Un­end­lich dank­bar und glück­lich

Durch eh­ren­amt­li­che Hil­fe: Sy­ri­sche Fa­mi­lie nach zwei Jah­ren in Lot­te ver­eint

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost - Von Jes­si­ca von den Ben­ken

Mo­ha­med Abd Al Ka­der ste­hen Trä­nen in den Au­gen. Das Glück ist kaum zu fas­sen. Nach zwei Jah­ren der Tren­nung kann er sei­ne Frau und die vier Kin­der end­lich in die Ar­me schlie­ßen. Ver­gan­ge­nen Frei­tag durf­ten sie aus dem Li­ba­non aus­rei­sen.

LOT­TE. Seit zwei Jah­ren lebt der 34-jäh­ri­ge Sy­rer al­lein in ei­ner Flücht­lings­un­ter­kunft in Lot­te. Ei­ne Ku­gel steckt in sei­nem Kopf. Er ist blind, auf frem­de Hil­fe an­ge­wie­sen. Sei­ne Frau und sei­ne Kin­der ste­cken nach der Flucht aus Sy­ri­en im Li­ba­non fest.

Die Odys­see der Fa­mi­lie be­gann 2012. Tisch­ler Mo­ha­med Abd Al Ka­der, sei­ne schwan­ge­re Frau Nel­li und die äl­tes­te Toch­ter Ra­ma – da­mals ge­ra­de ein Jahr alt – flüch­ten Hals über Kopf aus ih­rem Haus. As­sads Trup­pen und Mi­li­zen lie­fer­ten sich mit den Re­bel­len ei­nen er­bit­ter­ten Kampf um ih­re Hei­mat­stadt Homs. „Zeit, viel nach­zu­den­ken, hat­ten wir nicht“, er­in­nert sich Mo­ha­med. „Wir muss­ten weg. Es war kein Ge­heim­nis: Ich war schon im­mer ge­gen As­sad. Wir wa­ren in gro­ßer Ge­fahr.“Die Fa­mi­lie ha­be in Ei­le die nö­tigs­ten Sa­chen ge­packt, sei zum Au­to ge­lau­fen. Mo­ha­med mit Ra­ma auf dem Arm. Dann trifft ihn ei­ne Ku­gel in den Kopf. Der jun­ge Va­ter bricht zu­sam­men. Nur mit­hil­fe des Ro­ten Kreu­zes schaf­fen es Nel­li, ihr le­bens­ge­fähr­lich ver­letz­ter Mann und die klei­ne Toch­ter in den Li­ba­non. Dort kämp­fen Ärz­te zwei Mo­na­te lang um sein Le­ben.

Als Mo­ha­med nach acht Wo­chen aus dem Ko­ma er­wacht, ist er blind. Die Ku­gel steckt im­mer noch in sei­nem Kopf. Li­ba­ne­si­sche Ärz­te ra­ten ihm, nach Eu­ro­pa zu ge­hen. Dort kön­ne man hel­fen. Ge­mein­sam kann die Fa­mi­lie je­doch nicht rei­sen. Das Geld ist zu knapp. Mo­ha­med bleibt. Die Fa­mi­lie wächst. Sohn Ya­zan kommt 2012 zur Welt, Zain al Ab­din im Früh­jahr 2014. Dann ge­rät Mo­ha­med in Ge­fan­gen­schaft, wird ge­fol­tert und miss­han­delt. „Ei­nen Fuß ha­ben sie mir ge­bro­chen“, er­zählt er. Der li­ba­ne­si­sche Geheimdienst ha­be ihn un­ter Ter­ror­ver­dacht ge­stellt. Nach fünf Mo­na­ten Haft kommt er frei. So­fort ist

klar: Er muss das Land ver­las­sen. Al­lein macht er sich auf den Weg nach Eu­ro­pa – über das Mit­tel­meer, ent­lang der Bal­kan­rou­te. Im Som­mer 2015 er­reicht er Lot­te. Sei­ne Frau ist zu der Zeit mit dem vier­ten Kind schwan­ger. „Als ich ge­hen muss­te, ha­be ich mein Herz bei mei­ner Fa­mi­lie ge­las­sen“, sagt Mo­ha­med.

