Im Land der Wur­st­ab­schnit­te

„Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“: Kraus­sers Ge­sell­schafts­sa­ti­re kommt auf die gro­ße Lein­wand

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Ein gu­tes Dut­zend An­ti­hel­den als Qu­er­schnitt deut­scher Schwä­chen und Ma­rot­ten: Lars Mon­tag macht aus Hel­mut Kraus­sers Ro­man „Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“ei­ne über­ra­schend bos­haf­te Ge­sell­schafts­sa­ti­re.

Von Da­ni­el Be­ne­dict

OS­NA­BRÜCK. Ein ras­sis­ti­scher Po­li­zist und ei­ne ver­bohr­te Ve­ga­ne­rin. Ei­ne Aka­de­mi­ke­rin, die Stri­cher bucht, und ein Schü­ler, der sich nach der Selbst­be­frie­di­gung aus­peitscht: Lars Mon­tags tief­schwar­ze Sa­ti­re ver­sam­melt ein gu­tes Dut­zend Haupt­fi­gu­ren. Und so un­ter­schied­lich sie auch sind – un­ge­bro­chen sym­pa­thisch fin­det man kei­nen da­von. Das ist bit­ter, denn „Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“ist als re­prä­sen­ta­ti­ves Ge­sell­schafts­pan­ora­ma an­ge­legt. Schon der Ti­tel va­ri­iert die Na­tio­nal­hym­ne und stellt dem Ide­al von „Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit“ei­ne tris­te Wirk­lich­keit ent­ge­gen.

Lars Mon­tag und Hel­mut Kraus­ser – der als Au­tor der Ro­man­vor­la­ge auch das Dreh­buch mit­ge­schrie­ben hat – zeich­nen ein eben­so ge­häs­si­ges wie sug­ges­ti­ves Bild der Na­ti­on. Die Ef­fi­zi­enz ei­nes Staub­sau­ger-Au­to­ma­ten und Frei­heits­ge­füh­le in Form ei­ner Out­door-Ver­kaufs­schau, der Lu­xus exo­ti­scher Chips­sor­ten und die Spar­sam­keit beim Ein­kauf von Wur­st­ab­schnit­ten: Mon­tag und Kraus­ser stür­zen sich mit ent­fes­sel­ter Be­ob­ach­tungs­lust auf die skur­rils­ten Kenn­zei­chen der Ge­gen­wart und brin­gen da­bei das Ba­na­le zum Spre­chen.

Ge­ord­net wird die Über­fül­le ih­rer Er­zäh­lung durch ei­ne Rei­gen­struk­tur, die al­le Fi­gu­ren mit­ein­an­der ver­knüpft: Der Su­per­markt­lei­ter Uwe da­tet die Künst­le­rin Ja­ni­ne. De­ren ak­tu­el­les Mo­dell ist die Pro­sti­tu­ier­te Vi­vi­an – de­ren Part­ner Vin­cent eben­falls an­schafft und wäh­rend ih­rer Akt-Sit­zung sei­ner­seits Uwes Ex be­dient. Hin­ter den zu­fäl­li­gen Ver­bin­dungs­li­ni­en steht die See­len­ver­wandt­schaft der Fi­gu­ren: Al­le seh­nen sich nach ei­ner Er­fül­lung, die nur in vir­tu­el­len Not­lö­sun­gen zu ha­ben ist: in di­gi­ta­len Rol­len­spie­len, in der künst­li­chen Bräu­ne

von Be­au­ty-Sa­lons, auf Sex­ma­schi­nen oder im „An­ger Room“, ei­ner Art Ag­gres­si­ons­puff, in dem man ge­gen Be­zah­lung Bü­ro- oder Kin­der­zim­mer­mö­bel zer­trüm­mern kann.

Rai­ner Bock, Eva Lö­bau, Pe­ter Schnei­der: Lars Mon­tag bringt sein Vor­zei­ge­en­sem­ble im­mer wie­der zu bril­lan­ten Mi­nia­tu­ren, in die sich mit­un­ter auch eher plum­pe Über­zeich­nun­gen mi­schen. Kon­se­quent durch­ge­hal­ten ist da­bei ei­ne em­pa­thi­sche Bos­haf­tig­keit, die das Häss­li­che der Men­schen her­vor­hebt und ge­ra­de dar­in ech­te Ver­zweif­lung auf­deckt. Und

ob­wohl die Fi­gu­ren sich im Kern so ähn­lich sind, ver­stri­cken sie sich in un­ver­söhn­li­chem Hass auf­ein­an­der – mal frem­den­feind­lich, mal se­xis­tisch ge­färbt.

In sei­nem Men­schen­bild äh­nelt „Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“Fil­men wie Todd So­londz’ „Hap­pi­ness“(1998) oder dem Werk von Ulrich Seidl, aus des­sen Pa­ra­dies-Tri­lo­gie hier so­gar die Schau­spie­le­rin Ma­ria Hof­stät­ter über­nom­men wur­de. Für das deut­sche Ki­no sind die­se kon­tro­ver­sen Fil­me­ma­cher ge­wag­te Vor­bil­der. Und es ver­blüfft, dass mit Lars Mon­tag aus­ge­rech­net ein er­prob­ter

Fern­seh­re­gis­seur ih­ren Ton­fall über­nimmt. Man be­kommt fast den Ein­druck, als hät­te der Re­gis­seur nach ei­nem Jahr­zehnt mit „Po­li­zei­ruf “- und „Tat­ort“-Kom­mis­sa­ren ein­fach mal al­les un­ge­bremst raus­las­sen wol­len. „Leck-Ar­ab“, „Kunst­les­be“, „Af­fen-Mut­ti“oder „un­ge­fick­te Bio­fot­ze – so rück­sichts­los und fan­ta­sie­voll wird im deut­schen Film sonst je­den­falls nicht ge­flucht. Mon­tag be­rich­tet im Pres­se­heft denn auch von sei­nen Pro­ble­men, ein Dreh­buch zu fi­nan­zie­ren, das selbst dem Au­tor Kraus­ser zwi­schen­zei­tig zu bra­chi­al vor­kam. Um­so schö­ner, dass es ge­klappt hat – und dem auf­ge­räum­ten Welt­bild des deut­schen Fern­seh­spiels hier ein­mal al­les Wi­der­stän­di­ge und Ab­sto­ßen­de ent­ge­gen­ge­hal­ten wird.

„Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“. D 2017. R: Lars Mon­tag. D: Jan Hen­rik Stahl­berg, Frie­de­ri­ke Kemp­ter, Kat­ja Bürk­le, Bern­hard Schütz. 119 Mi­nu­ten, ab 16 Jah­ren.

Al­le Film­starts der Wo­che: Re­zen­sio­nen, In­ter­views und Bil­der auf noz.de/ki­no

Fo­to: X Ver­leih

Wei­ße Un­schulds­fan­ta­sie der Sex­wor­ker: La­ra Man­do­ki und Eu­gen Bau­der in „Ein­sam­keit und Sex und Mit­leid“.

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