Awo kün­digt kran­kem Kind den Ki­ta-Platz

Sechs­jäh­ri­ger Ga­b­ri­el hat Krebs – Kin­der­gar­ten­lei­tung hält Rück­kehr vor den Fe­ri­en für nicht sinn­voll

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost -

Die Ar­bei­ter­wohl­fahrt (Awo) hat den Be­treu­ungs­ver­trag für ei­nen sechs­jäh­ri­gen krebs­kran­ken Jun­gen ge­kün­digt. Sie hält ei­ne kurz­zei­ti­ge Rück­kehr in die Ki­ta vor der Ein­schu­lung für nicht sinn­voll.

Von Frank Klaus­mey­er

Ein Jahr lang hat Ga­b­ri­el um sein Le­ben ge­kämpft. Jetzt geht es ihm bes­ser. Sei­ne El­tern hof­fen, dass ihr Jun­ge wie­der ganz ge­sund wird. Im Som­mer soll Ga­b­ri­el wie sei­ne Freun­de in die Grund­schu­le ge­hen. Der Blut­krebs hat dem Sechs­jäh­ri­gen aber ei­ne un­be­küm­mer­te Kind­heit ge­stoh­len. „Das Letz­te, was man ihm jetzt noch ge­nom­men hat, ist der Ki­ta-Platz“, sagt Va­ter Tho­mas Wen­neker. Die Ar­bei­ter­wohl­fahrt (Awo) hat den Be­treu­ungs­ver­trag ge­kün­digt. Ei­ne trau­ri­ge Ge­schich­te.

Die bös­ar­ti­ge Krank­heit kün­digt sich vor zwei Jah­ren schlei­chend an. Ga­b­ri­el geht es nicht gut, er fühlt sich häu­fig schlapp. Das Spie­len mit sei­nen Al­ters­ge­nos­sen in der Awo-Kin­der­ta­ges­stät­te Am Kö­nig­steich fällt ihm schwer. Als Mut­ter Andrea Her­zog den Knirps des­halb an ei­nem Tag vor­zei­tig aus der Ki­ta ab­ho­len muss, bricht kurz da­nach das Fa­mi­li­en­glück zu­sam­men. Die Kin­der­ärz­tin macht ei­nen Blut­test. „Von dort aus ging es di­rekt in die Uni-Kli­nik Müns­ter“, er­zählt Tho­mas Wen­neker.

Am 13. Au­gust 2015 be­stä­ti­gen die Ärz­te den schreck­li­chen Ver­dacht: Das Kind hat ei­ne Aku­te Lym­pha­ti­sche Leuk­ämie (ALL). Ga­b­ri­el wird in der Uni-Kli­nik in­ten­siv the­ra­piert – mit Schmer­zen, Haar­aus­fall und vie­len Ent­beh­run­gen, die so ei­ne Be­hand­lung mit sich bringt. Mo­na­te des Hof­fens und Ban­gens ver­ge­hen für die Fa­mi­lie.

Ein gan­zes Jahr lang be­zah­len Tho­mas Wen­neker und sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin Andrea

hat Ga­b­ri­el (6) hin­ter sich ge­bracht. Jetzt geht es dem Jun­gen wie­der bes­ser. Dar­über freu­en sich auch Mut­ter Andrea Her­zog und Va­ter Tho­mas Wen­neker. Um­so un­fass­ba­rer ist für sie die Kün­di­gung des Plat­zes in der Awo-Ki­ta Am Kö­nig­steich (klei­nes Bild).

Her­zog die Kin­der­gar­ten­bei­trä­ge wei­ter – rund 90 Eu­ro im Mo­nat. „Wir woll­ten den Platz nicht ver­lie­ren“, be­tont der Va­ter. Nach ei­nem Jahr In­ten­siv­the­ra­pie läuft seit Au­gust die ein Jahr dau­ern­de Re­ha-Be­hand­lung, wäh­rend der Ga­b­ri­el die meis­te Zeit zu Hau­se ist.

Ganz vor­sich­tig soll sich der Jun­ge wie­der an den nor­ma­len All­tag ge­wöh­nen. Die El­tern schi­cken ihn auch in den Kindergarten. „Das ers­te Mal ging das aber nur ei­ne Wo­che gut“, er­zählt Wen­neker. We­gen sei­nes ge­schwäch­ten Im­mun­sys­tems ist an ei­nen re­gel­mä­ßi­gen Ki­ta-Be­such noch nicht zu den­ken.

Andrea Her­zog und Tho­mas Wen­neker wol­len ih­rem Sohn – so weit eben mög­lich – ei­ne schö­ne Kind­heit er­mög­li­chen. Vor der Ein­schu­lung im Som­mer soll er we­nigs­tens noch für ein paar Wo­chen die Ki­ta-Zeit mit­er­le­ben dür­fen: Schu­ki-Ak­tio­nen, Fes­te, das Ab­schluss­zel­ten. Doch die Awo als Trä­ger stellt sich quer.

Im Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res hat­te der Kindergarten den El­tern vor­ge­schla­gen, ei­nen In­te­gra­ti­ons­hel­fer zu be­an­tra­gen. „Wir ha­ben dem zu­ge­stimmt, so­fern kei­ne wei­te­ren Un­ter­su­chun­gen für Ga­b­ri­el statt­fin­den“, er­läu­tert Wen­neker. Denn un­ter­sucht wur­de Ga­b­ri­el nun wahr­lich

mehr als ge­nug. Die Er­for­der­nis ei­ner wei­te­ren Be­gut­ach­tung ha­be die Ki­ta-Lei­tung, die der­zeit nicht er­reich­bar ist, auch ver­neint.

