Sät­ze als Mi­kro­er­zäh­lung

Jo­nas Lü­scher liest aus sei­nem Früh­jahrs­hit „Kraft“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von An­ne Rei­nert

Zum Schluss gibt Jo­nas Lü­scher noch ei­ne Kost­pro­be sei­nes Kön­nens. Ei­nen ein­zi­gen Satz liest er als Zu­ga­be vor. Und der hat es in sich, ist er doch ei­ne Ge­schich­te für sich. Meh­re­re Mi­nu­ten dau­ert es, ihn vor­zu­tra­gen. Das gibt ei­nen Ex­tra-Ap­plaus für den Au­tor, der mit sei­nem Ro­man „Kraft“in die­sem Früh­jahr ei­nen Hit ge­lan­det hat.

Lü­scher spie­gelt in der Le­bens­kri­se sei­nes An­ti­hel­den Richard Kraft die Sinn­kri­se der In­ter­net-Ära wi­der. Der Rhe­to­rik­pro­fes­sor be­kommt die Chan­ce, mit ei­nem Vor­trag im Si­li­con Val­ley ei­ne Mil­li­on Dol­lar zu ver­die­nen. Das wür­de ihn aus sei­ner un­glück­li­chen Ehe be­frei­en. Auf­ga­be für Kraft ist es, ei­ne Ant­wort auf die Fra­ge von Leib­niz zu ge­ben: War­um le­ben wir in der bes­ten al­ler Wel­ten, und wie kön­nen wir sie trotz­dem ver­bes­sern?

In die­se Zu­sam­men­hän­ge des Ro­mans führt Jo­nas Lü­scher zu Be­ginn sei­ner Lit­te­ra-Le­sung im Blue No­te ein. So las­sen sich die zwei Aus­schnit­te bes­ser ver­ste­hen. Da er­lei­det Kraft et­wa beim Ru­dern ei­nen sym­bo­li­schen Schiff­bruch. Au­ßer­dem geht es um den Sturz von Hel­mut Schmidt 1982, der das Amt des Bun­des­kanz­lers an Hel­mut Kohl ab­tre­ten muss­te. Lü­scher lässt sei­nen Kraft die fünf­stün­di­ge De­bat­te im Bun­des­tag ver­fol­gen. Doch wie kann ein 1976 ge­bo­re­ner Au­tor das his­to­ri­sche Er­eig­nis so ge­nau wie­der­ge­ben? Die Ant­wort: dank Youtu­be, wo die fünf­stün­di­ge De­bat­te auch heu­te zu ver­fol­gen ist.

Trotz al­ler his­to­ri­schen Be­zü­ge – um die Au­then­ti­zi­tät sei­ner Fi­gu­ren geht es Jo­nas Lü­scher nicht. „Das ist Li­te­ra­tur, ei­ne Welt der Künst­lich­keit“, sagt er. Und das sol­le les­bar sein. Er ver­leiht Kraft lie­ber ei­ne sa­ti­ri­sche Dis­tanz, die bei der Le­sung gut an­kommt.

Und dann ist da noch die Sa­che mit den Sät­zen. Die ha­ben nicht grund­sätz­lich Thomas-Mann-Län­ge. Im Ide­al­fall sei ein Satz aber ei­ne klei­ne Mi­kro­er­zäh­lung für sich, sagt der Au­tor. Da kann es auch mal län­ger wer­den.

Fo­to: Jörn Mar­tens

Stell­te sei­nen Ro­man­er­folg „Kraft“im Blue No­te vor: Jo­nas Lü­scher.

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