Mit klei­nen Schrit­ten Rich­tung Nor­ma­li­tät

Stipp­vi­si­te in Sotschi: Der Ton zwi­schen Mer­kel und Pu­tin wird wie­der freund­li­cher

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Burk­hard Ewert

An­ge­la Mer­kel trifft Wla­di­mir Pu­tin: Die­se Gip­fel sto­ßen im­mer auf be­son­de­re Auf­merk­sam­keit. Dies­mal spra­chen bei­de am Schwar­zen Meer über die Ukrai­ne und Sy­ri­en, die G20 und Ost­eu­ro­pa.

SOTSCHI. Ei­ne Frie­dens­mis­si­on? Ei­ne heik­le Er­kun­dungs­rei­se in ge­hei­mer Ab­stim­mung mit den USA? Nein, da­von war die­ser Be­such der deut­schen Kanz­le­rin beim rus­si­schen Prä­si­den­ten weit ent­fernt. Wer Mos­kau freund­lich ge­sinnt ist, hat­te auf ei­nen Start­schuss zur Ver­söh­nung ge­hofft. Eben­so die deut­sche Wirtschaft, die nicht län­ger zu­se­hen mag, wie si­cher ge­glaub­te ge­schäft­li­che Op­tio­nen schwin­den und statt­des­sen die ost­asia­ti­sche oder tür­ki­sche Kon­kur­renz pro­fi­tiert.

Als aber An­ge­la Mer­kel und Wla­di­mir Pu­tin im Schwarz­meer­ort Sotschi auf dem Ge­län­de von Jo­sef Sta­lins al­ter Dat­scha vor die Pres­se tre­ten, hat sich we­nig ver­än­dert. Schon der Rah­men der Rei­se sprach da­für: kei­ne Über­nach­tung, kei­ne um­fas­sen­de Vor­be­rei­tung, kei­ne zi­vi­len Pro­gramm­punk­te au­ßer­halb der Ge­sprä­che. Auch be­glei­te­te kei­ne De­le­ga­ti­on die Kanz­le­rin, son­dern nur ein klei­ner Kreis engs­ter Be­ra­ter.

Trotz­dem, der Ton ist merk­bar freund­li­cher ge­wor­den. Die zu­letzt deut­lich stei­gen­den Zah­len der wirt­schaft­li­chen Zu­sam­men­ar­beit sei­en er­freu­lich, sagt bei­spiels­wei­se Mer­kel in ge­lin­dem Wi­der­spruch zum Sinn der we­gen der Ukrai­ne-Kri­se ver­häng­ten Sank­tio­nen. Vor dem Hin­ter­grund, dass sich in die­sen Ta­gen das En­de des Zwei­ten Welt­kriegs jäh­re, sei es zu­dem ge­ra­de­zu ei­ne Pflicht, im Ge­spräch mit Russ­land zu blei­ben in ei­ner Welt, die aus den Fu­gen sei.

Kei­ne Pro­vo­ka­tio­nen

So blieb es nicht nur bei Pal­men, die sich drau­ßen im mil­den Kau­ka­sus-Wind wieg­ten, son­dern kam es auch im In­ne­ren der prä­si­dia­len Som­mer­re­si­denz zu ein klein we­nig Be­we­gung. Im Ge­spräch blei­ben zu wol­len und sich wert­zu­schät­zen – das war die Bot­schaft. Auf ein Tref­fen mit der „Zi­vil­ge­sell­schaft“, wie es un­längst von Au­ßen­mi­nis­ter Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) in Is­ra­el für Fu­ro­re ge­sorgt hat, ver­zich­te­te Mer­kel denn auch in Kennt­nis der Sym­bo­lik. Pro­vo­ka­ti­on war das Ziel des Be­suchs aus­drück­lich nicht –

um­ge­kehrt ließ Pu­tin die Kanz­le­rin ent­ge­gen sei­ner Ge­pflo­gen­hei­ten ge­gen­über an­de­ren Staats­gäs­ten nicht mal mi­ni­mal war­ten.

Ne­ben der Ukrai­ne-Kri­se galt Mer­kels In­ter­es­se vor al­lem der Sy­ri­en-Fra­ge. Zwar spielt Deutsch­land dort ei­ne Ne­ben­rol­le. Doch mit den un­mit­tel­ba­ren Vor­stel­lun­gen der Golf­staa­ten im Ohr – die Kanz­le­rin hat­te die Vor­ta­ge in Sau­di-Ara­bi­en und in den Emi­ra­ten am Per­si­schen Golf ver­bracht – setzt sie dar­auf, dass der Wil­le zu ei­ner Ei­ni­gung auch in Russ­land steigt. Das Kal­kül im Kreml, welt­po­li­tisch

wie­der wich­tig ge­wor­den zu sein, ist ja nicht nur in Sy­ri­en er­reicht. Nun könn­te es für Pu­tin an der Zeit sein, zu ei­ner kon­struk­ti­ve­ren Politik über­zu­ge­hen.

Zei­gen kann sich das in Kür­ze beim G-20-Gip­fel in Ham­burg, zu des­sen Vor­be­rei­tung die Kanz­le­rin eben­falls an­ge­reist war. „Wir wol­len Kon­sens­ent­schei­dun­gen und sind be­reit, die deut­sche G-20-Prä­si­dent­schaft zu un­ter­stüt­zen“, sag­te Pu­tin Mer­kel zu.

