Hand in Hand für die Ho­mann-Wer­ke

Mehr als 2000 Men­schen de­mons­trie­ren ge­gen Stand­ort­schlie­ßung in Dissen und Bad Es­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land -

„Ei­ne Re­gi­on steht hin­ter Ho­mann“– das war am Sonn­tag in Dissen im­mer wie­der zu hö­ren. Min­des­tens 2500 Teil­neh­mer ver­sam­mel­ten sich auf dem Rat­haus­platz und bil­de­ten an­schlie­ßend ei­ne zwei Ki­lo­me­ter lan­ge Men­schen­ket­te um das Ho­mann-Werk.

Von Da­ni­ca Pie­per und Vin­cent Buß

DISSEN. Der Ho­mann-Be­triebs­rat so­wie die Ge­werk­schaft Nah­rung – Ge­nuss – Gast­stät­ten (NGG) hat­ten zu der Groß­de­mons­tra­ti­on auf dem Rat­haus­platz auf­ge­ru­fen, um ge­gen die Schlie­ßung der Stand­or­te in Dissen und Bad Es­sen zu pro­tes­tie­ren.

Die Nach­richt, dass Ho­mann sei­nen Stamm­sitz und drei wei­te­re Wer­ke schlie­ße, um ein neu­es Werk im säch­si­schen Lep­pers­dorf zu bau­en, sei ein­ge­schla­gen wie ei­ne Bom­be, er­klär­te Uwe Hil­de­brand von der NGG. Der Ge­werk­schaf­ter gab sich kampf­be­reit: „Ich ha­be ei­nen lan­gen Atem.“

Andre­as Stra­ede, Be­triebs­rats­vor­sit­zen­der bei Ho­mann, freu­te sich über die vie­len Men­schen, die sich vor dem Rat­haus ver­sam­melt hat­ten. Dissen müs­se ein Si­gnal an den Mut­ter­kon­zern Theo Mül­ler und des­sen Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den Hei­ner Kamps sen­den: „So geht man nicht mit Men­schen um.“

Nicht nur Stra­ede hat­te das Ge­fühl, vom Mül­ler-Kon­zern „über den Tisch ge­zo­gen“wor­den zu sein. Al­le Red­ner, die sich in der Ver­gan­gen­heit da­für ein­ge­setzt hat­ten, dass Ho­mann vor Ort bleibt, fühl­ten sich be­tro­gen. „Wir wur­den ver­ra­ten und ver­kauft“, mein­te Ma­ri­an­ne Frei­tag, Be­triebs­rats­vor­sit­zen­de des Trans­port­un­ter­neh­mens Em­ha­ge, das zu Ho­mann ge­hört.

Der Dis­se­ner Bür­ger­meis­ter Hart­mut Nü­mann be­rich­te­te, dass die Stadt vor zwei Jah­ren per Zu­fall er­fah­ren ha­be, dass Ho­mann ei­nen neu­en Stand­ort su­che. So­fort ha­be man Ge­sprä­che auf­ge­nom­men. In mo­na­te­lan­gen Ver­hand­lun­gen ha­be man al­le An­for­de­run­gen der Fir­ma Ho­mann er­füllt und ein neu­es Ge­wer­be­ge­biet an der A 33 ge­schaf­fen. „Wir sind nach wie vor der Über­zeu­gung, dass Dissen der idea­le Stand­ort für Ho­mann ist“, sag­te

Nü­mann. Ho­mann sei das gro­ße Herz der Stadt, und das dür­fe nach 141 Jah­ren nicht auf­hö­ren zu schla­gen.

