Und die Milch fließt im­mer wei­ter

Bau­ern in der Kri­se: Vie­le wei­chen, we­ni­ge wach­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Je­den Tag ge­ben sta­tis­tisch ge­se­hen ir­gend­wo in Deutsch­land ei­ne Hand­voll Milch­bau­ern auf. Die Be­trie­be schlie­ßen lei­se und oh­ne gro­ßes Auf­se­hen. Wäh­rend vie­le wei­chen, wach­sen an­de­re im­mer wei­ter. Und weil die Milch fließt, merkt der Rest der Re­pu­blik nicht, was da auf dem Land vor sich geht.

Von Dirk Fis­ser

Die meis­ten Bau­ern sind spä­tes­tens in der Kri­se schweig­sam ge­wor­den. Sie ma­chen die Pro­ble­me mit sich selbst aus. Und mit ih­rer Bank. Die stol­zen Un­ter­neh­mer kämp­fen dar­um, ge­nau das zu blei­ben. Auch jetzt, wo der Milch­preis wie­der leicht steigt, die Kon­ten aber noch tief in den ro­ten Zah­len sind.

Wenn es gar nicht mehr geht, kommt Joost Fok­ke­ma. Der Nie­der­län­der ist so et­was wie der Mak­ler des Nie­der­gangs der deut­schen Mil­cher­zeu­ger. Auf sei­ner In­ter­net­sei­te bie­tet Fok­ke­ma Hö­fe in ganz Deutsch­land an. Klei­ne Be­trie­be in Nie­der­sach­sen mit 60 bis 100 Kü­hen, gro­ße Ein­hei­ten in Ost­deutsch­land mit meh­re­ren Hun­dert Tie­ren. Al­le­samt Hö­fe von Bau­ern, die nicht mehr wol­len oder kön­nen. Oft sind die Stäl­le ganz neu.

Die Käu­fer oder Päch­ter sind Fok­ke­mas Lands­leu­te aus den Nie­der­lan­den. „Bei uns gibt es kaum noch Mög­lich­kei­ten, Be­trie­be wei­ter­zu­ent­wi­ckeln, in Deutsch­land schon“, sagt der Mak­ler aus Lem­mer am Ran­de des Ijs­sel­meers. Manch­mal wer­den die Söh­ne über die Gren­ze ge­schickt, um hier ei­nen Hof zu über­neh­men. Manch­mal kommt gleich die gan­ze Fa­mi­lie mit. Der Mak­ler weiß: So ei­ne Hof­über­ga­be ist im­mer auch mit mensch­li­chen Ka­ta­stro­phen ver­bun­den. „Ge­ra­de wenn die Ban­ken im Spiel sind, weil Kre­di­te nicht mehr ab­be­zahlt wer­den kön­nen, flie­ßen Trä­nen.“

Fok­ke­ma ist viel un­ter­wegs in Deutsch­land. Be­son­ders groß aber sei die Nach­fra­ge nach Be­trie­ben im nie­der­län­disch-deut­schen Grenz­ge­biet.

Ei­ner der Be­trie­be, die Fok­ke­ma an­bie­tet, liegt nicht ein­mal 20 Ki­lo­me­ter Luft­li­nie von der Gren­ze ent­fernt. In Gum­mi­stie­feln und Ar­beits­an­zug steht Jür­gen Meyer* auf dem Hof im Wes­ten Nie­der­sach­sens, die Müt­ze tief ins Ge­sicht ge­zo­gen. Kei­ne 30 Jah­re ist er alt und be­wirt­schaf­tet doch schon ei­nen Hof mit 130 Kü­hen. Als ei­ner der we­ni­gen ist er be­reit, über sein Schei­tern zu spre­chen. Der Hof wird ver­kauft an Nie­der­län­der. Noch we­ni­ge Wo­chen, dann muss der jun­ge Mann das Be­triebs­schild mit sei­nem Na­men ab­schrau­ben. Sein Traum ist ge­platzt.

Die La­ge ist dra­ma­tisch. Was er zum Zeit­punkt des Ge­sprächs noch nicht ahnt: We­nig spä­ter spielt sich auf dem Hof ei­ne der mensch­li­chen Ka­ta­stro­phen ab, von de­nen der Mak­ler sprach. Mey­ers Ver­päch­ter hat sich das Le­ben ge­nom­men. Ein Mann, mit dem der Land­wirt groß ge­wor­den ist und zu dem er auf­ge­schaut hat. Dem er be­reits als klei­ner Jun­ge auf dem Hof half. Er mach­te sei­nen Land­wirt­schafts­meis­ter, kam zu­rück und über­nahm den Be­trieb als Päch­ter, als die Be­sit­zer nach Jahr­zehn­ten har­ter Ar­beit ei­gent­lich in den Ru­he­stand ge­hen woll­ten.

