Der Vi­deo-Be­weis kommt, die Feh­ler blei­ben

Ab der nächs­ten Sai­son sitzt ein Schieds­rich­ter am Bild­schirm – wann er ein­greift und wann nicht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Su­san­ne Fet­ter

Zur nächs­ten Sai­son kommt der Vi­deo-Be­weis, schon jetzt wird dar­über dis­ku­tiert. Die Ro­man­ti­ker sa­gen, dass er dem Fuß­ball den Zauber nimmt. Die Schieds­rich­ter fin­den, dass er ih­nen Si­cher­heit gibt. Und bald wird dar­über ge­strit­ten, wie­so im­mer noch Fehl­ent­schei­dun­gen pas­sie­ren. Denn selbst das Au­ge, das künf­tig über die Ein­hal­tung der Re­geln wacht, wird nicht al­les se­hen. Aber das soll es auch gar nicht.

FRANK­FURT. Hell­mut Krug lässt die Sze­ne kurz lau­fen. Sie ist vom 13. Spiel­tag der Bun­des­li­ga: Leip­zigs Ti­mo Wer­ner hebt im Du­ell mit Tor­wart Ralf Fähr­mann im Schal­ker Straf­raum ab, als wür­de er sonst sei­nen An­schluss­flug ver­pas­sen. Die Sze­ne fir­miert zu Recht un­ter dem Ti­tel „Schwal­be des Jah­res“. Auch des­halb lässt Krug bei der In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung der DFL nur kurz Be­denk­zeit.

Je­der weiß: Die Ent­schei­dung, die zum 1:0 führ­te, ent­sprach nicht den Re­geln. Auf dem Bild­ma­te­ri­al sieht man es deut­lich. Schieds­rich­ter Bas­ti­an Dan­kert er­kann­te es nicht. Er gab Schal­kes Kee­per so­gar noch Gelb. „Und? Ist jetzt noch je­mand ge­gen den Vi­deo­schieds­rich­ter?“, fragt Krug pro­vo­kant und lacht.

Ja, es gibt noch Men­schen. Und es wird sie im­mer ge­ben. Die, die fürch­ten, dass das Spiel un­ter den Un­ter­bre­chun­gen lei­det. Dass es sei­nen Cha­rak­ter ver­liert.

Ge­rech­te­res Spiel

Krug sagt, das wer­de nicht pas­sie­ren. Der ehe­ma­li­ge FI­FA-Re­fe­ree, der 240 Bun­des­li­ga-Par­ti­en lei­te­te, ist Schieds­rich­ter­ma­na­ger der Deut­schen Fuß­ball-Li­ga. Er lei­tet das Pro­jekt von DFL und DFB zur Ein­füh­rung des Vi­deo­as­sis­ten­ten. Und Krug sagt: „Sie kön­nen auch künf­tig wei­ter­dis­ku­tie­ren.“Und er fügt an: „Das Spiel wird ge­rech­ter.“Bis zum 30. Spiel­tag wä­ren laut Krug 67 von 93 re­le­van­ten Feh­lern mit die­sem Sys­tem „re­pa­ra­bel“ge­we­sen.

Der Vi­deo­as­sis­tent hät­te al­so zwei Drit­tel al­ler kras­sen Fehl­ent­schei­dun­gen ver­hin­dert. Denn nur um die­se geht es. Um die kla­ren Feh­ler. Nur bei ih­nen soll der As­sis­tent künf­tig ein­grei­fen.

Das Pro­blem da­bei ist die­se Fra­ge: Was be­deu­tet klar? Hier wird es Dis­kus­sio­nen und An­pas­sun­gen ge­ben, das weiß auch Krug. Klar ist da­ge­gen: Der As­sis­tent schal­tet sich nicht stän­dig ein, son­dern nur in fol­gen­den Si­tua­tio­nen: Es geht um To­re, Elf­me­ter, Platz­ver­wei­se und Spie­ler­ver­wechs­lun­gen, was eher sel­ten der Fall sein wird.

