Ver­schwö­rungs­theo­ri­en noch vor En­de der Un­ter­su­chun­gen

War­um ging der Zep­pe­lin in Flam­men auf?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Von Chris­ti­an Sa­to­ri­us

HÜDE. Zwei Un­ter­su­chungs­kom­mis­sio­nen wer­den ein­ge­setzt, ei­ne deut­sche und ei­ne ame­ri­ka­ni­sche, um die Ur­sa­che des „Hin­den­burg“-Un­glücks auf­zu­klä­ren. Fach­leu­te wer­den an­ge­hört, Zeu­gen be­fragt und Wrack­tei­le un­ter­sucht. Noch be­vor die of­fi­zi­el­len Un­ter­su­chun­gen ab­ge­schlos­sen sind, kur­sie­ren die ers­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Was aber ist die wirk­li­che Ab­sturz­ur­sa­che?

Ku­gel­blitz? Über dem Luft­schiff­ha­fen in La­kehurst war kurz vor dem Lan­de­an­flug der „Hin­den­burg“ein Ge­wit­ter nie­der­ge­gan­gen. Meh­re­re Au­gen­zeu­gen be­rich­te­ten, sie hät­ten ei­nen letz­ten ver­irr­ten Ku­gel­blitz ge­se­hen, der in die „Hin­den­burg“ein­ge­schla­gen sei. Fa­ta­ler­wei­se war das Luft­schiff zu die­sem Zeit­punkt mit dem hoch­brenn­ba­ren Auf­triebs­gas Was­ser­stoff ge­füllt. Ur­sprüng­lich war das un­brenn­ba­re He­li­um vor­ge­se­hen, stand aber nicht zur Ver­fü­gung, da die USA als da­mals ein­zig in­fra­ge kom­men­der Lie­fe­rant ein Aus­fuhr­stopp er­las­sen hat­ten. Hat­te al­so ein Ku­gel­blitz den Was­ser­stoff ent­zün­det? Der deut­sche Un­ter­su­chungs­aus­schuss kam über­ein­stim­mend zu dem Er­geb­nis: „Da sie (die Ku­gel­blit­ze) je­doch meist in Ver­bin­dung mit Li­ni­en­blit­zen auf­tre­ten und das sicht­ba­re Ge­wit­ter über La­kehurst be­reits vor län­ge­rer Zeit hin­weg­ge­zo­gen war, er­scheint die­se Er­klä­rung ab­we­gig.“

Sa­bo­ta­ge? Schon ei­nen Mo­nat vor dem Un­glück, am 8. April 1937, wur­de die Deut­sche Bot­schaft in Wa­shing­ton ge­warnt, dass ein An­schlag auf den Zep­pe­lin „Hin­den­burg“ge­plant sei – und zwar mit ei­ner Zeit­bom­be. Da der Brief aber von der „spi­ri­tu­ell be­gab­ten“Ka­thie Rauch aus Mil­wau­kee stamm­te, kam man ih­rer drin­gen­den Emp­feh­lung „Wenn Sie Men­schen­le­ben ret­ten wol­len, dann stop­pen Sie die­se Flü­ge“nicht nach. Den­noch prüf­te auch die deut­sche Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on die Mög­lich­keit „ei­nes ver­bre­che­ri­schen An­schla­ges“. Im of­fi­zi­el­len Ab­schluss­be­richt heißt es da­zu: „Es ist nach­ge­wie­sen, dass die Be­wa­chung des Schif­fes und al­ler mit dem Schiff in Be­rüh­rung kom­men­den Per­so­nen vor und wäh­rend der Fahrt äu­ßerst streng und sorg­fäl­tig durch­ge­führt wur­de, so­dass so­wohl die Ein­füh­rung als auch die An­brin­gung der­ar­ti­ger Fremd­kör­per im Schiff na­he­zu un­mög­lich war.“Im Jahr 1962 griff US-Pu­bli­zist Adolph A. Ho­ehling die Theo­rie von der Sa­bo­ta­ge wie­der auf. Die bei­den of­fi­zi­el­len Un­ter­su­chungs­kom­mis­sio­nen kön­nen zwar ei­nen Sa­bo­ta­ge­akt nicht wirk­lich aus­schlie­ßen, kom­men aber un­ab­hän­gig von­ein­an­der zu dem Schluss, dass der Un­glücks­fall an­de­re Ur­sa­chen hat­te.

