Von Sinn und Un­sinn des Schei­terns

Se­hens­wer­te 3sat-Do­ku­men­ta­ti­on über die Fol­gen per­sön­li­cher Nie­der­la­gen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - 3sat, heu­te, 22 Uhr.

Es gibt The­men, mit de­nen sich die meis­ten Men­schen nicht gern be­schäf­ti­gen. Da­zu ge­hö­ren Nie­der­la­gen. Con­stan­ze Grieß­ler ist jetzt ei­ne se­hens­wer­te Do­ku­men­ta­ti­on zum The­ma „Er­folg­reich schei­tern“ge­lun­gen. Sie ist Teil des The­men­abends „Skla­ven des Er­folgs“auf 3Sat.

Von Ma­rie-Lui­se Braun

„Wenn dein See­le voll mit Nar­bem ist, kann 1 Trä­ne un­ter Uns­ten­den 1 gan­ze Ozen­an fül­len.“Es sind sei­ne „Nach­denk­li­che Sprü­che mit Bil­der“und et­li­chen Recht­schreib­feh­lern, mit de­nen Wil­ly Nach­denk­lich im In­ter­net Kar­rie­re macht. Vie­le User in so­zia­len Netz­wer­ken ha­ben mitt­ler­wei­le sei­nen Stil mit den Feh­lern über­nom­men, die Spar­kas­se macht in die­ser Spra­che Wer­bung. Aber wäh­rend Se­bas­ti­an Zwa­rel als Au­tor hin­ter dem Pseud­onym ab­sicht­lich an der deut­schen Spra­che schei­tert, fal­len an­de­re Men­schen un­be­ab­sich­tigt auf die Na­se. Und das tut weh, bis­wei­len mäch­tig.

Ei­ne Chan­ce?

In neue­ren Pu­bli­ka­tio­nen wird Schei­tern oft als Chan­ce ge­prie­sen – und ei­nen sol­chen Blick nimmt Con­stan­ze Grieß­ler zu Be­ginn ih­rer Do­ku­men­ta­ti­on ein. Sie lässt Men­schen zu Wort kom­men, die be­ruf­lich ei­ne Nie­der­la­ge ein­ste­cken muss­ten und aus die­ser Er­fah­rung Neu­es ge­schaf­fen ha­ben. Wie Kat­ja Porsch, die als Be­ra­te­rin gro­ße Er­fol­ge ein­fuhr, an ei­nem Ar­beit­ge­ber schei­ter­te und heu­te als Mo­ti­va­ti­ons­trai­ne­rin vor al­lem dar­über spricht, wie man aus sol­chen Nie­der­la­gen wie­der her­aus­kommt. Oder Ati­la von Un­ruh, der nach ei­ner In­sol­venz ei­ne Fir­ma für Kri­sen­be­ra­tung und In­sol­venz­ver­mei­dung grün­de­te, mit der er sehr er­folg­reich ist.

„Ich möch­te das Schei­tern ent­ta­bui­sie­ren“, sagt Con­stan­ze Grieß­ler im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Die Re­dak­teu­rin des ORF nä­hert sich ge­sell­schaft­li­chen The­men durch Be­ob­ach­tung, um sie dann mit ei­ge­ner Re­cher­che auf den Punkt zu brin­gen. In ih­rem ak­tu­el­len Film prä­sen­tiert sie ein gan­zes Spek­trum an Per­so­nen und Ide­en, die zei­gen, wo­hin Miss­er­fol­ge füh­ren kön­nen. Und dann wie­der­um setzt sie Kon­tra­punk­te. Das macht den Film se­hens­wert – und führt viel wei­ter als die sich der­zeit ver­brei­ten­de An­sicht, Schei­tern schlicht als ei­ne Art Well­ness zu be­trach­ten, aus der man schöp­fen kann. Fast scheint es in den Bü­chern so, als wä­re der Op­ti­mie­rungs­zwang jetzt auch bei der Nie­der­la­ge an­ge­kom­men.

