In Pa­nik Brem­se und Gas ver­wech­selt

Pro­zess um Irr­fahrt ei­nes Rent­ners durch die Fuß­gän­ger­zo­ne von Bad Sä­ckin­gen – Zwei To­te, 27 Ver­letz­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel -

Der al­te Mann auf der An­kla­ge­bank stellt sich den Fo­to­gra­fen und Ka­me­ra­teams, als er in den Ge­richts­saal geht. „Mein Man­dant steht zu die­sem Ver­fah­ren“, sagt sein An­walt Micha­el Vo­gel zum Pro­zess­auf­takt am Di­ens­tag im Amts­ge­richt Bad Sä­ckin­gen. Der 85-Jäh­ri­ge, das wird er über den An­walt er­klä­ren las­sen, lei­det bis heu­te un­ter dem, was vor knapp ei­nem Jahr in der klei­nen Stadt im Sü­den Ba­den-Würt­tem­bergs ge­sche­hen ist. „Es wä­re bes­ser ge­we­sen, wenn ich den Un­fall nicht über­lebt hät­te“, gibt der An­ge­klag­te über sei­nen An­walt zu Pro­to­koll.

Das Amts­ge­richt in der 17 000-Ein­woh­ner-Stadt ver­han­delt ei­nen Fall, der im Mai 2016 über­re­gio­nal Schlag­zei­len mach­te. Er wirft ge­ne­rel­le Fra­gen auf, es geht um Se­nio­ren im Stra­ßen­ver­kehr. Bei dem Un­fall gab es zwei To­te und 27 Ver­letz­te.

Der Rent­ner fuhr da­bei mit sei­nem Au­to über das Kopf­stein­pflas­ter so­wie durch zwei Stra­ßen­ca­fés der be­leb­ten Alt­stadt und kam erst an der Sitz­bank vor ei­nem Mo­de­ge­schäft zum Ste­hen. Das Au­to er­fass­te Men­schen an Ca­fé-Ti­schen und Pas­san­ten. „Die Men­schen hat­ten kei­ne Chan­ce aus­zu­wei­chen“, sagt ein Po­li­zei­be­am­ter, der als ei­ner der ers­ten Hel­fer vor Ort war. Die In­nen­stadt war da­mals, an ei­nem Sams­tag­mit­tag im Früh­ling, gut be­sucht.

Der Rent­ner hat der An­kla­ge zu­fol­ge beim Wen­den auf der Park­platz­su­che im In­nen­stadt­ver­kehr Gas und Brem­se sei­nes Au­to­ma­tik­au­tos ver­wech­selt. Der Wa­gen schoss in die Men­schen­men­ge. Das Au­to, sagt die Staats­an­wäl­tin, fuhr mit min­des­tens 40 Ki­lo­me­ter pro St­un­de durch die Fuß­gän­ger­zo­ne.

Im Wa­gen sa­ßen der Rent­ner, auf dem Bei­fah­rer­sitz die Ehe­frau so­wie auf der Rück­bank die da­mals 36 Jah­re al­te En­ke­lin. „Es war wie ein Alb­traum“, er­in­nert sich die jun­ge Frau, die in dem Pro­zess als Zeu­gin auf­tritt. Groß­el­tern und En­ke­lin woll­ten in der Stadt ge­mein­sam mit­tag­es­sen Alb­traum: ge­hen. „Wir ha­ben uns al­le dar­auf ge­freut.“

Plötz­lich kol­li­dier­te ein Fahr­rad­fah­rer mit dem Au­to. Der Groß­va­ter ha­be Pa­nik be­kom­men und auf das Gas­pe­dal ge­tre­ten. „Er war starr vor Schock. Und plötz­lich schoss das Au­to los. Ich ha­be Schreie ge­hört und nur ge­hofft, dass das Au­to bald stoppt.“Der An­ge­klag­te, sagt sein An­walt, ha­be seit 1965 den Füh­rer­schein. Und war seit­her stets un­fall­frei un­ter­wegs. Ihm dro­hen bei ei­ner Ver­ur­tei­lung we­gen fahr­läs­si­ger Tö­tung bis zu fünf Jah­re Haft oder ei­ne Geld­stra­fe.

An ei­ner Haus­ecke kommt das Au­to des Se­ni­ors zum Ste­hen. Fo­to: dpa

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