In Lot­te an­ge­kom­men, küm­mern sich Jenny Nitz­sche und Mar­ko Eschel­bach aus Os­na­brück um den sy­ri­schen Flücht­ling. Über Frank Ne­gras­sus, Flücht­lings­be­treu­er der Ge­mein­de Lot­te, sei der Kon­takt ent­stan­den. „Auch für uns war es ei­ne Her­aus­for­de­rung. Mo­ha­med braucht be­son­de­re Hil­fe. Er

hat­te ja nie ge­lernt, blind zu le­ben“, er­klärt Jenny. Der Asyl­an­trag wur­de ge­stellt, Blin­den­geld be­an­tragt. „Fast hät­ten wir es ge­schafft ei­ne selbst er­blin­de­te mus­li­mi­sche Deutsch­leh­re­rin für Mo­ha­med zu or­ga­ni­sie­ren“, so Mar­ko. Lei­der sei die­ses Vor­ha­ben an den Kos­ten ge­schei­tert. Kein Amt will die Leh­re­rin be­zah­len. Bis heu­te spricht Mo­ha­med kein Wort Deutsch, gilt als ar­beits­un­fä­hig. Le­bens­um­stän­de, die in der Un­ter­kunft in Wer­sen auch für Kon­flik­te sor­gen. Da­zu die stän­di­ge Sehn­sucht nach sei­ner Fa­mi­lie.

Jetzt sind end­lich al­le ver­eint. Doch auch die Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung war kein Kin­der­spiel. „Wir ha­ben uns die Fin­ger wund te­le­fo­niert“, er­in­nert sich Jenny. Bei al­len zu­stän­di­gen Äm­tern und Bot­schaf­ten ha­be sie auf die Schwe­re des Falls hin­ge­wie­sen. „Ein blin­der Mann braucht sei­ne Fa­mi­lie.“Doch Mo­ha­med ist im ge­sam­ten Ver­wal­tungs­ap­pa­rat nur ei­ner von vie­len. Nach zwei Jah­ren Mit­te April dann der Licht­blick. Das deut­sche Kon­su­lat in Bei­rut stellt für Nel­li und die vier Kin­der Vi­sa aus – doch Geld für ei­ne Aus­rei­se hat die jun­ge Mut­ter nicht. Kurz­ent­schlos­sen bu­chen Jenny und Mar­ko die Ti­ckets für die Fa­mi­lie, fi­nan­zie­ren die Zu­sam­men­füh­rung aus ei­ge­ner Ta­sche. Doch als sie am 14. April Mut­ter und Kin­der in Düs­sel­dorf am Flug­ha­fen ab­ho­len wol­len, war­ten sie mit Mo­ha­med ver­ge­bens. Die li­ba­ne­si­sche Zoll­be­hör­de ließ die bei­den äl­te­ren Kin­der nicht aus­rei­sen. Neue Pa­pie­re für die Gro­ßen müs­sen be­sorgt wer­den. 3000 Dol­lar kos­ten die Un­ter­la­gen und neue Flug­ti­ckets für fünf Per­so­nen wer­den ge­braucht. „Wir ha­ben nicht lan­ge über­legt, die Zeit dräng­te, sonst wä­ren die Vi­sa ab­ge­lau­fen“, er­klärt Mar­ko. Et­wa 5200 Eu­ro – ein Teil da­von durch Spen­den zu­sam­men­ge­kom­men – ha­ben die bei­den in die Hand ge­nom­men und al­les in die We­ge ge­lei­tet. „Wir sind sehr be­wegt, wie vie­le Men­schen uns spon­tan Geld ge­spen­det ha­ben, da­mit wir die Fa­mi­lie wie­der ver­ei­nen kön­nen“, freu­en sich Jenny und Mar­ko.

Seit ver­gan­ge­nem Frei­tag ist die Fa­mi­lie wie­der ver­eint. „Jetzt ist mein Herz wie­der bei mir“, freut sich Mo­ha­med. Er wischt sich Trä­nen aus dem Ge­sicht und küsst lie­be­voll sei­ne Kin­der. Sei­ner Frau Nel­li sieht man die Stra­pa­zen der letz­ten Jah­re noch an. Doch auch sie ist glück­lich, nun in Lot­te zu sein. Jetzt heißt es: Fuß fas­sen. „Wir su­chen drin­gend ei­ne Woh­nung für die bei­den“, be­tont Jenny. Die Kin­der müs­sen in den Kin­der­gar­ten und die Schu­le, Mo­ha­med muss ir­gend­wie Deutsch ler­nen.

Un­end­lich dank­bar ist die sechs­köp­fi­ge Fa­mi­lie ih­ren eh­ren­amt­li­chen Hel­fern. Denn oh­ne ih­re selbst­lo­se Un­ter­stüt­zung wä­ren Mo­ha­med, Nel­li und die Kin­der si­cher heu­te noch ge­trennt – wie vie­le an­de­re Flücht­lings­fa­mi­li­en auch.

Fo­to: Jes­si­ca von den Ben­ken

Mo­ha­med Abd Al­ka­der (Drit­ter von links) ist glück­lich: Nach zwei Jah­ren sind sei­ne Frau und die vier Kin­der end­lich bei ihm.

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