„Man kann auch glück­lich durch die Welt ge­hen, wenn man nicht schei­tert“, meint Kath­rin Weß­ling. Die Poe­try-Slam­me­rin, Blog­ge­rin und Au­to­rin be­tont, dass sie auf die­se Er­fah­rung ver­zich­ten könn­te. Denn nicht hin­ter je­dem Fal­len ste­cke ein Sinn, aus dem man schöp­fen und sich wei­ter­ent­wi­ckeln kön­ne, sagt sie.

Der Film von Con­stan­ze Griess­ler ist Teil des The­men­abends „Skla­ven des Er­folgs“, der mit dem Spiel­film „Hous­ton“(2013) be­ginnt. Dar­in

spielt Ul­rich Tu­kur ei­nen al­ko­hol­kran­ken Head­hun­ter, der an ei­nem Job schei­tert und in ei­ne Le­bens­kri­se ge­rät. Nach „Er­folg­reich schei­tern“folgt um 22.50 Uhr der Film „Ein­sa­me Spit­ze“(2016) von Ti­na Soli­mann über Er­fol­ge und Druck bei Top-Ma­na­gern. Der Abend en­det mit der Do­ku „Schalt­zen­tra­le der Macht“(2016) von Ingolf

Grit­schnei­der über Auf­sichts­rä­te zwi­schen Macht und Ohn­macht, En­ga­ge­ment und Igno­ranz.

Con­stan­ze Grieß­ler hat das ers­te In­ter­view für ih­ren Film vor et­wa ei­nem Jahr ge­führt, sich viel mit Li­te­ra­tur zum Schei­tern be­schäf­tigt, Kon­tak­te auf Face­book ge­knüpft, ist bei ei­ner „Fuck­up-Night“ge­we­sen, bei der die Teil­neh­mer ih­re Nie­der­la­gen vor Pu­bli­kum prä­sen­tie­ren und an­schlie­ßend mit ihm dis­ku­tie­ren, um ge­mein­sam aus Feh­lern zu ler­nen.Be­wusst aus­ge­klam­mert hat Grieß­ler Men­schen, die end­gül­tig ge­schei­tert schei­nen. Hat sich durch die Ar­beit am Film denn ihr ei­ge­ner Um­gang mit dem Schei­tern ver­än­dert? „Ich bin in ei­ner gro­ßen Fa­mi­lie in ei­ner klei­nen Woh­nung auf­ge­wach­sen. Bei uns war nichts per­fekt“, er­zählt Con­stan­ze Grieß­ler. Das sei wohl der Grund da­für, dass sie ein ent­spann­tes Ver­hält­nis zu Feh­lern ha­be, ver­mu­tet sie. Kürz­lich sei sie bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on et­was Ähn­li­ches ge­fragt wor­den. „Mein elf­jäh­ri­ger Sohn hat dar­auf­hin zu mir ge­sagt: ‚Du schei­terst je­den Tag an mei­ner Er­zie­hung‘ “, er­zählt Grieß­ler und lacht.

Täg­lich ein Idi­ot

„Ich ma­che mich min­des­tens ein­mal am Tag zum Idio­ten. Und das ist gut so“, sagt Erik Kes­sels. Der Lei­ter ei­ner in­ter­na­tio­na­len Wer­be­agen­tur be­schäf­tigt sich zu­dem künst­le­risch mit dem Schei­tern. So hat er miss­lun­ge­ne Fo­tos ge­sam­melt. Da­bei ist er auf ein Ehe­paar ge­sto­ßen, das im­mer wie­der ver­sucht, sei­nen schwar­zen Hund zu fo­to­gra­fie­ren – der aber stets als dunk­ler Fleck zu se­hen ist. Ge­lun­gen ist es nur ein­mal. Der Rest der Auf­nah­me je­doch ist über­be­lich­tet.

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Kat­ja Porsch ist in ei­nem Job ge­schei­tert und hält heu­te Vor­trä­ge als Mo­ti­va­ti­ons­trai­ne­rin. Fo­to: ORF/Con­stan­ze Grieß­ler

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