An­strich mit Ra­ke­ten­treib­stoff? 1997 ver­öf­fent­lich­te der Nasa-Wis­sen­schaft­ler Ad­di­son Bain erst­mals ei­ne neue, auf­se­hen­er­re­gen­de Theo­rie über den Ab­sturz der „Hin­den­burg“. Sei­nen Nach­for­schun­gen zu­fol­ge war nicht die Was­ser­stoff­fül­lung des LZ 129 für die Ka­ta­stro­phe ver­ant­wort­lich, son­dern viel­mehr die neu­ar­ti­ge Hül­le des Luft­schiffs. Bains ein­drucks­vol­le Be­le­ge für sei­ne Theo­rie: Auf al­len Fo­to- und Film­auf­nah­men der „Hin­den­burg-Ka­ta­stro­phe“wa­ren hel­le und leuch­ten­de Flam­men zu se­hen, was ja auch Au­gen­zeu­gen be­stä­tig­ten. Was­ser­stoff ver­brennt aber na­he­zu farb­los. In der Tat war die Hin­den­burg mit ei­ner neu­ar­ti­gen Hül­le aus­ge­stat­tet. Die 34 000 Qua­drat­me­ter gro­ße Au­ßen­haut be­stand vor al­lem aus ver­schie­de­nen Lei­nen­bzw. Baum­woll­bah­nen, die über ein Ge­rüst aus sta­bi­lem Du­ralu­mi­ni­um ge­spannt und ge­gen Wit­te­rungs­ein­flüs­se be­han­delt wa­ren. Laut Bau­be­schrei­bung ent­hielt der Gr­und­an­strich Ei­sen­oxyd, die Im­prä­gnie­rung Zel­lu­lo­se-Bu­ty­rat-Ace­tat mit Alu­mi­ni­um­bei­mi­schung. Ge­nau die­se Sub­stan­zen wa­ren es, die Bain auf­schreck­ten. Ganz ähn­li­che In­halts­stof­fe fin­den sich im Treib­stoff von Fest­treib­stoff­ra­ke­ten. Schnell mach­te die Schlag­zei­le die Run­de, die „Hin­den­burg“sei ge­ra­de­zu ein flie­gen­des Streich­holz ge­we­sen. Aber stimmt das auch? Alex J. Dess­ler vom Lu­nar and Pla­ne­ta­ry La­bo­ra­to­ry der Uni­ver­si­tät Ari­zo­na kommt zu dem Schluss: „Gleich ei­ne gan­ze Rei­he von phy­si­ka­li­schen Ge­set­zen und Re­chen­feh­lern spricht ge­gen die­se Theo­rie.“Vor al­lem aber hät­te die LZ 129 oh­ne das Ver­bren­nen des Was­ser­stoffs kei­nes­wegs so atem­be­rau­bend schnell in Flam­men auf­ge­hen kön­nen, meint Dess­ler, und geht da­von aus, dass die hel­le Far­be der Flam­men auf den Fo­to- und Film­auf­nah­men durch die Be­tei­li­gung an­de­rer bren­nen­der Sub­stan­zen ver­ur­sacht wur­de; schließ­lich be­fan­den sich fast zehn Ton­nen Die­sel­treib­stoff an Bord, drei Ton­nen Schmier­öl, 879 Ki­lo­gramm Ge­päck und 148 Ki­lo­gramm Fracht.

Span­nungs­aus­gleich? Der ab­schlie­ßen­de Be­richt des deut­schen Un­ter­su­chungs­aus­schus­ses vom 2. No­vem­ber 1937 kam – wie auch der USUn­ter­su­chungs­be­richt – zu dem Schluss, dass für kei­ne der mög­li­chen Er­klä­run­gen ein „völ­lig si­che­rer Be­weis“zu fin­den sei. So­fern kei­ne „ver­bre­che­ri­schen An­schlags­mög­lich­kei­ten“in­fra­ge kä­men, kön­ne der Aus­schuss nur „das Zu­sam­men­tref­fen ei­ner Rei­he un­glück­li­cher Um­stän­de als ei­nen Fall hö­he­rer Ge­walt an­neh­men“. Da­bei sei die fol­gen­de Er­klä­rung „am wahr­schein­lichs­ten“: Aus ei­nem Leck im Heck des Schiffs, mög­li­cher­wei­se durch das Rei­ßen ei­nes Spann­drah­tes ver­ur­sacht, ström­te Was­ser­stoff­gas aus, und es bil­de­te sich ein brenn­ba­res Ge­misch aus Was­ser­stoff und Luft. Die­ses ent­zün­de­te sich dann wohl fol­gen­der­ma­ßen: „Nach Ab­wer­fen der Lan­de­taue wur­de die Ober­flä­che der Au­ßen­hül­le des Luft­schif­fes we­gen der ge­rin­ge­ren elek­tri­schen Leit­fä­hig­keit des Au­ßen­hül­len­stof­fes we­ni­ger gut ge­er­det als das Ge­rip­pe des Luft­schif­fes (An­mer­kung: Am Ge­rip­pe wa­ren die nass ge­wor­de­nen Taue be­fes­tigt). Bei ra­schen Än­de­run­gen des at­mo­sphä­ri­schen Fel­des, wie sie bei ei­nem Nach­ge­wit­ter die Re­gel und auch im vor­lie­gen­den Fall an­zu­neh­men sind, ent­stan­den Po­ten­zi­al­dif­fe­ren­zen zwi­schen (nas­sen) Stel­len der Au­ßen­sei­te der Hül­le und dem Ge­rip­pe. Die­se Po­ten­zi­al­dif­fe­ren­zen führ­ten ei­nen Span­nungs­aus­gleich durch ei­nen Fun­ken her­bei, der mög­li­cher­wei­se die Zün­dung ver­ur­sach­te.“

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