Nie­der­sach­sens Wirt­schafts­mi­nis­ter Olaf Lies kri­ti­sier­te scharf, dass Mül­ler ein ver­ein­bar­tes Ge­spräch mit­tels ei­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tur ab­sag­te: „Den Mut und den An­stand kann man von Un­ter­neh­men er­war­ten, dass sie das Ge­spräch su­chen.“Es ge­hö­re sich nicht, ei­nen Ta­rif­ver­trag mit den Ho­mann-Mit­ar­bei­tern

aus­zu­han­deln und gleich­zei­tig „hin­ten­rum zu ver­su­chen, sich aus dem Staub zu ma­chen“.

Lies er­klär­te, dass die nie­der­säch­si­sche Lan­des­re­gie­rung trotz­dem wei­ter­hin zu Ge­sprä­chen be­reit sei. „Ho­manns Ab­satz­märk­te lie­gen di­rekt vor der Tür“, so der Mi­nis­ter. Dissen ver­fü­ge über ei­ne her­vor­ra­gen­de Ver­kehrs­an­bin­dung, aber vor al­lem über kom­pe­ten­te Mit­ar­bei­ter, die sich in Tra­di­ti­on mit ih­rem Un­ter­neh­men ver­bun­den

fühl­ten. Was ha­be Lep­pers­dorf ? „Ma­xi­mal Bil­lig­lohn­kräf­te, die aus Ost­eu­ro­pa kom­men“, so Lies.

Lob für den Stand­ort Dissen äu­ßer­te auch De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer Oli­ver Ko­ber, der seit sechs Jah­ren in der Stadt wohnt: „Ich hof­fe, dass das neue Ge­wer­be­ge­biet der Re­gi­on Auf­wind bringt, auch wenn das Ho­man­nWerk schließt.“Als An­woh­ner kön­ne er die Ent­schei­dung für Lep­pers­dorf nicht ver­ste­hen.

Land­rat Micha­el Lüb­bers­mann er­klär­te, der Land­kreis Os­na­brück ha­be ge­mein­sam mit der Stadt Dissen al­les ge­tan, um Ho­mann ei­nen neu­en Stand­ort in Dissen an­zu­bie­ten. „Es ist uns ge­lun­gen, ei­ne Flä­che zur Ver­fü­gung zu stel­len, die wirk­lich al­le An­for­de­run­gen er­füllt.“Von der dro­hen­den Schlie­ßung ha­be er erst durch den Be­triebs­rat und der Pres­se er­fah­ren: „Ich war stink­sau­er“, so Lüb­bers­mann.

So er­ging es auch ei­ner an­we­sen­den Pro­duk­ti­ons­mit­ar­bei­te­rin. Sie woll­te ih­ren Na­men nicht nen­nen, das The­ma sei zu bri­sant. „Jetzt las­sen sie uns zap­peln“, fuhr sie fort, „und rü­cken im­mer noch nicht mit der gan­zen Wahr­heit her­aus.“Dass Ho­mann

tat­säch­lich nach Lep­pers­dorf geht, konn­te sich die Hil­te­ra­ne­rin nicht vor­stel­len: „Ge­ra­de weil der Ort laut Pres­se ja über­for­dert zu sein scheint.“Und falls doch? „Wir zie­hen nicht dort­hin“, er­klär­te ein Paar, das eben­falls an­onym blei­ben möch­te. Die bei­den sind aus Ost­deutsch­land nach Dissen ge­zo­gen und ha­ben dort ein Haus ge­baut.

Auch der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Rai­ner Spie­ring be­klag­te, dass die Schlie­ßung ihm per „Bild“-Zei­tung mit­ge­teilt wor­den sei: „Das ist ei­ne Saue­rei.“Es sei sein Ein­druck, dass Mül­ler die Men­schen ha­be ru­hig­stel­len wol­len, um ins­ge­heim ei­nen an­de­ren Plan zu ver­fol­gen. Kamps ha­be mit ihm ge­spro­chen und ihn er­in­nern wol­len, dass „wir doch al­le ein Deutsch­land sind“. Spie­ring mahn­te den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den nach ei­ge­nen An­ga­ben, dass man in Ber­lin ge­nau hin­schau­en wer­de, wenn Sach­sen ei­nen An­trag auf För­der­mit­tel stel­le.