Sinn­bild des wirt­schaft­li­chen Schei­terns ist der neue Stall, in dem die 130 Kü­he ste­hen. Mehr als ei­ne Mil­li­on Eu­ro hat er ge­kos­tet, ge­plant 2015, als der Milch­preis noch hoch war. Auf 30 Jah­re war die Fi­nan­zie­rung aus­ge­legt. Doch dann kam die Kri­se. Bis 32 Cent pro Li­ter Milch sei der Hof wirt­schaft­lich, sagt Meyer. Der Preis aber sank und sank tie­fer, die Mol­ke­rei zahl­te im­mer we­ni­ger. Als dann im Früh­jahr ei­ne Nach­fi­nan­zie­rung in sechs­stel­li­ger Hö­he fäl­lig wur­de, fäll­ten der jun­ge Land­wirt und sein Ver­päch­ter die Ent­schei­dung: Statt wei­te­re Schul­den an­zu­häu­fen, soll der Hof ver­kauft wer­den.

Stil­ler Wan­del

Milch­bau­er Meyer weiß, dass er mit sei­nen Pro­ble­men nicht al­lein ist. Das zeigt die Sta­tis­tik: Auf das Jahr ge­rech­net, sind es Tau­sen­de Hö­fe, die schlie­ßen oder die Pro­duk­ti­on um­stel­len. Ge­ra­de noch 69174 Milch­vieh­be­trie­be zähl­te das Bun­des­amt für Sta­tis­tik im No­vem­ber 2016. Vor nicht ein­mal ei­ner Ge­ne­ra­ti­on wa­ren es vie­le Hun­dert­tau­send. Es ist ein stil­ler Wan­del, der sich da seit Jahr­zehn­ten voll­zieht. Und durch die Milch­preis­kri­se der ver­gan­ge­nen Mo­na­te hat er noch ein­mal an Ge­schwin­dig­keit ge­won­nen.

Ge­spro­chen wird über die Pro­ble­me un­ter Land­wir­ten we­nig, sagt Meyer. Geld sei un­ter Bau­ern Ta­bu­the­ma. Er wis­se von acht Ab­sol­ven­ten sei­nes Jahr­gangs in der Meis­ter­schu­le, die we­gen Fi­nanz­pro­ble­men im ver­gan­ge­nen Jahr zur Bank ge­musst hät­ten. Und er wis­se auch, dass er selbst Ge­sprächs­the­ma in der Bran­che sei. „Das wil­des­te Ge­rücht, von dem ich ge­hört ha­be, be­sagt, dass ich in der Psych­ia­trie bin“, sagt er. La­chen kann Meyer dar­über nicht.

Hof­auf­ga­ben und so­gar Sui­zi­de sind das ei­ne Ex­trem der Milch­kri­se. Viel wur­de in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten dar­über ge­schrie­ben. Doch es gibt auch ei­ne an­de­re Re­ak­ti­on, die we­nig be­ach­tet wird: Wachs­tum.

Con­ny Der­bo­ven sitzt im Gast­raum sei­nes Hof­ca­fés. Vor ihm aus­ge­brei­tet liegt ein Flä­chen­nut­zungs­plan der Samt­ge­mein­de Graf­schaft Hoya – ei­ne Ge­gend et­wa ei­ne St­un­de süd­lich von Bre­men. Der Land­wirt hat gro­ße Plä­ne, be­seelt von dem Un­ter­neh­mer­geist, den Mak­ler Fok­ke­ma sonst den nie­der­län­di­schen Land­wir­ten zu­schreibt. Mit dem Fin­ger fährt Der­bo­ven über schraf­fier­te Flä­chen und er­klärt sein Vor­ha­ben. „Es geht um die nächs­ten 20 bis 50 Jah­re“, sagt er. Ei­ne Zeit al­so, in der längst sei­ne Kin­der und En­kel­kin­der die Ge­schi­cke auf dem Hof len­ken wer­den.

Die Der­bo­vens ha­ben für sich ent­schie­den, dass der Be­trieb wei­ter wach­sen soll. Be­reits jetzt ge­hört er mit 500 Milch­kü­hen und 250 Käl­bern zu den größ­ten in Nie­der­sach­sen. Die Zah­len sol­len noch ein­mal er­höht, Stäl­le er­wei­tert oder neu ge­baut wer­den. In der Be­schluss­vor­la­ge für die po­li­ti­schen Gre­mi­en der Samt­ge­mein­de Hoya ist von 2000 Kü­hen und 1000 Käl­bern die Re­de. Kä­me es so, wä­re der Hof Bün­ke­müh­le ei­ner der größ­ten Mil­cher­zeu­ger in Deutsch­land.

