Kon­zert ge­ben zu dür­fen. Die Ra­dio­bot­schaft schwappt schnell in den an­de­ren Teil des ge­teil­ten Deutsch­lands. Der Chef­ideo­lo­ge der SED, Kurt Ha­ger, ent­schei­det schon vier Ta­ge spä­ter: „Auf­tritt in der DDR kommt nicht in Fra­ge“. Udo Lin­den­berg, 1946 im west­fä­li­schen Gro­nau ge­bo­ren, ist zu die­ser Zeit schon längst Aus­hän­ge­schild der deutsch­spra­chi­gen Rock­sze­ne. Eher un­ge­wöhn­lich für ei­nen deut­schen Sän­ger: Po­li­tisch lie­gen ihm in den 1980er-Jah­ren die in­ner­deut­schen Be­zie­hun­gen am Her­zen.

Sein Plan für ein Kon­zert oder ei­ne Tour­nee in der DDR schmort wei­ter vor sich hin. Lin­den­berg ver­schafft sei­ner Ver­är­ge­rung mu­si­ka­lisch Luft: Sein iro­nisch-fre­cher Song „Son­der­zug nach Pan­kow“ent­puppt sich 1983 gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht als Voll­tref­fer. Die Sing­le wird Lin­den­bergs bis da­hin bes­te Hit­pa­ra­den­plat­zie­rung. Und der Song er­reicht in der DDR ge­ra­de­zu Kult­sta­tus und be­schäf­tigt so­fort auch die Be­hör­den.

In ei­ner recht­li­chen Ana­ly­se lis­tet die be­rüch­tig­te Haupt­ab­tei­lung IX, das Un­ter­su­chungs­or­gan der Sta­si, al­le im Lied­text ent­hal­te­nen Straf­tat­be­stän­de auf. Auf die­ser Grund­la­ge kann ge­gen Mu­si­ker, Gast­stät­ten und Dis­ko­the­ken vor­ge­gan­gen wer­den, die sich trau­en, den Song in der DDR zu spie­len.

In sei­nem Lied nimmt Lin­den­berg Erich Hone­cker, den Staats­rats­vor­sit­zen­den der DDR, auf die Schip­pe, be­zeich­net ihn als Ober­in­dia­ner, als stu­ren Schrat und Ro­cker. Das ist mehr als Ma­jes­täts­be­lei­di­gung – die Sta­si schäumt. Die­se Text­pas­sa­gen sei­en ge­eig­net, „die per­sön­li­che Wür­de ei­nes Men­schen grob zu ver­let­zen und zugleich das ge­sell­schaft­li­che An­se­hen des Vor­sit­zen­den des Staats­ra­tes der DDR […] her­ab­zu­set­zen“, fin­det die DDR-Be­hör­de.

Auch wenn der erst ab An­fang 1986 von Mich­ail Gor­bat­schow ein­ge­lei­te­te Pro­zess zum Um­bau des po­li­ti­schen, ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Sys­tems der So­wjet­uni­on noch be­vor­steht (der letzt­lich das En­de der DDR ein­läu­tet), so wurm­te die Sta­si 1983 be­son­ders ei­ne in rus­si­scher Spra­che ein­ge­streu­te „Son­der­zug“-Text­pas­sa­ge am En­de des Lie­des, die über­setzt be­deu­tet: „Ge­nos­se Erich, im Üb­ri­gen hat der Obers­te So­wjet nichts ge­gen ein Gast­spiel von Herrn Lin­den­berg in der DDR.“Die DDR, ein Ap­pen­dix der So­wjet­uni­on – un­denk­bar, ja ei­ne bun­des­deut­sche Frech­heit.

Der „Son­der­zug nach Pan­kow“wird zum heim­li­chen Hit. Hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand amü­sie­ren sich vie­le in der DDR köst­lich. Be­son­ders die iro­nisch-pro­vo­kan­te Un­ter­stel­lung, wo­nach „Hon­ni“, ge­nau­so wie sei­ne Lands­leu­te in der DDR, ver­bots­wid­rig und heim­lich „aufm Klo“und „mit „Le­der­ja­cke“Westra­dio hö­re, be­lus­tigt – nur eben nicht die DDR-Spit­ze, die es sich in Ber­lin-Pan­kow, ei­nem grü­nen Teil im Nor­den der ge­teil­ten Stadt, gut ge­hen lässt.

Trotz­dem kommt es am 25. Ok­to­ber 1983 zum ers­ten und bis zur Wen­de ein­zi­gen Auf­tritt von Udo Lin­den­berg in der DDR. 15 Mi­nu­ten kann der Sän­ger mit sei­nem Pa­nik­or­ches­ter vor 4200 hand­ver­le­se­nen Zu­hö­rern ei­nes FDJFes­ti­vals „Rock für den Frie­den“im Pa­last der Re­pu­blik auf­tre­ten. Doch der „Son­der­zug nach Pan­kow“darf auf Wei­sung der DDR-Füh­rung nicht ge­spielt wer­den.

Knapp vier Jah­re spä­ter tref­fen sich Lin­den­berg und Hone­cker am 9. Sep­tem­ber 1987 in Wup­per­tal – am Ran­de ei­nes Staats­be­suchs. Der Rock­mu­si­ker über­gibt wäh­rend des kur­zen Tref­fens ei­ne E-Gi­tar­re mit dem Slo­gan „Gi­tar­ren statt Knar­ren“und plant ei­ne Tour­nee durch die DDR. Das En­de der Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik, ein­ge­lei­tet durch die Öff­nung der Ber­li­ner Mau­er am 9. No­vem­ber 1989, kommt je­doch schnel­ler.

Aber der Son­der­zug nach Pan­kow wird Rea­li­tät. 32 Jah­re nach dem Er­schei­nen des Songs tin­gelt Lin­den­berg am 25. März 2015 in Ber­lin in ei­nem Son­der­zug der UBahn-Li­nie 2 mit 70 Fahr­gäs­ten vom Olym­pia­sta­di­on im tie­fen Ber­li­ner Wes­ten zum End­bahn­hof Pan­kow in den Ost­teil der Stadt.

Fo­to: dpa

Udo Lin­den­berg tritt 1983 beim FDJ-Fes­ti­val „Rock für den Frie­den“in der DDR auf. 15 Mi­nu­ten dau­ert das Kon­zert. Den „Son­der­zug von Pan­kow“darf er nicht spie­len.

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