Fürs­tenk­necht und Volks­be­frei­er

Aus­stel­lung „Lu­ther und die Deut­schen“auf der Wart­burg the­ma­ti­siert die vie­len Bil­der des Re­for­ma­tors

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Mehr zum Re­for­ma­tor auf noz.de/re­for­ma­ti­on

Frei­heits­held oder Fürs­tenk­necht: Das Bild Mar­tin Lu­thers hat vie­le Fa­cet­ten. Die Aus­stel­lung „Lu­ther und die Deut­schen“auf der Wart­burg fä­chert sie auf.

Von Ste­fan Lüd­de­mann

Ir­gend­wo auf der lan­gen Stre­cke der Aus­stel­lungs­stü­cke zwi­schen der Kar­te des Deut­schen Rei­ches von 1517 und Ernst Mo­ritz Arndts Ka­te­chis­mus für den „teut­schen Kriegs- und Wehr­mann“von 1817 liegt es un­schein­bar in ei­ner Vi­tri­ne. „Geist­li­che Lie­der auffs new ge­bes­sert“heißt das Bänd­chen von 1533, das be­quem in ei­nen Hand­tel­ler passt. Der Band ist dort auf­ge­schla­gen, wo „Ei­ne fes­te Burg ist un­ser Gott“zu le­sen ist, ein Lied als pro­tes­tan­ti­sche Glau­bens­fes­tung aus Tö­nen. Mit den pracht­vol­len Dru­cken der Lu­ther­bi­bel aus je­ner Zeit hält die­ses Bänd­chen nicht mit. Aber ge­ra­de in sei­ner un­schein­ba­ren Selbst­ver­ständ­lich­keit liegt die gan­ze Kraft ei­nes neu­en Glau­bens. Lu­thers Lie­der in ei­nem fast 500 Jah­re al­ten Büch­lein – auf der Wart­burg kommt man der Re­for­ma­ti­on und ih­rer erup­ti­ven Kraft jetzt im­mer wie­der so na­he wie bei die­ser Lie­der­samm­lung.

Wart­burg als Schau­platz

„Lu­ther und die Deut­schen“: Die Prä­sen­ta­ti­on auf der Wart­burg bei Ei­se­nach ge­hört mit dem Ber­li­ner „Lu­ther-Ef­fekt“und „Lu­ther! 95 The­sen – 95 Men­schen“in Wit­ten­berg zur Tri­as der na­tio­na­len Groß­aus­stel­lun­gen im Jahr des Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­ums, die un­ter dem kra­chen­den Ti­tel „3x Ham­mer“fir­mie­ren. Re­for­ma­tor und Na­tio­nal­held, Fürs­tenk­necht und Volks­be­frei­er: Mar­tin Lu­ther und sein Bild im Wan­del der Jahr­hun­der­te – dar­um geht es in Ei­se­nach. Die Wart­burg ist der Trumpf der Aus­stel­lung – und ihr Han­di­cap zu­gleich. Auf der Burg saß Mar­tin Lu­ther un­ter dem Tarn­na­men „Jun­ker Jörg“1521/22 ein knap­pes Jahr in

Schutz­haft, nach­dem er auf dem Worm­ser Reichs­tag vor Kai­ser und Papst sei­nen neu­en Glau­ben be­kannt hat­te und fort­an um sein Le­ben fürch­ten muss­te. Auf der Wart­burg über­setz­te der Re­for­ma­tor das Neue Tes­ta­ment ins Deut­sche. Die Fe­s­tung ist Schau­platz der Re­for­ma­ti­on und deut­scher My­then­ort zu­gleich. Re­li­giö­se Er­neue­rung, kul­tu­rel­le Selbst­fin­dung, na­tio­na­ler Frei­heits­traum – all das bün­delt sich im Sym­bol der Wart­burg zum Ener­gie­strom ei­ner gro­ßen Er­zäh­lung, an der seit Lu­ther Ge­ne­ra­tio­nen mit­ge­schrie­ben ha­ben. Da­mit ist die Wart­burg Ort der Aus­stel­lung und zu­gleich ihr zen­tra­les Ex­po­nat.

Ku­ra­tor Marc Höch­ner sah sich vor die Auf­ga­be ge­stellt, die Wart­burg als au­then­ti­schen Ort zu nut­zen und sie zu­gleich als in­sze­nier­te Ku­lis­se

kennt­lich zu ma­chen. Da­für hat er die Ka­pi­tel sei­ner Schau in den his­to­ri­schen Räu­men des Pa­las, des zen­tra­len Wohn­hau­ses, auf­ge­fä­chert. Es geht durch nied­ri­ge Räu­me, die das Ge­dächt­nis von Lu­thers Schrit­ten be­wah­ren, durch ei­nen Rit­ter­saal mit ele­gan­tem Bo­gen­ge­wöl­be, vor­bei an den un­längst re­stau­rier­ten Fres­ken, mit de­nen Mo­ritz von Schwind 1854/55 die Hei­li­ge Eli­sa­beth fei­er­te, und zu­letzt zum un­aus­weich­li­chen Ziel­punkt je­der Wart­burg-Wall­fahrt, hin­ein in die Lu­ther­Stu­be. Dort, wo der Re­for­ma­tor einst die Bi­bel über­setz­te, schließt sich der Aus­stel­lungs­par­cours wie ein Rund­lauf, der von den frü­hen Lu­ther-Zeug­nis­sen sei­nen Aus­gangs­punkt ge­nom­men hat und dort an­langt, wo sich die Gestalt des Re­for­ma­tors nach Jahr­hun­der­ten der bild­ge­wor­de­nen

Lu­ther-Vi­sio­nen zum Such­bild der Er­in­ne­rungs­ar­beit ver­flüch­tigt. Ein hals­bre­che­ri­sches Aus­stel­lungs­aben­teu­er, das in Ei­se­nach auch nur zum Teil ge­lingt.