Auch Bor­g­holz­hau­sens Bür­ger­meis­ter Dirk Speck­mann und die CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Ger­da Hö­vel zeig­ten sich so­li­da­risch mit der Ho­mann-Be­leg­schaft. Claus-Ha­rald Güs­ter (NGG) be­kräf­tig­te, dass man sich ge­mein­sam

mit der Po­li­tik da­für ein­set­zen wer­de, dass Ho­mann in Dissen ver­bleibt. Für An­dré Berg­heg­ger, Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten des Wahl­be­zirks Os­na­brück-Land, war es am wich­tigs­ten, mit dem Mül­ler-Kon­zern im Dia­log zu blei­ben: „Ich hof­fe auf ein Ge­spräch, da­mit wir die Stand­ort­vor­tei­le ver­glei­chen kön­nen.

Die So­li­da­ri­täts- und Über­ra­schungs­be­kun­dun­gen wur­den auch kri­tisch ge­se­hen. „Den Po­li­ti­kern soll­te klar

wer­den, dass sie die Re­geln ma­chen, die das Han­deln der Kon­zer­ne er­mög­li­chen“, sagt De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer Andre­as Wer­ne­mann. Für ihn ist die Ent­schei­dung der Fir­ma Mül­ler nicht aus hei­te­rem Him­mel ge­kom­men. Wer­ne­manns Va­ter ar­bei­te­te 40 Jah­re lang bei Ho­mann. Eben­falls nicht über­rascht gab sich die Bür­ger­meis­te­rin der Stadt Os­na­brück, Bir­git Strang­mann. Sie be­zeich­ne­te Mül­ler als „rück­sichts­los“und mahn­te: „Der Kon­zern soll­te sich über­le­gen,

ob er so ein schlech­tes Image ha­ben will.“

Im An­schluss an die Kund­ge­bung mar­schier­ten die Teil­neh­mer vom Rat­haus­platz zum Ho­mann-Werk und bil­de­ten ei­ne zwei Ki­lo­me­ter lan­ge Men­schen­ket­te um den Stamm­sitz. Ap­plaus er­tön­te, als be­kannt wur­de, dass der Kreis ge­schlos­sen sei. „Vi­el­leicht kön­nen die Po­li­ti­ker noch et­was be­we­gen“, sag­te Ho­mann-Mit­ar­bei­ter Glenn Hei­de­cker, als er die Hän­de sei­ner Ne­ben­per­so­nen er­griff.

Zu­frie­den war auch der Rats­vor­sit­zen­de Hei­ner Prell, der ge­mein­sam mit sei­nen Rats­kol­le­gen zur Bil­dung der Men­schen­ket­te auf­ge­ru­fen hat­te: „Die Leu­ten stan­den eng an­ein­an­der.“Prell ging von knapp 5000, die Po­li­zei hin­ge­gen von bis zu 2500 Teil­neh­mern aus. Der Dis­se­ner Bür­ger­meis­ter hat­te 3000 Per­so­nen an­ge­mel­det.

„ An­stand kann man von Un­ter­neh­men er­war­ten“Olaf Lies, Wirt­schafts­mi­nis­ter „Ich war stink­sau­er“Micha­el Lüb­bers­mann, Land­rat

Hand in Hand form­ten die De­mons­tra­ti­ons­teil­neh­mer am Sonn­tag ei­ne Men­schen­ket­te um das Dis­se­ner Ho­mann-Werk. Wäh­rend die Ver­an­stal­ter von rund 5000 Pro­tes­tie­ren­den spra­chen, schätz­te die Po­li­zei die­se Zahl auf et­wa 2500. Fo­to: Micha­el Grün­del

Den Li­ve-Blog der De­mons­tra­ti­on zum Nach­le­sen fin­den Sie auf noz.de

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