Raus aus der Dampf­kü­che der Ro­man­tik

Das Thea­ter Os­na­brück ent­deckt die fan­tas­ti­sche Oper „Lied der Nacht“von Hans Gál neu

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Fan­tas­ti­sche Mu­sik, gu­tes Li­bret­to, tol­le Auf­füh­rung: „Das Lied der Nacht“von Hans Gál ist ei­ne rund­um ge­lun­ge­ne Wie­der­ent­de­ckung, die das Pre­mie­ren­pu­bli­kum im Thea­ter Os­na­brück aus­gie­big ge­fei­ert hat.

Von Ralf Dö­ring

Die­ser „Na­men­lo­se Sän­ger“muss ein ech­ter Traum­mann sein. Er singt zum Nie­der­kni­en schön, das Pro­blem ist nur: Es gibt ihn lei­der nur als akus­ti­sches Phan­tom. Doch wie die „Fol­ge­da­me“Hä­mo­ne ihn ih­rer Her­rin, der Prin­zes­sin Lian­o­ra, be­schreibt, geht di­rekt zu Her­zen.

Su­sann Vent-Wun­der­lich be­schreibt die­ses mu­si­ka­li­sche Bild­nis be­zau­bernd schön. Je­des An- und Ab­schwel­len ih­res gro­ßen So­prans stimmt, je­de Nuan­ce in Stimm­füh­rung und Farb­ge­bung, je­de klei­ne Ges­te ih­rer Hand. Da­zu hat Hans Gál um­wer­fend emo­tio­na­le, um­wer­fend gu­te Mu­sik ge­schrie­ben, und das Os­na­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter be­glei­tet un­ter sei­nem Chef Andre­as Hotz sen­si­bel: Nicht nur die si­zi­lia­ni­sche Prin­zes­sin Lian­o­ra hört da ge­bannt zu.

1930 zu­letzt ge­spielt

Es ist dies ei­ner der groß­ar­tigs­ten Mo­men­te in der Oper „Das Lied der Nacht“von Hans Gál. Nach den „Vö­geln“von Wal­ter Braun­fels und „Die Sol­da­ten“von Man­fred Gur­litt ent­reißt das Thea­ter Os­na­brück da­mit ein wei­te­res Werk dem Ver­ges­sen, das un­ter die Rä­der des Na­zi­re­gimes kam: Die Oper kam 1926 in Bres­lau auf die Büh­ne und wur­de 1930 zum letz­ten Mal ge­spielt. Den jü­di­schen Kom­po­nis­ten trie­ben

die Na­zis 1938 in die Flucht; Gál fand in En­g­land ei­ne neue Hei­mat und neue Auf­ga­ben als Mu­sik­wis­sen­schaft­ler, un­ter an­de­rem als Brahms-Bio­graf.

„Das Lied der Nacht“spielt im Si­zi­li­en des 12. Jahr­hun­derts. Erb­prin­zes­sin Lian­o­ra muss hei­ra­ten, um dem füh­rungs­lo­sen Si­zi­li­en wie­der ei­nen Kö­nig zu ge­ben — an­dern­falls droht Bür­ger­krieg. Der Kanz­ler der Re­pu­blik (mit ge­bo­te­ner Wür­de: Jo­sé Gal­li­sa) hat gro­ßes In­ter­es­se an ei­ner Be­ru­hi­gung der Si­tua­ti­on; Tan­cred (kraft­voll: Rhys Jenk­ins) schielt auf die

Prin­zes­sin und mehr noch auf die Kro­ne. Sie aber ver­liebt sich in ei­nen na­men­lo­sen Sän­ger, der sich letzt­lich als ein­fa­cher Boots­mann Ci­ul­lo ent­puppt. Die Ge­schich­te en­det mit der tra­gi­schen Po­in­te, dass Ci­ul­lo sich ent­leibt. Fer­di­nand von Both­mer singt ihn mit dun­kel ge­färb­tem, in der Hö­he lei­der et­was an­ge­streng­tem Te­nor.

