Trans­pa­ren­te ja, Hass nein

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Udo Mu­ras und Ku­rio­si­tä­ten un­ter noz.de/Mu­ras

Zwar wur­de schon 1963 ein Spie­ler von ei­ner Ra­ke­te ge­trof­fen (es war, das nur für Ih­re nächs­te Stamm­tisch­sit­zung, der Stutt­gar­ter Wil­li En­tenmann), aber nie ha­ben wir aus den Grün­der­jah­ren der Bun­des­li­ga et­was von Platz­stür­men, Bus-Blo­cka­den oder Mob­bing-Pla­ka­ten ge­le­sen. Wenn so et­was vor­fällt, spre­chen Psy­cho­lo­gen oder Kri­mi­na­lis­ten gern von ei­ner „neu­en Di­men­si­on“. So neu ist sie heu­te nicht mehr, aber es darf nicht sein, dass wir uns dar­an ge­wöh­nen, was sich in un­se­ren Fan-Blö­cken ab­spielt. Für spon­ta­nen Frust hat je­der Er­zie­hungs­be­rech­tig­te noch Ver­ständ­nis, aber das Pro­blem sind die in­sze­nier­ten Ge­mein­hei­ten wie die ta­ge­lang vor­be­rei­te­ten Mob­bing-Pla­ka­te – wie neu­lich wie­der ge­gen Diet­mar Hopp, wie einst ge­gen Ma­nu­el Neu­er, den die Bay­ern-Ul­tras ab­lehn­ten, wie seit Jah­ren ge­gen RB Leip­zig. Nie­mand er­war­tet Lie­bes­be­kun­dun­gen für den Geg­ner in Fuß­ball­sta­di­en, ge­sun­de Ri­va­li­tä­ten wol­len und sol­len aus­ge­lebt wer­den. Das lässt sich aber al­les auf ori­gi­nel­le Wei­se ma­chen.

In den Sech­zi­gern wur­de noch ge­dich­tet, nicht im­mer preis­ver­däch­tig, aber ein Fall für den Staats­an­walt war es nicht, wenn zu le­sen war: „Der HSV wird jetzt er­blas­sen, 1. FC Köln ist Meis­ter al­ler Klas­sen.“Hübsch auch das Ver­spre­chen der HSVFans vor dem Fi­na­le 1968 ge­gen Mai­land: „Wird das Er­geb­nis auch knapp, HSV holt den Eu­ro­pa­cup!“

Doch ir­gend­wann über­nah­men die Het­zer und Ra­bau­ken das Kom­man­do und

den Filz­stift. Man­che de­mas­kier­ten sich selbst und ern­te­ten nur Mit­leid wie je­ne An­hän­ger von Ein­tracht Frank­furt, die 1980 ei­nen Trai­ner­wech­sel for­der­ten: „Buch­mann muss weck!“An Rück­tritt dach­te da eher der Deutsch-Leh­rer der Ver­fas­ser. 1998 zeich­ne­ten wah­re Künst­ler in Stutt­gart ei­ne Sä­ge,

ver­se­hen mit dem net­ten Satz „Für Win­nis Trai­ner­stuhl“. Das galt Trai­ner Schä­fer, der aus Karls­ru­he ge­kom­men und des­halb nicht will­kom­men war. Al­les ge­deckt vom Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung. Will­kom­men im Mob­bing-Zeit­al­ter! Al­les noch okay und nichts für den Staats­an­walt.

Aber zu­neh­mend fie­ser, so wie die Macht der Ul­tras in al­len Sta­di­en zu­nahm. Wenn sich nie­mand mehr über ein (er­neut auch or­tho­gra­fisch miss­lun­ge­nes) Trans­pa­rent auf­regt, das auf ei­ner Län­ge von 30 Me­tern Ge­walt ge­gen Po­li­zis­ten ver­herr­licht („Für je­des Sta­di­on­ver­bot…Bul­le Tod“) – wie­der mal in Frank­furt –, dann öff­nen wir Nach­ah­mern Tür und Tor. Und wir ge­ben Wer­te auf, die zi­vi­li­sier­te Ge­sell­schaf­ten zu­sam­men­hal­ten. Der Ruf nach Selbst­rei­ni­gungs­kräf­ten der Kur­ve er­scheint längst wir­kungs­los, die Rei­ni­ger wä­ren in vie­len Blö­cken schon in der Un­ter­zahl. Die Ein­tritts­kar­te ist vie­len ein Frei­brief für Schmä­hun­gen, an­ge­fan­gen bei „Steh auf, du Sau“für ver­letz­te geg­ne­ri­sche Spie­ler.

Dass oh­ne Geg­ner kein Spiel mög­lich ist, müss­te auch dem letz­ten Dumm­kopf ein­leuch­ten, aber dann macht ei­ni­gen der Sta­di­on­be­such wohl kei­nen Spaß mehr. In un­se­ren Sta­di­en will zu­min­dest ich auch wei­ter­hin Trans­pa­ren­te se­hen. Gern auch spöt­ti­sche und po­li­tisch nicht ganz so kor­rek­te. Nur kei­nen Hass.

Als Ar­mi­nia Bie­le­felds Trai­ner Ernst Mid­den­dorp leicht an­ge­hei­tert 2007 ei­nen Un­fall bau­te und von der Po­li­zei in sei­nem Wa­gen ge­weckt wer­den muss­te, da tex­te­ten sie auf der Alm: „Lie­ber ei­nen be­sof­fe­nen Trai­ner als ein neu­er!“Wir ha­ben kurz ge­lacht, nie­man­dem tat es weh, und bes­ser in die Zeit als ein Reim hat es auch ge­passt. Das, was wir heu­te se­hen, darf in kei­ne Zeit pas­sen.

Mehr Nost­al­gie

Fo­to: Im­a­go

Als Trans­pa­ren­te noch ori­gi­nell wa­ren: Klaus Fich­tel, ge­nannt „Tan­ne“, und die Bot­schaft der Kur­ve.

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