In­ter­es­san­ter ist es bei Platz­ver­wei­sen, wo­bei es nur um glatt Rot geht, nicht um Gelb-Rot. Die Dis­kus­sio­nen über Gel­be Kar­ten will man sich er­spa­ren. Ge­ahn­det wer­den kön­nen künf­tig Tät­lich­kei­ten hin­ter dem Rü­cken des Re­fe­rees. Zu­dem kann der Vi­deo­as­sis­tent ei­ne Hil­fe sein bei den Fra­gen „gro­bes Foul­spiel“und „Not­brem­se“.

Um et­wa zu se­hen, ob der Fou­len­de letz­ter Mann war, soll in das Bild ei­ne Li­nie ein­ge­zo­gen wer­den. „Wir neh­men nicht die vom TV, die ist oft ver­zerrt“, sagt Krug. Auch bei der Fra­ge Ab­seits ja oder nein, kann das hel­fen.

Ein­ge­schrit­ten wird nur, so­bald es ent­schei­dend wird. Al­so so­bald aus dem Ab­seits ein Tor ent­steht oder ein Foul zu ei­nem Ball­ge­winn führt, der ein Tor ein­lei­tet. Nur: Wie lan­ge darf das her sein?

Re­gu­lär oder nicht?

Ei­ne ein­deu­ti­ge Zeit wird es nicht ge­ben. Krug zeigt ein Foul aus ei­ner Bun­des­li­gaPar­tie in der ei­ge­nen Hälf­te. 25 Se­kun­den spä­ter fällt der Tref­fer. Re­gu­lär oder nicht? Krug sagt: Nein. Das sei noch ein Spiel­zug ge­we­sen.

Hier kann der As­sis­tent künf­tig Laut ge­ben. Über ein Head­set ist er mit dem Schieds­rich­ter ver­bun­den. Er mel­det sich in sol­chen Fäl­len. In kla­ren. Ent­schei­dungs­ge­walt hat er nicht. „Die liegt wei­ter beim Schieds­rich­ter“, be­tont Krug.

Er kann auf den Rat des Vi­deo­as­sis­ten­ten ver­trau­en, den­noch an­ders ent­schei­den oder selbst nach­se­hen. Am Spiel­feld­rand soll es da­für ei­ne neu­tra­le Zo­ne ge­ben. Per Hand­zei­chen zeigt er Spie­lern und Fans an, ich geh mal zum Bild­schirm. Oder er hält die Hand ans Ohr, was so viel heißt wie: Ich bin im Ge­spräch. Wie den Fans im Sta­di­on die Ent­schei­dung ver­mit­telt wird, ist noch nicht ge­klärt. Even­tu­ell durch Durch­sa­gen. Oder durch Bil­der auf den Lein­wän­den.

Oft soll laut Krug nicht un­ter­bro­chen wer­den. Ei­ne Zer­stü­cke­lung des Spiels will kei­ner. Denn die obers­te Re­gel ist: Der Fuß­ball soll nicht ver­än­dert wer­den. Ob das klappt? Dar­über wird noch ge­strit­ten wer­den. Und viel wird die Pra­xis zei­gen.

As­sis­ten­ten sit­zen in Köln

In die­ser Sai­son wird be­reits ge­tes­tet mit Vi­deo­as­sis­ten­ten, die auch künf­tig al­le in Köln sit­zen. So sol­len ein­heit­li­che­re Richt­li­ni­en ge­währt wer­den. Zu­sätz­li­che Ope­ra­to­ren sor­gen für die rich­ti­ge Ein­stel­lung, Su­per­vi­so­ren ge­ben Un­ter­stüt­zung für den Fall, dass Un­si­cher­heit auf­kommt. Es gilt: Dau­ert die Dis­kus­si­on zu lan­ge, ist die Sze­ne nicht ein­deu­tig. So­mit gibt es kein Ein­grei­fen. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on läuft in bei­de Rich­tun­gen: Auch der Schieds­rich­ter kann den As­sis­ten­ten um Rat bit­ten.

