Wer be­trügt hier wen?

Du­bio­ser Kunst­de­al vor Ge­richt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrücker Land - Von Clau­dia Scholz

OSNABRÜCK. Al­les nur Täu­schung? Ein ver­schul­de­ter Mann soll ei­nen Be­ra­ter en­ga­giert ha­ben, für ihn den Kauf ei­ner Kunstsammlung im Wert von 3,5 Mil­lio­nen Eu­ro zu ver­mit­teln. Das Ho­no­rar zahl­te er nicht. Doch: Die teu­re Samm­lung ist äu­ßerst du­bi­os und der Be­ra­ter kein Kunst­ken­ner.

Ein 48-Jäh­ri­ger muss­te sich am ver­gan­ge­nen Frei­tag vor dem Amts­ge­richt Osnabrück ver­ant­wor­ten, weil er ei­nen „Kunst­be­ra­ter“be­tro­gen ha­ben soll. Der Mann aus Bad Es­sen soll den Be­ra­ter 2016 be­auf­tragt ha­ben, ihm den Kauf ei­ner Kunstsammlung zu ver­mit­teln. Das Ho­no­rar in Hö­he von 208 000 Eu­ro zahl­te er aber nicht – und ha­be das auch nie be­ab­sich­tigt. Der Kauf­ver­trag über 3,5 Mil­lio­nen Eu­ro soll schon ab­ge­schlos­sen wor­den sein. Be­zahlt wur­de al­ler­dings nichts.

Der An­ge­klag­te ist ge­lern­te Dach­de­cker oh­ne fes­te Ein­künf­te, wohnt seit Län­ge­rem bei sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin in Bad Es­sen, ei­ner wohl­ha­ben­den, 13 Jah­re äl­te­ren Un­ter­neh­me­rin. We­gen Ver­mö­gens­de­lik­ten und be­trü­ge­ri­scher Ge­schäfts­tä­tig­keit wur­de der Mann be­reits mehr­fach ver­ur­teilt. Zu­letzt zu ei­ner Frei­heits­stra­fe auf Be­wäh­rung. Gläu­bi­gern schul­det er 150 000 Eu­ro. Soll­te er in der Be­wäh­rungs­zeit we­gen Be­tru­ges ver­ur­teilt wer­den, dro­he ihm ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe.

Wie sein An­walt of­fen am ers­ten Ver­hand­lungs­tag an­sprach, ha­be er „ei­ne Ten­denz zur Auf­schnei­de­rei“. Mit „ge­schick­ten De­als“wol­le er „Mil­lio­nen ver­die­nen“. Sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin in­for­mier­te er nicht über den teu­ren Kunst­kauf. Die­se er­fuhr erst da­von, als der Be­ra­ter ihr Mah­nun­gen über das aus­ste­hen­de Ver­mitt­lungs­ho­no­rar schick­te.

Denn: Der Be­ra­ter aus West­fa­len, der ei­ne In­vest­ment­fir­ma mit Sitz in Pal­ma de Mallor­ca hat, soll das Paar be­reits seit Jah­ren ge­kannt und so­gar von der Zah­lungs­un­fä­hig­keit und den Schul­den des An­ge­klag­ten ge­wusst ha­ben. Be­vor er mit dem Bad Es­se­ner den Kauf­ver­trag ab­schloss, soll er zu­erst der ver­mö­gen­den Da­me die Samm­lung bei ei­nem Glas Wein di­rekt an­ge­bo­ten ha­ben. Als Zeu­ge sag­te er vor Ge­richt aus, dass er an­nahm, die Frau ha­be Kennt­nis von dem Kunst­kauf ge­habt.

Un­be­kann­ter Ma­ler

Als äu­ßerst du­bi­os ent­puppt sich die ver­meint­lich hoch­ka­rä­ti­ge und teu­re Samm­lung selbst. Es soll sich um 1230 Wer­ke des na­he­zu un­be­kann­ten deut­schen Ma­lers Ger­hard Kirch­heim han­deln. Der Be­sit­zer, ein Schwei­zer Un­ter­neh­mer, soll sie in Weil am Rhein un­weit der Schwei­zer Gren­ze ein­ge­la­gert ha­ben, sagt der Be­ra­ter, der zu­gibt, von Kunst kei­ne Ah­nung zu ha­ben. (Aber: „Ich weiß, wie man et­was auf dem Markt plat­ziert.“) Des­halb be­rief er sich bei der Er­mitt­lung des Samm­lungs­werts auf das Gut­ach­ten ei­nes ver­meint­li­chen Kunst­ex­per­ten, den er al­ler­dings noch nie per­sön­lich ge­trof­fen ha­be.

