In der Fal­le des Selbst­has­ses

„Gott, hilf dem Kind“: Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin To­ni Mor­ri­son er­zählt in ih­rem Ro­man von ei­nem Ras­sis­mus, der nie­mals en­det

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Schwär­zer als schwarz: Gibt es das? „Mit­ter­nachts­schwarz, su­da­ne­sisch schwarz“ist das Kind, das die Mut­ter zu ih­rem Ent­set­zen zur Welt bringt. Lu­la Ann, das „Ne­ger­lein“, ist der Afro­ame­ri­ka­ne­rin pein­lich. Die Mut­ter nennt sich Sweet­ness, aber sie ver­süßt ih­rem Kind nicht das Le­ben. Und der Va­ter rührt das Mäd­chen nicht an.

Lu­la Ann lebt mit der de­struk­tivs­ten Form des Ras­sis­mus auf – ei­ner Ab­leh­nung, die als Selbst­hass in den we­gen ih­rer Haut­far­be aus­ge­grenz­ten Men­schen selbst ver­an­kert ist. Ih­ren El­tern ist die klei­ne Lu­la ein Aus­bund der Häss­lich­keit. „Ich ha­be Angst“, lau­tet der ers­te Satz, mit dem sich Lu­la Ann vor­stellt. Als ihr Mann Boo­ker sie ver­lässt, sagt er: „Du bist nicht die Frau, die ich will.“

Zu­rück­wei­sung ver­stärkt sich mit je­dem Mal mehr. Sie frisst sich in Men­schen hin­ein, im­prä­gniert ihr gan­zes Selbst­ge­fühl. Ras­sis­mus ist ei­ne sol­che Zu­rück­wei­sung, die all je­ne Men­schen in Be­sitz nimmt, die un­ter ih­ren Be­din­gun­gen le­ben, gleich ob als Tä­ter oder Op­fer.

Die ame­ri­ka­ni­sche Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin To­ni Mor­ri­son er­zählt in ih­rem neu­en Ro­man „Gott, hilf dem Kind“von der jun­gen Lu­la Ann, von ih­rer Freun­din Brook­lyn, ih­rem Mann Boo­ker, von fa­tal mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Schick­sa­len und dann doch im­mer wie­der von Ras­sis­mus als je­ner ei­nen, ge­hei­men Macht, die Men­schen mit der Selbst­ach­tung auch je­de Fä­hig­keit nimmt, ein gu­tes Selbst­ge­fühl zu ha­ben und an­de­re zu be­ja­hen. Glück­li­che, weil ge­lin­gen­de Be­zie­hun­gen gibt es für die­se Men­schen nicht.

To­ni Mor­ri­son hät­te ih­ren Ro­man über­schau­bar an­le­gen kön­nen, in­dem sie al­lein ih­rer Prot­ago­nis­tin Lu­la Ann auf der Spur bleibt. Aber die in­zwi­schen 86 Jah­re al­te Au­to­rin zieht den Le­ser in ein La­by­rinth der Per­spek­ti­ven, in­dem sie ih­re Fi­gu­ren zu­nächst aus ih­rer je­wei­li­gen Ich-Per­spek­ti­ve er­zäh­len lässt. So fä­chert sich li­nea­re Hand­lung in ein Kalei­do­skop der Blick­win­kel auf. Und je­de Fi­gur er­weist sich als un­schul­di­ges We­sen mit ei­ner Kehr­sei­te der Schuld. Das gilt nicht zu­letzt für Lu­la Ann, die ei­ne Leh­re­rin des se­xu­el­len Miss­brauchs be­zich­tigt, um ge­liebt zu wer­den, und die un­schul­di­ge Frau mit ih­rer Aus­sa­ge ins Ge­fäng­nis schickt. Das gilt aber auch für die­se So­fia Hux­ley, in der ne­ben der Ge­walt­tä­te­rin, die ih­re An­klä­ge­rin nach der Haft­ent­las­sung bö­se zu­rich­tet, ei­ne ver­schüch­ter­te Frau wohnt.

Hin­ter je­der Ge­walt steht die Angst. Hin­ter je­dem Un­recht, das Men­schen ein­an­der an­tun, ver­birgt sich das Leid, das sie von an­de­ren emp­fan­gen ha­ben. To­ni Mor­ri­son ver­schach­telt die Hand­lungs­fä­den ih­res Ro­mans so ge­schickt zu ei­nem dich­ten Ge­we­be, um die­sen fa­ta­len Kreis­lauf über die wohl­fei­le An­kla­ge hin­aus er­zäh­le­risch sicht­bar zu ma­chen. Die­se Leis­tung und nicht das ge­sell­schafts­po­li­ti­sche An­lie­gen macht ihr neu­es Buch zu ei­nem gro­ßen Ro­man.

Er kommt zur rech­ten Zeit. In den USA reißt die Se­rie von Ge­walt­ta­ten von Po­li­zis­ten ge­gen Schwar­ze nicht ab. Zu­dem ver­schärft Do­nald Trump, der neue Mann im Wei­ßen Haus, ge­sell­schaft­li­che Span­nun­gen. Jahr­zehn­te nach dem Be­ginn der Bür­ger­rechts­be­we­gung ist der Ras­sis­mus noch im­mer nicht be­siegt. Das macht mut­los.

Mor­ri­son er­zählt von Men­schen, de­nen es so er­geht. Lu­la Ann Bri­de­well muss sich „Bri­de“nen­nen, in ein schnee­wei­ßes Kleid schlüp­fen, um als Re­prä­sen­tan­tin ei­ner Par­füm­mar­ke Er­folg ha­ben zu kön­nen. Im Ja­gu­ar fährt sie bei Kun­den vor. Doch hin­ter der po­lier­ten Fas­sa­de nis­tet das Un­glück wie ein düs­te­rer Geist. Ei­ne Pau­se vom De­sas­ter bie­tet nur die Zeit, die Bri­de nach ei­nem Au­to­un­fall bei Ste­ve, Eve­lyn und ih­rem Pfle­ge­kind Rain ver­bringt. Das Hip­pie­paar nimmt die Ver­letz­te auf. Und die fin­det sich auf­ge­ho­ben wie in ei­nem Asyl.

Mor­ri­sons Vi­si­on ei­ner Hil­fe oh­ne Ge­gen­leis­tung er­in­nert an Epi­so­den aus Da­ve Eg­gers’ Ro­man „Bis an die Gren­ze“, in de­nen Haupt­fi­gur Jo­sie in Land­kom­mu­nen ei­ne neue Hei­mat fin­det. Mor­ri­son packt ihr The­ma aber här­ter an als Eg­gers. Bri­de und Boo­ker fin­den nach hef­ti­gem Streit wie­der zu­sam­men. „Gott, hilf dem Kind“: Der ti­tel­ge­ben­de Stoß­seuf­zer gilt ih­rem Kind. Ob es ein­mal oh­ne Ras­sis­mus le­ben kann? Gott muss hel­fen. Die Men­schen tun es nicht – oder zu sel­ten.

To­ni Mor­ri­son: Gott, hilf dem Kind. Ro­man. Ro­wohlt. 208 Sei­ten. 19,95 Eu­ro.

To­ni Mor­ri­son Fo­to: dpa

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