„Deutsch­land wird kei­ne Wohl­stands­in­sel blei­ben“

Kom­mu­nen war­nen vor im­mer neu­en Leis­tun­gen des Staa­tes – Lands­berg: Flücht­lin­ge auf Rück­kehr ge­zielt vor­be­rei­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Von Bea­te Ten­fel­de

Der Staat schwimmt im Geld, was kommt an bei den Kom­mu­nen? Was muss pas­sie­ren, da­mit Deutsch­land ei­ne In­sel des Wohl­stands bleibt? Und ist das über­haupt mög­lich? Da­zu im In­ter­view Gerd Lands­berg, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Städ­te­und Ge­mein­de­bun­des.

Herr Lands­berg, in­ter­na­tio­nal wächst die Kri­tik, weil Deutsch­land sehr ho­he Au­ßen­han­dels­über­schüs­se zu­las­ten der an­de­ren Län­der macht, statt im In­land zu in­ves­tie­ren. Kön­nen Sie das nach­voll­zie­hen?

Die Kri­tik ist nicht ge­recht­fer­tigt. Deutsch­land hat un­ter an­de­rem mit der Agen­da 2010 wich­ti­ge Re­for­men um­ge­setzt und Ar­beits­plät­ze ge­schaf­fen. Die Wirt­schaft ist sehr er­folg­reich. Deut­sche Pro­duk­te sind welt­weit be­gehrt. Nicht Deutsch­land muss schlech­ter, son­dern die an­de­ren Län­der müs­sen bes­ser und wett­be­werbs­fä­hi­ger wer­den. Rich­tig ist al­ler­dings, dass wir noch mehr in un­se­re In­fra­struk­tur in­ves­tie­ren soll­ten. Nur bei den Kom­mu­nen be­läuft sich der In­ves­ti­ti­ons­rück­stand auf 136 Mil­li­ar­den Eu­ro. Vie­le Schu­len, Stra­ßen, We­ge und Plät­ze sind in ei­nem schlech­ten Zu­stand.

Der Staat schwimmt im Geld, auch weil für die Hälf­te der Ein­kom­mens­be­zie­her der Höchst­steu­er­satz gilt. Müs­sen Steu­er­ent­las­tun­gen kom­men? Steu­er­ent­las­tun­gen und da­mit we­ni­ger Ein­nah­men ma­chen nur dann Sinn, wenn durch Re­for­men auch die Aus­ga­ben re­du­ziert wer­den. Die Mehr­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ver­langt aber im­mer mehr und zu­sätz­li­che Leis­tun­gen vom Staat und den Kom­mu­nen.

Wie kön­nen Deutsch­lands Kom­mu­nen vom Geld­se­gen pro­fi­tie­ren?

Die Kom­mu­nen soll­ten ei­nen hö­he­ren An­teil an der Um­satz­steu­er er­hal­ten, da­mit sie die vie­len – häu­fig vom Bund be­schlos­se­nen So­zi­al­leis­tun­gen – bes­ser fi­nan­zie­ren kön­nen und mehr Spiel­raum für In­ves­ti­tio­nen vor Ort er­hal­ten.

Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) sieht die Rück­füh­rung von Schul­den so­wie die schwar­ze Null im Bun­des­etat schon als we­sent­li­che Ent­las­tung…

Deutsch­land ist mit über zwei Bil­lio­nen Eu­ro ver­schul­det. Trotz des sehr nied­ri­gen Zins­ni­veaus wer­den jähr­lich 50 Mil­li­ar­den Eu­ro an Zin­sen be­zahlt. Wenn die Zin­sen wie­der stei­gen, ist das Spreng­stoff für die öf­fent­li­chen Haus­hal­te. In­so­weit ist es rich­tig, die schwar­ze Null an­zu­stre­ben und die Alt­schul­den, die bei den Kom­mu­nen über 145 Mil­li­ar­den Eu­ro aus­ma­chen, zu­rück­zu­füh­ren.

SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz for­dert mehr so­zia­le Ge­rech­tig­keit. Stu­di­en be­le­gen die ho­he Zuf­rie­den­heit der Deut­schen. Ein Wi­der­spruch? Seit Jah­ren stei­gen die So­zi­al­aus­ga­ben in Deutsch­land von Bund, Län­dern und Ge­mein­den. 52 Pro­zent des Bun­des­haus­hal­tes – das sind über 170 Mil­li­ar­den Eu­ro – gibt der Bund für So­zia­les aus. Bei den Kom­mu­nen sind es über 60 Mil­li­ar­den Eu­ro im Jahr. Deutsch­land wird auf Dau­er kei­ne Wohl­stands­in­sel in ei­ner im­mer schwie­ri­ge­ren Welt sein kön­nen. Des­halb soll­te die Po­li­tik nicht im­mer neue und wei­te­re Leis­tun­gen ver­spre­chen in dem Irr­glau­ben, das sei der ent­schei­den­de Fak­tor, um die Ge­sell­schaft zu­sam­men­zu­hal­ten. Wir müs­sen die Ei­gen­ver­ant­wor­tung stär­ken, Ei­gen­vor­sor­ge för­dern und den Weg von Va­ter Staat zum Bür­ger­staat ein­schla­gen, zur Ver­bes­se­rung der so­zia­len Si­tua­ti­on in Deutsch­land. Um den So­zi­al­staat zu­kunfts­fest zu ma­chen, soll­ten wir deut­lich mehr in Bil­dung und In­fra­struk­tur in­ves­tie­ren, um da­mit Ar­beits­plät­ze und Wohl­stand zu schaf­fen.

