Initia­ti­ve „50 aus Ido­me­ni“ist ge­schei­tert

Bü­ro­kra­ti­sche Hür­den zu hoch – Os­na­brück als hilfs­be­rei­te Kom­mu­ne chan­cen­los

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Auf noz.de/flu­echt­lin­ge

Kein ein­zi­ger Flücht­ling hat es über die Initia­ti­ve „50 aus Ido­me­ni“aus ei­nem grie­chi­schen Camp nach Os­na­brück ge­schafft – al­len Ver­su­chen der Stadt zum Trotz, aus­ge­wähl­te Ge­flüch­te­te über das EU-Pro­gramm „Re­lo­ca­ti­on“zu ih­ren Freun­den und Ver­wand­ten zu lot­sen, die be­reits in Os­na­brück le­ben.

Von San­dra Dorn

OS­NA­BRÜCK. Ei­ne Vor­rei­ter­rol­le woll­te die Stadt bei der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ein­neh­men, die seit der Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te vor über ei­nem Jahr in grie­chi­schen Camps fest­hän­gen. Die Le­bens­be­din­gun­gen dort sind über­wie­gend ka­ta­stro­phal. Tau­sen­de Men­schen sind be­trof­fen – zu­min­dest ei­nem klei­nen Teil von ih­nen woll­te Os­na­brück kon­kret hel­fen, in der Hoff­nung, dass an­de­re Städ­te dem Bei­spiel fol­gen. Am 14. Ju­ni 2016 fass­te der Rat den Be­schluss, die im Mai 2016 ge­grün­de­te Bür­ger­initia­ti­ve „50 Men­schen aus grie­chi­schen Flücht­lings­camps nach Os­na­brück brin­gen“zu un­ter­stüt­zen. Die 50 Flücht­lin­ge soll­ten auf die Auf­nah­me­quo­te der Stadt an­ge­rech­net wer­den.

Heu­te, ein knap­pes Jahr nach die­sem deutsch­land­weit ein­zig­ar­ti­gen Rats­be­schluss, den auch OB Wolf­gang Grie­sert un­ter­stütz­te, müs­sen al­le Be­tei­lig­ten ein frus­trie­ren­des Fa­zit zie­hen: „Wir ha­ben als Kom­mu­ne al­les ver­sucht“, sagt die städ­ti­sche In­te­gra­ti­ons­be­auf­trag­te Se­da Rass-Tor­gut im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Doch als Stadt konn­te Os­na­brück

nichts be­we­gen. „Wir kön­nen nicht die EUA­syl­po­li­tik än­dern“, sagt Rass-Tor­gut.

Lis­te wird klei­ner

Die im Mai 2016 ge­grün­de­te Ido­me­ni-Initia­ti­ve hat­te die­je­ni­gen Ge­flüch­te­ten in Grie­chen­land, die Freun­de oder Ver­wand­te in Os­na­brück ha­ben, iden­ti­fi­ziert. Rund 50 Per­so­nen um­fass­te die Lis­te. Kon­takt nach Grie­chen­land hal­ten bis heu­te die Spre­che­rin der Initia­ti­ve, Re­na­te Vest­ner-Hei­se, und ih­re Mit­strei­ter. Man­che Flücht­lin­ge har­ren dort seit über ei­nem

Jahr aus, muss­ten den Win­ter in Zel­ten ver­brin­gen – und der war in die­sem Jahr bit­ter­kalt. Die Lis­te wird zwar klei­ner, sagt Vest­nerHei­se. „Ei­ner nach dem an­de­ren kommt über Re­lo­ca­ti­on ir­gend­wo­hin“, zählt sie auf: ins fran­zö­si­sche Bor­deaux, nach Est­land, nach Skan­di­na­vi­en. Aber nicht nach Os­na­brück, wo Freun­de und Ver­wand­te war­ten.

Die Stadt hat­te die Lis­te der Initia­ti­ve im Ju­ni 2016 wei­ter­ge­lei­tet an das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) und das Eu­ro­päi­sche Un­ter­stüt­zungs­bü­ro

für Asyl­fra­gen (EASO). Par­al­lel kon­tak­tier­te die Initia­ti­ve den grie­chi­schen Staats­se­kre­tär Io­an­nis Mou­za­las. Er­geb­nis: Es sei­en die grie­chi­schen Be­hör­den, die bei dem Re­lo­ca­ti­on-Pro­gramm dem Bun­des­amt Per­so­nen zur Auf­nah­me vor­schlü­gen; Deutsch­land ha­be dar­auf kei­nen Ein­fluss, schrieb das BAMF. Der Grie­che Mou­za­las gab an, dass die grie­chi­sche Asyl­be­hör­de von ih­rer Ar­beits­rou­ti­ne nicht ab­wei­chen wer­de. Im­mer­hin stell­te das BAMF in Aus­sicht, die über­schau­ba­re Lis­te mit den 50 Na­men ab­zu­glei­chen, wenn Flücht­lin­ge über das Re­lo­ca­ti­on-Pro­gramm nach Deutsch­land kom­men, da­mit sie zu­min­dest in Nie­der­sach­sen lan­den und dann nach Os­na­brück ge­schickt wer­den kön­nen. Aber auch das blieb oh­ne Er­geb­nis.

Die EU hat­te das Re­lo­ca­ti­on-Pro­gramm 2015 ins Le­ben ge­ru­fen, um Ita­li­en und Grie­chen­land zu ent­las­ten. Doch die Um­ver­tei­lung der Flücht­lin­ge stock­te von An­fang an. Die Ido­me­ni-Initia­ti­ve star­te­te ei­ne On­line-Pe­ti­ti­on und

for­der­te, dass Deutsch­land für ei­ne schnel­le­re Um­set­zung sorgt. Die Bun­des­re­pu­blik soll­te bis Sep­tem­ber 2017 mehr als 27 000 Per­so­nen auf­neh­men – doch auf­ge­nom­men wur­den bis En­de April noch nicht ein­mal 4000.

47 200 Un­ter­schrif­ten

An­de­re Städ­te schlos­sen sich der Os­na­brü­cker Initia­ti­ve an, auch Pro Asyl stell­te sich da­hin­ter. Im März 2017 über­ga­ben sie dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um in Ber­lin 47 200 Un­ter­schrif­ten. Nach vier Wo­chen ant­wor­te­te Oberst i. G. Gün­ter Tier­mann per E-Mail, nach­dem Vest­ner-Hei­se nach­ge­hakt hat­te. Un­ter an­de­rem schrieb er: „Die [...] durch Deutsch­land an­ge­zeig­ten Auf­nah­me­quo­ten für Grie­chen­land und Ita­li­en von mo­nat­lich 500 Schutz­su­chen­den wer­den mit zu­neh­men­der Verste­ti­gung des Ge­samt­ver­fah­rens zwi­schen­zeit­lich na­he­zu er­reicht.“

Der Ido­me­ni-Initia­ti­ve reicht das nicht. „Der Bund hat sich ein Drei­vier­tel­jahr Zeit ge­las­sen“, kri­ti­siert Vest­ner-Hei­se. „Grie­chen­land prüft, schlägt kon­kre­te Per­so­nen vor, Deutsch­land prüft – und das dau­ert und dau­ert.“Ih­re For­de­rung lau­tet, dass die Stadt Os­na­brück sich noch ein­mal di­rekt an das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um wen­det. „Das wä­re ei­ne wich­ti­ge Ges­te“, sagt Vest­ner-Hei­se. „Ei­gent­lich müss­te Herr Grie­sert Herrn de Mai­ziè­re noch ein­mal in den Oh­ren lie­gen.“

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