Doch das Ge­sund­heits­amt des Krei­ses St­ein­furt will sich mit vor­han­de­nen ärzt­li­chen Un­ter­la­gen, Pfle­ge­gut­ach­ten, Schwer­be­hin­der­ten­be­scheid und der von den El­tern nach ei­ge­nen Wor­ten in jeg­li­cher Form er­teil­ten Ent­bin­dung von der Schwei­ge­pflicht nicht be­gnü­gen und lädt für den 22. No­vem­ber zur amts­ärzt­li­chen Un­ter­su­chung nebst zeit­glei­cher Schul­ein­gangs­un­ter­su­chung ein.

Die El­tern su­chen bei Ärz­ten und den Psy­cho­lo­gen der

Uni-Kli­nik Rat. „Wir sind ge­mein­sam zu dem Ent­schluss ge­kom­men, dass ei­ne In­te­gra­ti­ons­kraft für Ga­b­ri­el nicht sinn­voll ist, da er we­der kör­per­lich noch geis­tig be­hin­dert ist“, be­to­nen die El­tern.

„Aus un­se­rer Sicht wä­re ei­ne zu­sätz­li­che Un­ter­stüt­zung für Ga­b­ri­el nach sei­ner schwe­ren Er­kran­kung als Hil­fe zur Wie­der­ein­glie­de­rung in ein für ihn nor­ma­les Le­ben un­ab­ding­bar“, schreibt die Ki­taLei­tung den El­tern im De­zem­ber. Sie bit­tet die­se, sich zu mel­den, da­mit die Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne wei­te­re Be­treu­ung ge­setzt wer­den könn­ten. „Auf­grund der ver­än­der­ten Sach­la­ge müs­sen wir hier jetzt neue Prio­ri­tä­ten set­zen, die ei­ner­seits Ga­b­ri­el hel­fen, je­doch für uns mach­bar sind“, heißt es in dem Brief. Ein Ge­spräch kommt nicht mehr zu­stan­de. Erst ein­mal be­an­tra­gen die El­tern ei­ne Re­ha für Ga­b­ri­el. Am 10. März kommt die Be­wil­li­gung – und am glei­chen Tag für die Fa­mi­lie der „Schlag ins Ge­sicht“, wie es Wen­neker for­mu­liert. Der Kindergarten schickt die Kün­di­gung für den Ki­ta-Platz: „Wir ha­ben der­zeit nicht den Ein­druck, dass Sie die­sen Platz, der an­der­wei­tig drin­gend be­nö­tigt wird, vor der Ein­schu­lung Ih­res Soh­nes noch ein­mal in An­spruch neh­men wer­den.“Da Ga­b­ri­el im Som­mer ein­ge­schult wer­den sol­le, hal­te der Kindergarten ei­ne Wie­der­ein­ge­wöh­nung in den letz­ten Mo­na­ten da­vor aus päd­ago­gi­scher Sicht für we­nig sinn­voll.

An­fang April gibt es noch ein letz­tes Ge­spräch zwi­schen der Ki­ta-Lei­tung und den El­tern. Das Pro­to­koll liegt der Re­dak­ti­on vor. Die Ki­ta-Lei­tung be­grün­det die Kün­di­gung mit feh­len­der Kom­mu­ni­ka­ti­on der El­tern zum Kindergarten und nicht ein­ge­hal­te­nen Ab­spra­chen, was die­se zu­rück­wei­sen. Die Awo bie­tet Ga­b­ri­el ein Be­suchs­recht an Vor­mit­ta­gen in Be­glei­tung sei­ner Mut­ter an, wenn die bei­den An­fang Ju­ni ei­ne sta­tio­nä­re Re­ha ab­ge­schlos­sen ha­ben, die sie zur­zeit in Müns­ter in An­spruch neh­men. Auch kön­ne der Jun­ge – be­glei­tet – an Ak­tio­nen für an­ge­hen­de Schul­kin­der teil­neh­men.

Andrea Her­zog und Tho­mas Wen­neker reicht das nicht. Sie po­chen auf Rück­nah­me der Kün­di­gung und ha­ben ei­ne Rechts­an­wäl­tin ein­ge­schal­tet. „Wir sind erst ein­mal froh, dass es un­se­rem Sohn re­la­tiv gut geht nach all dem und wol­len ein­fach nur kämp­fen für an­de­re El­tern oder Kin­der, die zwei Jah­re durch die Höl­le ge­hen.“

Der Awo-Un­ter­be­zirk Müns­ter­land-Reck­ling­hau­sen hat die Kün­di­gung vor ei­ni­gen Ta­gen noch ein­mal schrift­lich be­stä­tigt. Auch auf­grund der sel­te­nen In­an­spruch­nah­me des Ki­ta-Plat­zes im ver­gan­ge­nen Jahr – ins­ge­samt 18 Ta­ge – ge­be es „kei­ne ver­trau­ens­vol­le Zu­sam­men­ar­beit“, lässt der zu­stän­di­ge Fach­be­reichs­lei­ter Jür­gen Schepp die El­tern wis­sen. Er emp­fiehlt ih­nen, sich ans Kreis­ju­gend­amt in St­ein­furt zu wen­den, um nach ei­nem an­de­ren Kindergarten bis zu den Som­mer­fe­ri­en Aus­schau zu hal­ten. „Der Platz von Ga­b­ri­el ist schon an­der­wei­tig be­legt.“

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