„Wir wol­len Pla­nungs­si­cher­heit“, sagt Der­bo­ven fast ent­schul­di­gend. Sein ers­tes Ziel sei die Auf­sto­ckung auf 750 Kü­he, im nächs­ten Schritt viel­leicht 1000. Al­les an­de­re lie­ge sehr weit in der Zu­kunft. Aber er wol­le wis­sen, wie weit die Zu­kunft an die­sem Stand­ort tra­ge. Selbst als der Milch­preis im­mer wei­ter ab­ge­sackt sei, ha­be er wei­ter­ge­plant. Der­bo­ven glaubt un­be­irrt an den Markt.

Wach­sen statt wei­chen

Die Plä­ne Der­bo­vens spal­ten. Nicht nur die Kom­mu­nal­po­li­tik, son­dern auch die Agrar­bran­che selbst. Die Ar­beits­ge­mein­schaft bäu­er­li­cher Land­wirt­schaft (AbL) hat sämt­li­che Mit­glie­der im Ge­mein­de­rat Hoyas an­ge­schrie­ben und vor den Ex­pan­si­ons­plä­nen ge­warnt. Oh­ne vor­her mit Fa­mi­lie Der­bo­ven zu spre­chen, wie das Fa­mi­li­en­ober­haupt be­tont.

Dem klei­nen Ver­band ge­hö­ren Bau­ern an, die den Aus­stieg aus der Wachs­tums­spi­ra­le in der Land­wirt­schaft wol­len. Ih­re Be­trie­be sind klein und sol­len es auch blei­ben. Das aber ist nicht der Weg, den Der­bo­ven ge­hen will. Zu­kunfts­fest be­deu­tet für ihn auch Grö­ße.

Vor­sit­zen­der der AbL in Nie­der­sach­sen ist Ott­mar Ilch­mann, selbst Milch­bau­er. Er sagt: Gro­ße in­dus­tri­el­le Milch­vieh­be­trie­be trü­gen stark zur Über­pro­duk­ti­on bei, al­so ei­ner der Ur­sa­chen der Milch­preis­kri­se. Und sie be­feu­er­ten den Ver­drän­gungs­wett­be­werb, weil sie teu­re Flä­chen eher pach­ten könn­ten als klei­ne Kon­kur­ren­ten. „Ihr Wach­sen funk­tio­niert nur, wenn an­de­re wei­chen“, so Ilch­mann. Durch die schie­re Grö­ße von Be­trie­ben mit Hun­der­ten Kü­hen setz­ten Groß­be­trie­be die Ak­zep­tanz der Milch­vieh­hal­tung in der Ge­sell­schaft aufs Spiel.

Sol­che Vor­wür­fe kennt Con­ny Der­bo­ven. „Mas­sen­tier­hal­ter – was heißt das denn?“, fragt er, oh­ne dar­auf zu ant­wor­ten. Sei­nen Tie­ren ge­he es gut. Und er be­trei­be Kreis­lauf­wirt­schaft: Die Gül­le lan­de in ei­ner Bio­gas­an­la­ge, de­ren Ener­gie wie­der­um in den Be­trieb flie­ße – et­wa in die hof­ei­ge­ne Kä­se­rei. „Mir ist klar, dass wir kei­ne hun­dert­pro­zen­ti­ge Zu­stim­mung er­hal­ten wer­den. Aber ich will die Mehr­heit der Ge­sell­schaft über­zeu­gen“, sagt Der­bo­ven.

Und wenn das nicht ge­lingt? „Die Zu­kunft ge­hört den Op­ti­mis­ten.“In ge­wis­ser Wei­se war das auch die Ein­stel­lung des jun­gen Milch­bau­ern Meyer, der sei­nen Be­trieb jetzt auf­gibt. „Ich bin jung. Und man weiß nie, was die Zu­kunft bringt“, sag­te er noch vor ei­ni­gen Wo­chen. We­nig spä­ter brach­te sich dann sein Ver­päch­ter um.

Auf­bruch­stim­mung und Ver­zweif­lung lie­gen nah bei­ein­an­der in der Milch­wirt­schaft. Die ei­nen wach­sen, die an­de­ren wei­chen. Die Bun­des­re­gie­rung mach­te kürz­lich in ei­ner Ant­wort auf An­fra­ge der Grü­nen un­miss­ver­ständ­lich deut­lich, dass sich dar­an nichts än­dern wird: „Der Struk­tur­wan­del in der Milch­vieh­wirt­schaft wird sich auch in Zu­kunft fort­set­zen.“Das ist so ge­wiss, wie auch die Milch im­mer wei­ter flie­ßen wird.

Im Su­per­markt ist nichts von dem zu mer­ken, was auf den Bau­ern­hö­fen vor sich geht: Auch wenn die Milch­prei­se wie­der an­stei­gen, hält die Kri­se an. Foto: dpa

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