Muss es ein In­fra­struk­tur­pro­gramm für ver­arm­te Städ­te wie Gel­sen­kir­chen, Ober­hau­sen und Duis­burg-Marxloh ge­ben, da­mit die vom Wohl­fahrts­ver­band vor­aus­ge­sag­ten so­zia­len Un­ru­hen ver­mie­den wer­den?

Die Ge­fahr von so­zia­len Un­ru­hen in un­se­rem gut or­ga­ni­sier­ten So­zi­al­staat se­he ich nicht. Das ist ein Angst­sze­na­rio. Rich­tig ist al­ler­dings, dass wir für be­nach­tei­lig­te Re­gio­nen und Städ­te zu­sätz­li­che In­fra­struk­tur­pro­gram­me be­nö­ti­gen, nicht nach Him­mels­rich­tung, son­dern nach Be­darf.

Die Be­wäl­ti­gung des Flücht­lings­zu­stroms ist mitt­ler­wei­le nicht mehr Top­the­ma. Al­le Pro­ble­me ge­löst?

Die Pro­ble­me sind an­ge­packt, aber nicht ge­löst. Nach wie vor kom­men jähr­lich sehr vie­le Flücht­lin­ge nach Deutsch­land. 2016 wa­ren es Lands­berg im­mer­hin 280000, und für 2017 liegt die Pro­gno­se bei 170 000. Die Kom­mu­nen ste­hen vor der Her­ku­les­auf­ga­be, die In­te­gra­ti­on der Men­schen zu or­ga­ni­sie­ren, die lan­ge oder so­gar auf Dau­er bei uns blei­ben wer­den. Die­ser Pro­zess wird Jah­re dau­ern und er­heb­li­che fi­nan­zi­el­le An­stren­gun­gen er­for­dern. Wirt­schafts­in­sti­tu­te ge­hen von Kos­ten von 25 bis 29 Mil­li­ar­den Eu­ro in den Jah­ren 2016 und 2017 für Bund, Län­der und Kom­mu­nen aus.

Das heißt?

Die Po­li­tik darf in der Flücht­lings­po­li­tik nicht zur Nor­ma­li­tät über­ge­hen. Viel­mehr müs­sen wei­te­re Maß­nah­men zur Be­gren­zung der Flücht­lings­zah­len er­grif­fen, aber auch Rück­kehrsze­na­ri­en ent­wi­ckelt wer­den. Wenn die Kon­flik­te ei­nes Ta­ges be­en­det sind – hof­fent­lich bald –, wird ei­ne Ge­ber­kon­fe­renz statt­fin­den und der Wie­der­auf­bau in de­ren Her­kunfts­län­dern be­gin­nen. Dar­auf soll­ten wir uns schon jetzt vor­be­rei­ten und da­zu ei­nen Kri­sen­stab bil­den. Vie­le Flücht­lin­ge könn­ten in Ko­ope­ra­ti­on mit der deut­schen Wirt­schaft den not­wen­di­gen Auf­bau mit­ge­stal­ten. Das um­fasst die Be­rei­che In­fra­struk­tur, Elek­tri­zi­tät, Stra­ßen­bau, Kran­ken­häu­ser, aber auch im ge­sam­ten Bil­dungs­be­reich und die öf­fent­li­che Ver­wal­tung.

Ist das nicht nur ein schö­ner Wunsch?

Wenn wir da­für ge­eig­ne­te Flücht­lin­ge schon jetzt vor­be­rei­ten und qua­li­fi­zie­ren, ist das ei­ne Le­bens­chan­ce für die Be­trof­fe­nen in ih­ren Hei­mat­län­dern, aber auch ein wich­ti­ges Si­gnal für die Zu­kunfts­fä­hig­keit der vom Krieg zer­ris­se­nen Län­der. Gleich­zei­tig könn­te da­mit auch ein Hoff­nungs­si­gnal ge­sen­det wer­den, dass es für vie­le ei­ne Chan­ce und den An­reiz ge­ben wird, in ih­re Hei­mat zu­rück­zu­keh­ren. Die da­für ein­ge­setz­ten Mit­tel sind gleich­zei­tig ei­ne Per­spek­ti­ve für die deut­sche Wirt­schaft, den Auf­bau mit­zu­tra­gen und neue wirt­schaft­li­che Be­zie­hun­gen zu knüp­fen. Wer die­se Chan­cen heu­te er­greift, wird mor­gen er­folg­reich sein.

Gerd „Rück­kehrsze­na­ri­en“Flücht­lin­ge. for­dert für Foto: dpa

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