Denn die Prä­sen­ta­ti­on, die stark be­ginnt, lässt zum En­de nicht nur in der Qua­li­tät ih­rer Ex­po­na­te merk­lich nach. Dem Bil­der­rei­gen fehlt auch je­ne ei­ne star­ke The­se, die das Auf­ge­bot von 300 Ex­po­na­ten, von de­nen ein Drit­tel aus der Samm­lung der Wart­burg selbst stammt, zu­ver­läs­sig zu­sam­men­hal­ten könn­te. Da­bei ist der Ein­stieg in die Schau an In­ten­si­tät kaum zu über­bie­ten. Mit dem Ori­gi­nal der Bul­le, mit der der Papst Mar­tin Lu­ther, dem aus der Per­spek­ti­ve Roms auf­müp­fi­gen Mönch­lein, mit dem Kir­chen­bann droht, zeigt Ei­se­nach ein Ex­po­nat von durch­schla­gen­der Wucht. Be­ste­chend

sau­ber flie­ßen­de Schrift­zei­len auf ei­nem Hand­tuch von ei­nem Schrift­stück, an dem ein ein­zi­ges Sie­gel, näm­lich das der höchs­ten Au­to­ri­tät der da­ma­li­gen Chris­ten­heit, hängt – so sieht sie aus, die Ver­fü­gung, un­ter de­ren Druck Lu­ther zer­malmt zu wer­den droh­te. Hin­zu kom­men Ablass­brie­fe aus der Lu­therZeit, sel­te­ne Aus­ga­ben der von Lu­ther über­setz­ten Bi­bel, ori­gi­na­le Ma­nu­skrip­te, mit de­nen der Re­for­ma­tor sei­ne Auf­trit­te für die neue Leh­re vor­be­rei­te­te. Der Aus­stel­lungs­be­su­cher von heu­te hält den Atem an. Vor sei­nen Au­gen er­eig­net sich Welt­ge­schich­te von einst.

Doch von Raum zu Raum zer­fa­sert die an­fangs dich­te Prä­sen­ta­ti­on ein Stück mehr im Ge­flecht der lo­se ge­knüpf­ten Aspek­te ufer­lo­ser Lu­ther-Re­zep­ti­on. Drit­tes Reich, die bei­den deut­schen Staa­ten in der Zeit der Tei­lung: Ge­ra­de für die Zeit, in der das An­den­ken Mar­tin Lu­thers auch in jüngs­ter Ver­gan­gen­heit po­li­tisch be­son­ders in­ten­siv in­stru­men­ta­li­siert wird, fällt den Ku­ra­to­ren we­nig ein. Erich Hone­cker auf der Wart­burg, das Pro­gramm des Fest­ak­tes in Nürnberg mit Re­den von Karl Cars­tens und Hel­mut Kohl – die Do­ku­men­te zu den Fei­ern zu Lu­thers 500. Ge­burts­tag sind all­zu schma­le Be­le­ge für ei­ne Kon­kur­renz der Lu­ther-Deu­tun­gen, die sich durch Jahr­hun­der­te zieht und auch den ideo­lo­gi­schen Kon­trast der bei­den deut­schen Staa­ten bis zum Mau­er­fall 1989 schär­fen hilft.

Viel­falt der Lu­ther-Bil­der

Lu­ther als Frei­heits­i­ko­ne und bie­de­rer Haus­va­ter, als Er­neue­rer der Kultur und ideo­lo­gi­scher Scharf­ma­cher – die Aus­stel­lung be­bil­dert die Viel­falt der Lu­ther-Bil­der mit Zeug­nis­sen vom Ge­mäl­de bis zur Bro­schü­re akri­bisch, macht die­sen his­to­ri­schen Wan­del aber sel­ten plau­si­bel. Hin­zu kommt, dass die Wart­burg als Lu­ther-Ort die Prä­sen­ta­ti­on au­ra­tisch auf­lädt und zu­gleich selbst Fra­gen aus­löst. Denn ge­ra­de als Schau­platz pa­trio­ti­scher Frei­heits­fes­te wie je­nem von 1817 avan­cier­te die Burg selbst zum Me­di­um ei­ner na­tio­na­len Hoff­nung, die auch aus auf­ge­la­de­nen Lu­ther-Bil­dern ih­re Ener­gie be­zog. So in­ten­siv sich „Lu­ther und die Deut­schen“ge­ra­de an die­sem Ort aus­neh­men mag – ge­ra­de auf der Wart­burg löst sich das Lu­ther-Bild in un­über­schau­bar vie­le Aspek­te auf. Was ist der Re­for­ma­tor uns Deut­schen heu­te? Auf die­se Fra­ge muss sich je­der Be­su­cher die­ser gro­ßen Aus­stel­lung am En­de selbst die Ant­wort ge­ben.

Ei­se­nach, Wart­burg: Lu­ther und die Deut­schen. 4. Mai bis 5. No­vem­ber 2017. Mo. bis So., 8.30 bis 17.30 Uhr.

Mar­tin Lu­ther:

Über Jahr­hun­der­te Ort der Lu­ther-Ver­eh­rung: Die Lu­ther­stu­be (Bild oben) auf der Wart­burg (un­ten rechts), die Schau­platz der Aus­stel­lung ist. Zu se­hen ist in der Son­der­schau „Lu­ther und die Deut­schen“ein hand­schrift­li­ches Ori­gi­nal der päpst­li­chen Ur­kun­de, die „Ban­n­an­dro­hungs­bul­le“, ge­gen Mar­tin Lu­ther. Fo­tos: dpa (2)/Wart­burg-Stif­tung Ei­se­nach (1)

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