Die­ser soll den Wert auf sa­ge und schrei­be zehn Mil­lio­nen Eu­ro ge­schätzt ha­ben. Im Ver­lauf der Kauf­ver­hand­lun­gen sei die­se Sum­me dann auf 3,5 Mil­lio­nen Eu­ro her­un­ter­ge­han­delt

wor­den. Der Mil­lio­nen­be­trag er­scheint un­ver­hält­nis­mä­ßig hoch, wenn man be­denkt, für wie viel Kirch­heim-Bil­der der­zeit an­ge­bo­ten wer­den. Die Ga­le­rie Schin­del in Frei­burg, die an die zwölf Wer­ke von Kirch­heim be­sitzt, han­delt die­se für Prei­se zwi­schen 300 und 3000 Eu­ro, je nach Grö­ße. Kirch­heim sei sehr pro­duk­tiv ge­we­sen, je­doch ha­be er nicht al­le Wer­ke si­gniert, sagt Ga­le­rist Schin­del. Au­ßer­dem sei­en die gro­ßen Ar­bei­ten sehr rar.

Pro­ble­ma­tisch ist der ho­he Preis auch des­halb, weil der Ma­ler auf dem Kunst­markt völ­lig un­be­kannt ist: Kein Auk­ti­ons­haus kennt

die „Kirch­heim-Samm­lung“, kein Kunst­his­to­ri­ker von Na­men hat sie je ge­se­hen.

Von dem Lei­ter des Zen­trums für Ver­folg­te Künst­ler in Solingen heißt es: „Kirch­heim hat an kei­ner Aka­de­mie stu­diert (le­dig­lich Hand­wer­ker­schu­le), kei­ne Aus­stel­lun­gen oder Ka­ta­lo­ge vor­zu­wei­sen, kei­ne Mu­se­ums­an­käu­fe.“Er ha­be im „klei­nen Kaff Nid­den an der Ku­ri­schen Neh­rung zu­fäl­lig“die ex­pres­sio­nis­ti­schen, heute welt­be­kann­ten Künst­ler Pech­stein und Schmid­tRott­luff ge­trof­fen. Tat­säch­lich hat er ih­ren Stil teil­wei­se ad­ap­tiert. „Wir ha­ben kein Werk von ihm, und für an­de­re Mu­se­en ist mir das

auch nicht be­kannt“, sagt Lei­ter Jes­se­witsch.

Die Nich­te von Ger­hard Kirch­heim wohnt in Süd­deutsch­land und hat­te zu­sam­men mit ih­rer Schwes­ter vor Jah­ren den Nach­lass des Ma­lers ge­erbt. Aus die­sem wur­de En­de der 90er-Jah­re ein Kon­vo­lut an Wer­ken ver­kauft. Das Ehe­paar, das sie er­warb, or­ga­ni­sier­te mit ih­nen ei­ne klei­ne Aus­stel­lung im schwä­bi­schen Über­lin­gen. Wo die Wer­ke heute ge­blie­ben sind, weiß die Er­bin nicht.

Dass je­doch ir­gend­wo ei­ne Samm­lung mit 1230 Wer­ken ih­res On­kels exis­tie­ren soll, kann sie sich „über­haupt nicht vor­stel­len. So

viel hat mein On­kel ganz si­cher nie ver­kauft.“Wo­her die Bil­der aus der „Kirch­heim-Samm­lung“dann stam­men, ist un­klar. Auf dem Gut­ach­ten des Ex­per­ten soll jeg­li­che Pro­ve­ni­enz, al­so die An­ga­be des Vor­be­sit­zers, feh­len. Der Be­ra­ter kann es nicht sa­gen. Auch der Be­sit­zer will sich bis Pro­zess­ende nicht da­zu äu­ßern. Vi­el­leicht bringt ein Blick in das Gut­ach­ten am zwei­ten Ver­hand­lungs­tag neue Er­kennt­nis­se. Bis­her be­fand der Vor­sit­zen­de Rich­ter: „Ein schil­lern­der Fall.“

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Fo­to: Ga­le­rie Schin­del

Der deut­sche Ma­ler Ger­hard Kirch­heim wirk­te vor al­lem in Süd­deutsch­land, vie­le sei­ner Pa­s­tell­zeich­nun­gen zei­gen ge­bir­gi­ge Ge­gen­den, wie die­ses Bild „Brü­cke von Mostar“im Be­sitz der Frei­bur­ger Ga­le­rie Schin­del.

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