Ma­ler ge­gen die Mau­er

Zum Tod von A. R. Penck: Sei­ne Pro­test­bil­der wur­den im Wes­ten zur Mar­ken­wa­re des Kunst­mark­tes

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ste­fan Lüd­de­mann

Sei­ne Strich­männ­chen rei­ßen die Ar­me hoch, und man weiß nicht, ob sie da­mit Angst oder An­griffs­lust si­gna­li­sie­ren wol­len. Der Staats­si­cher­heit der DDR wa­ren A.R. Pencks an­ar­chi­sche Fi­gu­ren so ver­däch­tig, wie sie der Kunst­sze­ne in der Bun­des­re­pu­blik will­kom­men wa­ren. Was jen­seits der Mau­er Wi­der­stand si­gna­li­sier­te, ließ sich im Wes­ten als Mar­ken­zei­chen der Neu­en Wil­den um­ge­hend dem Kunst­markt ein­fü­gen. Vom Flam­men­zei­chen zum Pik­to­gramm: Mit der Aus­bür­ge­rung 1980 er­leb­te nicht nur der Ma­ler ei­nen er­zwun­ge­nen Sys­tem­wech­sel. Auch sei­ne Bil­der er­fuh­ren ei­ne ra­di­ka­le Be­deu­tungs­um­kehr. Als Künst­ler, der ge­gen die Mau­er mal­te, geht der am Di­ens­tag in Zü­rich ver­stor­be­ne Penck in die Ge­schich­te ein.

Als Künst­ler­kol­le­gen, dem er durch die Mau­er die Hand reicht, ver­ewigt der Düs­sel­dor­fer Kunst­star Jörg Im­men­dorff in den Sieb­zi­ger­jah­ren auf sei­nen Ge­mäl­den der Se­rie „Ca­fé Deutsch­land“sei­nen Dresd­ner Kol­le­gen. Spä­ter wer­den Pencks Bil­der ge­mein­sam mit Im­men­dorffs Af­fen-Skulp­tu­ren aus­ge­stellt. Strich­männ­chen und Af­fe – bei­de ste­hen für ei­ne Kunst, die un­bot­mä­ßig sein will. Für Ralf Wink­ler, der sich nach ei­nem Höh­len­for­scher A. R. Penck nennt, geht es da­bei nicht nur um ei­ne Ges­te. Er geht den har­ten Weg. Nacht­wäch­ter, Jazz­mu­si­ker, Ma­ler ver­rück­ter Bil­der – in der DDR be­deu­tet das ech­te Op­po­si­ti­on, die man mit Aus­schluss von al­len Kar­rie­re­optio­nen zu be­zah­len hat.

Penck ver­wei­gert sich mit sei­nen ra­bi­at sim­plen, an Chif­fren der Höh­len­ma­le­rei er­in­nern­den Fi­gu­ren der ver­lo­ge­nen Kunst­dok­trin des So­zia­lis­ti­schen Rea­lis­mus. Sei­ne Bild­spra­che will ein Idi­om der Auf­rich­tig­keit

sein. Da­rin äh­nelt Penck Ma­ler­kol­le­gen wie Je­an-Mi­chel Bas­qui­at oder Keith Ha­ring, die mit ih­rer an Un­der­ground und Graf­fi­ti ge­schul­ten Bild­spra­che in den Acht­zi­gern den Kunst­markt auf­mi­schen. Penck will Men­schen di­rekt an­spre­chen und pro­du­ziert Bil­der, die dann doch wie­der, wie bei Bas­qui­at und Ha­ring, zum Si­g­net ei­ner Kunst­po­si­ti­on ge­rin­nen. Aus Bil­der­pro­test wird Markt­wa­re: In die­sem schein­bar un­ver­meid­li­chen Pro­zess liegt auch die Tra­gik Pencks, um den es in den letz­ten Jah­ren sehr still ge­wor­den war.

Dar­an war der Künst­ler selbst nicht ganz un­schul­dig. So un­ge­bär­dig sich Penck auch ge­bär­den moch­te – sei­nem Werk man­gel­te es an fri­schen Im­pul­sen. Penck blieb auf sei­ne selbst ge­schaf­fe­ne Zei­chen­spra­che fest­ge­legt. 1972 stell­te er noch in der Ab­tei­lung „In­di­vi­du­el­le My­then“der le­gen­dä­ren, weil erup­tiv wil­den Do­cu­men­ta 5 aus. 1991 hin­ge­gen schmück­te Penck, wie zu­vor auch Keith Ha­ring, ein „Art Car“von BMW mit sei­nen Strich­männ­chen. Pro­test­kunst auf dem Roads­ter: Kurz nach dem Mau­er­fall schien der wil­de Penck da­mit der Wild­heit ab­zu­schwö­ren.

Heute hän­gen Pencks rie­si­ge Bil­der in gro­ßen Samm­lun­gen. Das Köl­ner Mu­se­um Lud­wig hat Penck eben­so im Be­stand wie das Mu­se­um Küp­pers­müh­le in Duis­burg. Die Er­in­ne­rung dar­an, dass Wer­ke des Ma­lers einst aus der DDR her­aus­ge­schmug­gelt wer­den muss­ten, um im Wes­ten ge­zeigt wer­den zu kön­nen, scheint ver­blasst. Und den­noch: Der Auf­stand der Kunst ge­gen ih­re Kne­be­lung, des Ein­zel­nen ge­gen ein er­drü­cken­des Sys­tem hat ei­nen Na­men – A. R. Penck.

Wei­te­re Bil­der so­wie ei­ne Re­zen­si­on der Penck-Re­tro­spek­ti­ve in Niz­za auf noz.de/kul­tur

Fo­to: dpa

Kunst als Wi­der­stand: der Künst­ler A.R. Penck 2007 vor sei­nem Werk „Quo va­dis Ger­ma­nia“von 1984.

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