Tat­ort nicht er­kannt: Po­li­zei un­ter Druck

Tot­schlag­pro­zess ge­gen Os­na­brü­cker Frau­en­arzt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Im Pro­zess ge­gen ei­nen Frau­en­arzt aus Os­na­brück, der 2013 in Er­ding sei­ne Frau um­ge­bracht ha­ben soll, ha­ben vor dem Land­ge­richt Lands­hut meh­re­re Po­li­zis­ten aus­ge­sagt. Sie muss­ten er­klä­ren, war­um der Tat­ort da­mals nicht er­kannt wur­de – trotz 100 Blut­er­güs­sen an der Lei­che.

Von Andrea Kö­nigl

Schnell mach­ten die Zeu­gen am Mitt­woch klar: So­wohl die ers­te Strei­fe am Tat­ort als auch der Kri­mi­nal­tech­ni­sche Dau­er­dienst ging von ei­nem Rou­ti­ne­e­in­satz aus. „Die vor­herr­schen­de Mei­nung am Tat­ort war, dass es ein Sturz ge­we­sen sein muss“, fass­te ei­ne Po­li­zis­tin zu­sam­men. Ei­ne kras­se Feh­l­ein­schät­zung.

Der 57-jäh­ri­ge Me­di­zin­pro­fes­sor aus Os­na­brück soll sei­ne zur Tat­zeit 60 Jah­re al­te Ehe­frau am 4. De­zem­ber 2013 ge­gen 12.30 Uhr im ge­mein­sa­men Haus in Er­ding mas­siv ver­prü­gelt und dann er­stickt ha­ben. Die Ers­te Straf­kam­mer des Land­ge­richts hat­te den Frau­en­arzt vom Vor­wurf des Tot­schlags im Ja­nu­ar 2015 frei­ge­spro­chen – der Bun­des­ge­richts­hof hob das Ur­teil aber wie­der auf. Seit En­de April wird der Pro­zess vor der Sechs­ten Straf­kam­mer des Land­ge­richts des­halb neu auf­ge­rollt. An den ers­ten bei­den Ver­hand­lungs­ta­gen be­teu­er­te der An­ge­klag­te sei­ne Un­schuld und be­las­te­te sei­nen Sch­wa­ger.

In stun­den­lan­gen Be­fra­gun­gen äu­ßer­te sich der Gy­nä­ko­lo­ge auch über die To­des­um­stän­de. Dass sei­ne Frau ge­tö­tet wor­den sei, ha­be er erst nach der Ob­duk­ti­on er­fah­ren – „als man mir vor­ge­hal­ten hat, dass ich et­was da­mit zu tun ha­be“. Als er sei­ne Frau im Ba­de­zim­mer auf dem Bo­den lie­gend ge­fun­den ha­be, sei ihm nur ei­ne Platz­wun­de am Kopf auf­ge­fal­len. Die zahl­rei­chen Hä­ma­to­me am Kör­per sei­en ihm ver­bor­gen ge­blie­ben: „Sie hat­te ja ein T-Shirt an.“

„Aus ei­nem Bauch­ge­fühl her­aus“dräng­te der Haupter­mitt­ler der Kri­po Er­ding dann auf ei­ne rechts­me­di­zi­ni­sche Un­ter­su­chung der Lei­che – nach­dem er den vor sich lie­gen­den Er­mitt­lungs­be­richt schon hat­te ab­ha­ken wol­len: Sei­ne Kol­le­gen sei­en ja da­von aus­ge­gan­gen, dass die Frau durch ei­nen Sturz ums Le­ben ge­kom­men ist. Als das Ob­duk­ti­ons­er­geb­nis vor­lag, ha­be sich her­aus­ge­stellt, „dass wir ein Tö­tungs­de­likt ha­ben. Da ha­ben wir al­le ge­schaut.“

Die Strei­fen­be­am­ten sag­ten am Mitt­woch vor Ge­richt, der Not­arzt ha­be sie da­mals an der Haus­tür in Emp­fang ge­nom­men und be­rich­tet, dass be­reits bei sei­nem Ein­tref­fen je­de Hil­fe für die Frau zu spät ge­we­sen sei und er von ei­nem töd­li­chen Sturz aus­ge­he. Mit ih­rem Kol­le­gen ha­be sie dann „Über­le­gun­gen“ an­ge­stellt, die zu der Ver­mu­tung des Not­arz­tes ge­passt hät­ten, so die Po­li­zis­tin.

Im Flur vor dem Ba­de­zim­mer ha­be ei­ne Wein­fla­sche auf dem Bo­den ge­le­gen, da­ne­ben ein um­ge­kipp­ter Stuhl, und schräg ge­gen­über ha­be sich ei­ne Trep­pe be­fun­den, von der sie hät­te ge­fal­len sein kön­nen. Zu­dem ha­be ih­nen der Nach­bar be­rich­tet, dass die Frau trunk­süch­tig ge­we­sen sei. Der Kol­le­ge der Po­li­zis­tin er­klär­te vor Ge­richt, der An­ge­klag­te selbst ha­be sei­ne Frau als Al­ko­ho­li­ke­rin be­zeich­net.

Mit Bra­ten­ther­mo­me­ter

An der Lei­che hät­ten die Strei­fen­be­am­ten nichts Auf­fäl­li­ges ent­deckt, die­se al­ler­dings auch nur „ober­fläch­lich“von der Tür aus an­ge­schaut, um kei­ne Blut­spu­ren zu ver­wi­schen, die sich deut­lich sicht­bar um die Lei­che her­um be­fun­den hät­ten. Er ha­be noch Fo­tos ge­macht, so der Po­li­zist. Aber als der Not­arzt im To­ten­schein „un­ge­klär­te To­des­ur­sa­che“an­ge­ge­ben ha­be, sei oh­ne­hin klar ge­we­sen, dass ih­re Ar­beit be­en­det sei und der Kri­mi­nal­tech­ni­sche Dau­er­dienst den Fall über­neh­men wür­de.

Des­sen Be­am­te muss­ten am Mitt­woch vor Ge­richt ein­räu­men, dass die Lei­che nicht ge­si­chert wur­de; ih­re Tem­pe­ra­tur wur­de le­dig­lich ein­mal ge­mes­sen – und das völ­lig un­zu­rei­chend mit ei­nem Bra­ten­ther­mo­me­ter.

Der Pro­zess wird am Frei­tag fort­ge­setzt.

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