Düs­te­rer rech­ter Ter­ror

„To­ter Win­kel“heu­te Abend im Ers­ten – Die Fra­ge nach der Schuld und Mit­schuld

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Das Ers­te, 20.15 Uhr.

Das Ers­te zeigt heu­te Abend das Fa­mi­li­en­dra­ma „To­ter Win­kel“– ein düs­te­rer, aber her­aus­ra­gen­der Film über ei­nen Va­ter, der sich mit sich selbst und sei­nem Ver­hält­nis zu sei­nem Sohn aus­ein­an­der­set­zen muss. Die­ser ge­rät in Ver­dacht, Mit­glied ei­ner rechts­ter­ro­ris­ti­schen Grup­pe zu sein.

Von Joa­chim Schmitz und Chris­toph Schil­ling­mann

OSNABRÜCK. Fri­seur­meis­ter Karl (Her­bert Knaup) führt mit sei­ner Frau El­sa (Jo­han­na Gast­dorf) ein glück­li­ches Le­ben, Sohn Tho­mas (Han­no Koff­ler) und Schwie­ger­toch­ter Ma­ri­an­ne (The­re­sa Schol­ze) ha­ben den bei­den ei­ne En­kel­toch­ter ge­schenkt. Die Fa­mi­li­en­idyl­le be­ginnt je­doch ins Wan­ken zu ge­ra­ten, als Ma­nu­el (Kon­stan­tin Lind­t­horst), der ehe­ma­li­ge bes­te Freund von Tho­mas, un­ter mys­te­riö­sen Um­stän­den ums Le­ben kommt. Denn Ma­nu­el wird mit der rechts­ter­ro­ris­ti­schen Sze­ne in Ver­bin­dung ge­bracht.

Das Dreh­buch hat Au­tor Ben Brau­en­lich ge­schrie­ben. Nach sei­nen An­ga­ben hat er mit Hans Gei­ßen­dör­fer ei­nen Film zum The­ma NSU ma­chen wol­len, aber kei­ne Re­fle­xi­on über Tä­ter, Op­fer oder Er­mitt­ler. „Am stärks­ten be­ein­druckt hat mich bei der Re­cher­che zu dem The­ma ein Fern­seh­in­ter­view mit den El­tern von Uwe Böhn­hardt, in dem sie von ih­rem Sohn er­zäh­len. Wie sie es wahr­ge­nom­men ha­ben, dass ihr Sohn ein Mör­der ist“, sagt

Braeun­lich. Das sei für ihn die mit Ab­stand in­ter­es­san­tes­te Per­spek­ti­ve für ei­ne fil­mi­sche Er­zäh­lung ge­we­sen. „Dar­aus er­wächst die Fra­ge nach Schuld und Mit­schuld, Ur­sprung und Wir­kung – was hät­te man be­ein­flus­sen kön­nen? Mit die­sem An­satz war der Film für mich ge­bo­ren“, sagt der Dreh­buch­au­tor.

Der Film be­ginnt mit ei­ner Sze­ne, in der die 15-jäh­ri­ge Anya (Em­ma Dro­gu­n­o­va) und ih­re Fa­mi­lie mit­ten in der Nacht von Män­nern und Frau­en in Uni­form aus dem Schlaf ge­klin­gelt wer­den. Es heißt, dass Blei­be­recht der El­tern sei ab­ge­lau­fen. Ih­re Fa­mi­lie lässt sich mit­neh­men und ist seit­dem ver­schwun­den. Aber Anya schafft es zu

flie­hen und ver­steckt sich bei ei­nem Freund. Kon­takt zu ih­rer Fa­mi­lie hat sie schein­bar nur noch mit­tels SMS zu ih­rem Va­ter. Doch da­hin­ter ste­cken die Rechts­ex­tre­mis­ten. Als Karl das Han­dy von Anyas Va­ter bei Tho­mas fin­det, weiß er, dass sein Sohn et­was zu ver­ber­gen hat. Al­ler­dings ist Karl schon zu­vor auf vie­le In­di­zi­en ge­sto­ßen, die ihn stut­zig ge­macht ha­ben: ein Bild, auf dem Tho­mas und sei­ne Freun­de den Hit­ler­gruß zei­gen, und aus­län­der­feind­li­che Aus­sa­gen.

Karl muss sich selbst in sei­ner Rol­le als Va­ter und das Ver­hält­nis zu sei­nem Sohn hin­ter­fra­gen. Er be­fin­det sich in ei­nem Zwie­spalt. Ei­ner­seits will er nicht wahr­ha­ben,

dass sein Sohn et­was mit dem Ver­schwin­den der Fa­mi­lie zu tun hat, und will ihm ver­trau­en. An­de­rer­seits möch­te er über­prü­fen, ob er sei­ner Va­ter­rol­le ge­recht ge­wor­den ist.

Für Braeun­lich ist Karl ei­ne viel­schich­ti­ge Haupt­fi­gur. „Am En­de setzt er ganz be­wusst das Le­ben des Mäd­chens aufs Spiel, um her­aus­zu­fin­den, ob sein Sohn im In­ners­ten doch ein gu­ter Mensch ist. Und so­mit auch er ein gu­ter Va­ter war“, sagt er. „Was er da­für als Mit­tel ein­setzt, ist ab­so­lut grau­en­voll, ego­is­tisch und ver­ur­tei­lungs­wür­dig.“

Für den Haupt­dar­stel­ler hat Braeun­lich lo­ben­de Wor­te üb­rig. „Es war groß­ar­tig zu be­ob­ach­ten, wie Her­bert Knaup sich der Fi­gur lang­sam ge­nä­hert, an­ge­nom­men und dann Hol­zer ver­kör­pert hat – mit all sei­nen in­ne­ren Fa­cet­ten und mensch­li­chen Ab­grün­den“, sagt er.

Trotz der of­fen­sicht­li­chen An­spie­lun­gen, die sich durch den ge­sam­ten Film zie­hen, bleibt „To­ter Win­kel“bis zum Schluss span­nend. Hin­zu kommt der für den Zu­schau­er im­mer wie­der durch­schim­mern­de Be­zug zum The­ma NSU.

To­ter Win­kel, Mehr Kri­ti­ken zum TV-Pro­gramm le­sen Sie auf noz.de/me­di­en

Kann Va­ter Karl Hol­zer sei­nem Sohn Tho­mas ver­trau­en? Er stößt auf im­mer mehr In­di­zi­en, die ihn stut­zig ma­chen, ob sein Sohn po­li­tisch mo­ti­vier­te Ver­bre­chen be­gan­gen hat. Fo­to: WDR/Tho­mas Kost

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.