Mer­kel weiß: Vie­le kri­ti­schen Fra­gen aus Russ­land sind ja rich­tig. Ei­ne ge­eig­ne­te

Per­son, die auf As­sad für ei­ne Über­gangs­zeit fol­gen kön­ne, ist nicht in Sicht. Ei­nen wei­te­ren ge­schei­ter­ten Staat kön­nen sich we­der Eu­ro­pa noch die is­la­mi­sche Nach­bar­schaft leis­ten. In Kiew wie­der­um wür­de das Re­gie­rungs­la­ger dras­tisch schrump­fen, näh­me man den Kampf ge­gen Kor­rup­ti­on ernst. Auch gibt sich Prä­si­dent Pe­tro Po­ro­schen­ko al­le Mü­he, sich bei der rus­sisch­stäm­mi­gen Be­völ­ke­rung wei­ter un­be­liebt zu ma­chen. Wer Ren­ten nur noch an die aus­zahlt, die sich Kiew un­ter­wer­fen, treibt die Men­schen re­gel­recht in die Ar­me der Se­pa­ra­tis­ten oder aber zu rus­si­schen Geld­ge­bern.

Auch Eu­ro­pa selbst lei­det ja nicht et­wa un­ter rus­si­schem Druck, son­dern hat sich sei­ne Pro­ble­me selbst ge­schaf­fen. Pu­tin nutzt sie al­len­falls aus, in­dem er in Mol­da­wi­en oder Ser­bi­en Ein­fluss nimmt oder EU-kri­ti­sche Krei­se in Frank­reich stützt – als mehr oder we­ni­ger sub­ti­le Re­van­che ge­gen ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on, die ihm ge­gen­wär­tig aus sei­ner Sicht das Le­ben schwer macht, wo sie nur kann.

Aber den Mins­ker Frie­dens­pro­zess für ge­schei­tert zu er­klä­ren und ein Nach­fol­ge­ab­kom­men zu ver­han­deln? Kei­ne Re­de da­von, sa­gen Mer­kel und Pu­tin in ab­so­lu­ter Ei­nig­keit. „Es fehlt nicht an Ab­kom­men, son­dern an Um­set­zung“, er­klärt die CDU-Vor­sit­zen­de. „Die­se Ge­bie­te wur­den von nie­man­dem ab­ge­spal­ten“, be­tont Pu­tin mit Blick auf die Ost­ukrai­ne. „Die ukrai­ni­sche Re­gie­rung selbst spal­tet sie ab, in­dem sie Blo­cka­den ein­rich­tet.“Es ge­be dort kei­ne Ban­ken mehr, die ukrai­ni­sche Wäh­rung sei de fac­to aus dem Ver­kehr ge­zo­gen wor­den. Minsk müs­se ein­ge­hal­ten wer­den. Sonst dür­fe sich nie­mand wun­dern, wenn sich die Men­schen Al­ter­na­ti­ven such­ten und den Ru­bel als Zah­lungs­mit­tel ein­führ­ten oder pri­va­te Un­ter­neh­men in ei­ge­ne Ho­heit bräch­ten, be­vor sie in Ru­in gin­gen.

„Mi­schen uns nicht ein“

Auf die Fra­ge, ob sie ei­ne rus­si­sche Ein­mi­schung bei der Bun­des­tags­wahl fürch­tet, bleibt Mer­kel, nur ei­nen gu­ten Me­ter ne­ben Pu­tin ste­hend, oh­ne je­den Sei­ten­blick ge­las­sen. Sie sei kein ängst­li­cher Mensch und ver­traue auf ih­re po­li­ti­schen Ar­gu­men­te – ob­gleich man über­all nach­le­sen kön­ne, dass hy­bri­de Mit­tel zur rus­si­schen Stra­te­gie zäh­len wür­den. Pu­tin re­agiert ge­reiz­ter: Nie­mals wür­de sich Russ­land in in­ne­re Be­lan­ge an­de­rer Län­der ein­mi­schen. „Ich wün­sche mir, dass an­de­re sich in Russ­land auch nicht ein­mi­schen“, fügt er hin­zu – „doch wir se­hen das Ge­gen­teil.“

Auf­merk­sam re­gis­triert man im Kanz­ler­amt gleich­wohl, dass Russ­land neu­er­dings in Af­gha­nis­tan Ge­sprä­che mit den Ta­li­ban führt. Er­öff­net Pu­tin hier ei­nen neu­en Schau­platz, um den Wes­ten un­ter Druck zu set­zen? Will er sei­ne Mög­lich­kei­ten auf­zei­gen, falls es an an­de­rer Stel­le nicht zu Ei­ni­gun­gen kommt? Un­ge­schickt ist der Rus­se nicht, was Macht­po­li­tik an­be­langt. Mit­ein­an­der zu spre­chen, da­von ist Mer­kel über­zeugt, ist trotz­dem rich­tig. Das sei ja selbst im Kal­ten Krieg ge­lun­gen, warnt sie die Hard­li­ner im Wes­ten vor an­ma­ßen­der Ab­schot­tung.

Kurz­trip in den rus­si­schen Früh­ling: An­ge­la Mer­kel bei der Lan­dung in Sotschi am Schwar­zen Meer. Fo­to: dpa

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