Al­le Vi­deo-As­sis­ten­ten sind Bun­des­li­ga-Re­fe­rees – dar­un­ter drei, die im Ru­he­stand sind. Die Test­pha­se zeig­te: Pro Spiel sind ein bis sechs Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se nö­tig. Am An­fang be­trug die durch­schnitt­li­che Zeit zur Er­mitt­lung der Ent­schei­dung bis zu 90 Se­kun­den. Sie wur­de re­du­ziert auf 10 bis 40 Se­kun­den.

„Den­noch wird es noch An­pas­sungs­pro­zes­se ge­ben“, sagt Krug. Doch die Schieds­rich­ter füh­len sich be­reit für die Ein­füh­rung zur kom­men­den Sai­son. Wie­so es auf ein­mal so schnell ging? Weil über­ra­schen­der­wei­se auch die Re­gel­hü­ter des IFAB und der Funk­tio­nä­re FI­FA ein In­ter­es­se dar­an ha­ben. Und weil bei DFL, DFB und den Schieds­rich­tern selbst die Er­kennt­nis wuchs: Die Öf­fent­lich­keit ist nicht be­reit, Feh­ler der Un­par­tei­ischen zu ak­zep­tie­ren.

Durch Wie­der­ho­lun­gen im TV wer­den Sze­nen ge­nau auf­ge­schlüs­selt, durch so­zia­le Netz­wer­ke wächst der Druck. „Frü­her gab es auch fal­sche Ent­schei­dun­gen“, sagt Krug: „Aber da wur­den sie kaum be­merkt und nicht in dem Ma­ße dis­ku­tiert.“

Feh­ler gibt es wei­ter

Feh­ler wird es auch künf­tig noch ge­ben. Ob der Fuß­ball den­noch ein Stück sei­nes Zau­bers ver­liert? Ein klei­nes wird es sein. Man er­in­ne­re sich nur an das Län­der­spiel Frank­reich ge­gen Spa­ni­en. Da nahm Schieds­rich­ter Fe­lix Zway­er das 1:0 der Fran­zo­sen zu­rück – der Vi­deo­as­sis­tent er­kann­te Ab­seits. Nach 25 Se­kun­den un­ter­brach Zway­er den Ju­bel der Fran­zo­sen. Spä­ter gab er ei­nen Tref­fer der Spa­nier erst nicht, 20 Se­kun­den und ein Ge­spräch mit dem Vi­deo­mann spä­ter dann doch. Die Spa­nier durf­ten ju­beln. So emo­tio­nal wie aus der Freu­de des Mo­men­tes her­aus ta­ten sie es nicht mehr.

Ist das Spiel nun ein Be­leg für oder ge­gen den Vi­deo­as­sis­ten­ten? Es ist bei­des, aber er­heb­lich ist es erst ein­mal nicht. Denn er kommt, zwei Jah­re min­des­tens. Da­nach sol­len die Er­kennt­nis­se neu aus­ge­wer­tet wer­den. Doch nicht nur Krug glaubt nicht dar­an, dass der Vi­deo­schieds­rich­ter da­nach wie­der ab­ge­schafft wer­den wird.

Auch, wenn mit ihm die nächs­ten Dis­kus­sio­nen kom­men. Dar­über: Wie­so er in die­ser oder je­ner Sze­ne nicht ein­ge­schrit­ten ist. Dar­über, was ent­schei­dend war oder nicht. Und über vie­les mehr. Sie wer­den min­des­tens so lei­den­schaft­lich ge­führt wer­den, wie man sich bis­her die Köp­fe heiß­ge­re­det hat über die Fra­gen: Ab­seits, Tor, Rot oder Elf­me­ter?

Mehr zur Bun­des­li­ga le­sen Sie im In­ter­net auf der Sei­te noz.de/fussball

Fo­tos: DFL

Mit Head­set: Die Vi­deo­as­sis­ten­ten kön­nen sich stän­dig ins Spiel ein­schal­ten.

Ge­mein­sam mit Hell­mut Krug (r.) tes­ten die Schieds­rich­ter das Sys­tem.

So zei­gen die Re­fe­rees an, dass Kon­takt zum Vi­deo­as­sis­ten­ten be­steht.

Der Ope­ra­tor wählt die Ein­stel­lun­gen aus.

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