Ein St­ein

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Zur Per­son: Pa­ter Franz Richardt ist Geist­li­cher Di­rek­tor der ka­tho­li­schen Bil­dungs­stät­te „Haus Ohr­beck“in Holz­hau­sen. Kon­takt: au­to­ren@ stadt­kir­che-os­nabru­eck.de

Von Franz Richardt

Ich ge­he mit ei­ner be­freun­de­ten Fa­mi­lie und ih­ren zwei Kin­dern in ei­nem Stadt­park spa­zie­ren. Die Vier­jäh­ri­ge läuft an den Rand des We­ges, hebt ei­nen klei­nen Kie­sel­stein auf, kommt zu mir, legt ihn mir in die

Hand, sagt:

„Der ist für dich!“und läuft wei­ter. Das ist Jah­re her, aber im­mer noch spü­re ich die klei­ne war­me Hand in mei­ner Hand – und den St­ein ha­be ich im­mer noch als et­was ganz Wert­vol­les in mei­nem Bü­cher­re­gal.

Ein klei­ner St­ein, nichts Be­son­de­res, und doch für mich et­was Be­son­de­res, weil da­rin die gan­ze Lie­be ei­nes klei­nen Men­schen für ei­nen klei­nen Au­gen­blick ent­hal­ten war, un­be­küm­mert, spon­tan, ab­sichts­los, oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken oder Ne­ben­ab­sich­ten – eben, wie Lie­be oft ist, ein­fach so! Und wie das Le­ben oft ist: vol­ler Nor­ma­li­tät und zu­gleich mit klei­nen, wohl­tu­en­den Auf­fäl­lig­kei­ten. Im Won­ne­mo­nat müs­sen es nicht die gro­ßen Ge­füh­le sein. Die klei­nen Zu­fäl­lig­kei­ten rei­chen manch­mal für ein paar Au­gen­bli­cke des Dan­kes. Da­vid St­eindl-Rast, ein spi­ri­tu­el­ler Leh­rer in Ame­ri­ka, hat sich zur Ge­wohn­heit ge­macht, je­den Abend auf­zu­schrei­ben, wo­für er an die­sem Tag dank­bar sein kann. Als er 85 Jah­re alt wur­de, blät­ter­te er in sei­nem Ta­ge­buch und war über­rascht, wie reich ihn sein Le­ben be­schenkt hat, auch wenn er als ar­mer Be­ne­dik­ti­ner­mönch lebt. Die­se Auf­merk­sam­keit für die klei­nen Ga­ben des All­tags be­deu­tet nicht, die gro­ßen Sor­gen und Pro­ble­me der Welt und Po­li­tik, der Wah­len und der Zu­kunft in un­se­rem Land und an­ders­wo zu ver­ges­sen.

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