Es wag­nert or­dent­lich in die­sem Werk, al­ler­dings we­ni­ger mu­si­ka­lisch. Doch das zwei­te Bild hat Li­bret­tist Karl Micha­el von Le­vet­zow eng an den zwei­ten „Tris­tan“-Akt an­ge­lehnt: Nach ei­nem

in­ti­men Ge­spräch der Prin­zes­sin Lian­o­ra und Hä­mo­ne im Zim­mer der Prin­zes­sin dreht sich die Büh­ne im Os­na­brü­cker Thea­ter am Dom­hof: Die Pro­jek­ti­on von Mee­res­rau­schen über­flu­tet ei­ne Haus­wand und schafft das poe­ti­sche Grund­rau­schen für ein nächt­li­ches Lie­bes­du­ett zwi­schen Lian­o­ra und dem Na­men­lo­sen Sän­ger. In die­ses vor­sich­ti­ge Glück stürzt schließ­lich Tan­cred wie Kö­nig Mar­kes Hof­staat ins Lie­bes­spiel von Tris­tan und Isol­de.

Nun wer­kelt Gál nicht in der spät­ro­man­ti­schen

Dampf­kü­che mit ih­rem per­ma­nen­ten emo­tio­na­len Über­druck. Zwar stif­ten Leit­mo­ti­ve Zu­sam­men­hän­ge, und das spät­ro­man­ti­sche Orches­ter lie­fert das klang­li­che Ma­te­ri­al. Doch Gál geht öko­no­misch mit sei­nen Mit­teln um und ach­tet selbst im or­ches­tra­len Auf­schrei noch auf kla­re Struk­tu­ren. Gleich­zei­tig würzt er die ro­man­ti­sche Har­mo­nik mit den Mit­teln der da­ma­li­gen Wie­ner Mo­der­ne, aber im­mer so, dass sich das Ge­würz nicht in den Vor­der­grund drängt. So klingt Gáls Mu­sik, als be­trach­te er die Spät­ro­man­tik durch die Bril­le der Neu­en Sach­lich­keit.

Die Haupt­per­son Lian­o­ra trägt Zü­ge der Prin­zes­sin Tu­ran­dot: Sie ist lau­nisch, zi­ckig, un­ge­recht. Aber wenn Li­na Liu mit ih­rem be­zau­bernd ly­ri­schen So­pran singt, ver­leiht das der Fi­gur emo­tio­na­le Tie­fe, und es ent­steht ein Frau­en­bild, das sich ab­hebt von den die­nen­den Op­fern Wa­g­ners: Lian­o­ra for­dert ein selbst­be­stimm­tes Le­ben für sich ein. Und das schließt aus, aus Staats­rä­son den blau­sche­cki­gen Wo­ma­ni­zer Tan­cred mit sei­nem blon­den Wal­le­haar zu hei­ra­ten. Dar­in er­fährt sie so­gar Be­stär­kung durch ei­ne graue Emi­nenz: Lian­o­ra sucht Rat bei ei­ner Äb­tis­sin. Gritt Gnauck singt sie mit be­tö­ren­der Alt­stim­me und zeigt in ih­rer sta­tua­ri­schen Au­to­ri­tät die En­ge Ver­wandt­schaft zu Wa­g­ners Ur­mut­ter Er­da.

An­schau­lich und klar

Re­gis­seu­rin Ma­scha Pörz­gen bringt die Ge­schich­te an­schau­lich und klar auf die Büh­ne des Os­na­brü­cker Thea­ters, wo­bei es ihr bes­ser liegt, sich auf ih­re Fi­gu­ren zu kon­zen­trie­ren, als das Volk stim­mig zu ar­ran­gie­ren. Doch der Chor fin­det sich gut in sei­ne tra­gen­de Rol­le im ers­ten und drit­ten Bild ein, auch dank der gu­ten Vor­be­rei­tung durch Mar­kus Laf­leur.

All das aber wird ge­tra­gen von der de­tail­lier­ten Ar­beit, die Andre­as Hotz und das Os­na­brü­cker Sym­pho­nie­or­ches­ter leis­ten. Hotz führt Sän­ger und Orches­ter um­sich­tig durch die an­stren­gen­de Par­ti­tur: „Das Lied der Nacht“ist ei­ne groß­ar­ti­ge Ent­de­ckung, die das Thea­ter her­vor­ra­gend um­ge­setzt hat.

Die nächs­ten Auf­füh­run­gen: 5. 5., 10. 5, 12. 5. Kar­ten­te­le­fon: 05 41/7 60 00 76

Schwie­ri­ge Zei­ten: Lian­o­ra (Li­na Liu, 2. v. r.) soll hei­ra­ten, um die Ru­he im Land wie­der­her­zu­stel­len. Ver­trau­te Hä­mo­ne (Su­sann Vent-Wun­der­lich, r.) be­rät, Tan­cred (Rhys Jenk­ins, l.) und der Kanz­ler (Jo­sé Gal­li­sa, 2. v. l.) grü­beln. Fo­to: Jörg Lands­berg

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