Erst Stil­le, dann Ge­tö­se und ei­ni­ge Fett­näpf­chen

Die Land­tags­wahl in Schles­wig-Hol­stein am kom­men­den Sonn­tag ist span­nen­der als er­war­tet – Kommt die Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Die­ter Schulz

Gut acht Wo­chen vor der Land­tags­wahl in Schles­wig-Hol­stein schien das Ren­nen ent­schie­den: Der Schulz-Ef­fekt er­fass­te das Land, die Küs­ten­ko­ali­ti­on hat­te in al­len Um­fra­gen ei­ne sta­bi­le Mehr­heit, und für Mi­nis­ter­prä­si­dent Tors­ten Al­big (SPD) ge­nüg­ten 58 Pro­zent Zu­stim­mung für ei­nen deut­li­chen Vor­sprung vor sei­nem Her­aus­for­de­rer Da­ni­el Günther von der CDU. Und so lief auch der Wahl­kampf – eher still und lei­se. Al­le Par­tei­en set­zen eher auf klei­ne For­ma­te, Ge­sprächs­run­den und Hau­stür­wahl­kampf. Groß­ver­an­stal­tun­gen wa­ren die Aus­nah­me. Die SPD sieht den Schlüs­sel zum Wahl­sieg in Stim­men­ge­win­nen in den Städ­ten und im Ham­bur­ger Um­land. Und setzt auf die Un­ter­stüt­zung von Ham­burgs Ers­tem Bür­ger­meis­ter und Par­tei­freund Olaf Scholz, der über 20-mal ne­ben Al­big auf­trat.

Wäh­rend die So­zi­al­de­mo­kra­ten die Kar­te Amts­bo­nus für den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten spiel­ten und in ers­ter Li­nie ein „Wei­ter so“pos­tu­lier­ten, konn­te sich der lan­des­weit eher un­be­kann­te Her­aus­for­de­rer aus­schließ­lich über Sachthe­men pro­fi­lie­ren. Das aber ge­schickt: Da­ni­el Günther sorg­te mit der an­ge­kün­dig­ten Rück­kehr des Abiturs von G8 zu G9 so­wie dem Ver­spre­chen, in der nächs­ten Le­gis­la­tur die A 20 bis Ham­burg fer­tig zu bau­en, für die ein­zig wahr­nehm­ba­ren Auf­re­ger. Tors­ten Al­big da­ge­gen trat mit ei­nem miss­glück­ten „Bun­te“-In­ter­view ins Fett­näpf­chen, in dem er die ge­plan­te Hoch­zeit mit sei­ner neu­en Part­ne­rin Bär­bel Boy an­kün­dig­te (de­ren Agen­tur für den Lan­des­s­lo­gan „Der ech­te Nor­den“ver­ant­wort­lich ist).

Zu­sätz­lich goss der Eklat beim TV-Du­ell der bei­den Spit­zen­kan­di­da­ten or­dent­lich Öl ins Wahl­kampf­feu­er. Vor lau­fen­den Ka­me­ras be­zich­tig­te ei­ne Zu­schaue­rin Günther, er ha­be sie im Land­tag „Ver­diSchlam­pe“ ge­nannt. Die Da­me ent­pupp­te sich als SPD-Funk­tio­nä­rin und muss­te spä­ter zu­rück­ru­dern. Schlag­ar­tig stand der Vor­wurf ei­ner SPDSchmutz­kam­pa­gne ge­gen den CDU-Spit­zen­kan­di­da­ten im Raum.

Zu­sätz­lich kipp­te der Trend. We­ni­ge Ta­ge vor der Land­tags­wahl und erst­mals seit acht Mo­na­ten ver­fügt die Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on nicht mehr über ei­ne Mehr­heit. Auf­fäl­lig: Wäh­rend Grü­ne (12 Pro­zent) und FDP (neun Pro­zent) sta­bil blei­ben, ver­än­dern sich nur die Wer­te für CDU und SPD. Das ZDF-Po­lit­ba­ro­me­ter sieht die Christ­de­mo­kra­ten nun bei 32 Pro­zent und die So­zi­al­de­mo­kra­ten bei 30 Pro­zent. Ei­ne fast zeit­glei­che In­fra­test/di­ma­pUm­fra­ge für die ARD er­mit­tel­te 32 Pro­zent für die CDU und 31 Pro­zent für die SPD.

Des­halb ist der Aus­gang am 7. Mai wie­der völ­lig of­fen, zu­mal rund 40 Pro­zent der Be­frag­ten an­ga­ben, noch un­ent­schlos­sen zu sein. Für künf­ti­ge Ko­ali­tio­nen könn­te das Ab­schnei­den der AfD zum Züng­lein an der Waa­ge wer­den. Die in Schles­wig-Hol­stein tra­di­tio­nell schwa­chen Po­pu­lis­ten lie­gen nur bei sechs Pro­zent, ver­hin­dern aber so­wohl ei­ne Mehr­heit für die Küs­ten­am­pel als auch ei­ne Mehr­heit für Schwarz-Gelb. Da ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on im Au­gen­blick völ­lig aus­ge­schlos­sen scheint, wird es nach der Wahl wohl er­neut zu ei­nem Drei­er­bünd­nis kom­men. Schei­tert die Küs­ten­am­pel, ist der SSW von der Re­gie­rungs­bank. Dann scheint ei­ne Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on aus CDU, Grü­nen und FDP am wahr­schein­lichs­ten. Vor­aus­ge­setzt: Die Christ­de­mo­kra­ten wer­den stärks­te Kraft. Mög­lich ist auch die klas­si­sche Am­pel, zu­mal Wolf­gang Ku­bi­cki als aus­ge­spro­che­ner So­zi­al­li­be­ra­ler gilt. Für ih­ren Macht­er­halt müss­ten SPD und Grü­ne der FDP je­doch enor­me Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen. Si­cher scheint nur: Die Land­tags­wahl in Schles­wig-Hol­stein ist span­nen­der als er­war­tet.

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