Wo ver­ste­cken, wenn man dem Fa­mi­li­en­tru­bel ent­ge­hen will?

Die Toi­let­te als Ort der Ru­he: Sehn­sucht nach ei­ner Aus­zeit vom Kin­der­ge­schrei ist ganz nor­mal

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen - Zum Nach­le­sen un­ter noz.de/el­tern­ko­lum­ne

Lie­ber Da­ni­el,

hihi, da muss ich an ei­ne Sze­ne aus dem Film „Im­mer Är­ger mit 40“den­ken. In der Ko­mö­die aus dem Jahr 2012 sucht der Va­ter zwei­er Kin­der täg­lich ver­däch­tig lang das stil­le Ört­chen auf. Al­ler­dings nicht vor­ran­gig, um dort ei­nem Ge­schäft nach­zu­ge­hen, son­dern um in Ru­he auf dem iPad zu dad­deln. Als sei­ne Frau das be­merkt, gibt’ s na­tür­lich Är­ger.

Da die Toi­let­te zu den Räu­men ge­hört, der selbst in den of­fens­ten Haus­hal­ten ab­schließ­bar ist, den­ke ich, dass die­se Stra­te­gie gar nicht so rea­li­täts­fern ist. Auf je­den Fall je­doch ist die Sehn­sucht nach ei­ner Aus­zeit von Kin­der­ge­schrei und Fa­mi­li­en­tru­bel ganz nor­mal – ob bei Ma­mas oder Pa­pas. Da­für soll­te sich auch kei­ner schä­men.

Ein ehe­ma­li­ger Kol­le­ge von mir beich­te­te mir ein­mal, dass er ge­ra­de­zu froh war, nach zwei Mo­na­ten El­tern­zeit wie­der ins Bü­ro zu fah­ren, da es dort we­sent­lich ent­spann­ter sei, als zu Hau­se das – sehr ge­lieb­te und sü­ße – Ba­by zu pfle­gen.

Auch da wird er kein Ein­zel­fall sein, denn nach der Er­fah­rung von ei­nem Jahr El­tern­zeit bei Kind 2 kann ich ihm zu­stim­men: Ar­beit ist stres­sig, aber Kin­der­pfle­ge eben auch. Und so toll Nä­he auch ist, manch­mal wächst die Lie­be mit dem Grad der Ent­fer­nung.

Be­stimmt gibt es El­tern, die ih­re Kin­der 24 St­un­den an sie­ben Ta­gen die Wo­che um sich ha­ben wol­len. Ich ken­ne al­ler­dings nur ganz we­ni­ge. Die meis­ten freu­en sich über kur­ze oder auch län­ge­re Aus­zei­ten, um in Ru­he zu le­sen, zu es­sen, zu dad­deln oder ein­fach nur zu sin­nie­ren.

Ei­ne al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter be­rich­tet mir ein­mal von ih­rem Cam­ping„Ur­laub“mit ih­ren zwei Kin­dern, an dem sie selbst auf der Toi­let­te oder un­ter der Du­sche nie al­lei­ne war. Die Frau hat ei­nen Or­den ver­dient – wie üb­ri­gens al­le Al­lein­er­zie­hen­den, ob Müt­ter oder Vä­ter.

Bei uns zu Hau­se hal­ten wir es so, dass es be­stimm­te Din­ge gibt, die wir wenn mög­lich al­le zu­sam­men ma­chen. Und an­sons­ten sagt je­der, wenn er ei­ne Pau­se braucht. Das ist na­tür­lich Lu­xus, denn wir sind zu zweit. Den Kin­dern sa­gen wir al­ler­dings nicht, dass sie uns ge­ra­de ner­ven, son­dern nur, dass wir mal eben „was Wich­ti­ges“ ma­chen müs­sen. Das ist ja nicht mal ge­lo­gen: Ist ja wich­tig, so ei­ne Aus­zeit.

Und wer weiß: Vi­el­leicht su­chen ja auch un­se­re Kin­der ein­mal nach Aus­re­den für All­tags­fluch­ten von uns. So wie im tol­len Film „To­ni Erd­mann“, in dem die er­wach­se­ne Toch­ter so tut, als füh­re sie wich­ti­ge Te­le­fo­na­te, nur um den Ge­sprä­chen mit der Fa­mi­lie zu ent­ge­hen . . .

Herz­li­che Grü­ße! Dei­ne Co­rin­na

PS: Gehst Du gern in die Kin­der­bü­che­rei?

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