Ge­gen di­gi­ta­le Auf­rüs­tung der Bun­des­wehr

Big Bro­ther Award geht zum zwei­ten Mal an von der Ley­en – Di­tib will ge­gen Ne­ga­tiv­preis kla­gen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen -

Was ha­ben der Di­gi­tal­ver­band Bit­kom, die tür­kisch-is­la­mi­sche Uni­on Di­tib und Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en ge­mein­sam? Al­len drei­en wur­de ges­tern der Ne­ga­tiv­preis Big Bro­ther Award des Bie­le­fel­der Ver­eins Di­gi­tal­cou­ra­ge ver­lie­hen.

Von Wal­traud Mess­mann

OS­NA­BRÜCK. Ei­ne ab­ge­sag­te USA-Rei­se, ein Brand­brief an die Trup­pe und har­sche Kri­tik: Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en hat­te ei­ne har­te Wo­che. Am Frei­tag wur­de sie nun auch noch mit dem Big Bro­ther Award des Bie­le­fel­der Da­ten­schutz-Ver­eins Di­gi­tal­cou­ra­ge be­dacht. Den Ne­ga­tiv­preis er­hält von der Ley­en schon zum zwei­ten Mal.

Nach An­ga­ben der Ju­ry rich­tet er sich dies­mal ge­gen die di­gi­ta­le Auf­rüs­tung der Bun­des­wehr mit dem neu­en „Kom­man­do Cy­ber- und In­for­ma­ti­ons­raum“(KdoCIR). „Mit die­ser di­gi­ta­len Auf­rüs­tung wird […] ein fünf­tes Schlacht­feld, das so­ge­nann­te Schlacht­feld der Zu­kunft, er­öff­net und der Cy­ber­raum […] zum po­ten­zi­el­len Kriegs­ge­biet er­klärt“, hielt der Bür­ger­rechts­ak­ti­vist Rolf Göss­ner der Mi­nis­te­rin in sei­ner vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Lau­da­tio vor.

Mit der Be­fä­hi­gung der Bun­des­wehr zum Cy­ber­krieg be­tei­li­ge sich die Bun­des­re­pu­blik am glo­ba­len Wett­rüs­ten im Cy­ber­space. Dies ge­sche­he weit­ge­hend oh­ne Par­la­ments­be­tei­li­gung, oh­ne de­mo­kra­ti­sche Kon­trol­le, oh­ne recht­li­che Grund­la­ge, kri­ti­sier­te Göss­ner. Im Jahr 2009 war der da­ma­li­gen Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin der Big Bro­ther Award für ih­re Vor­stö­ße zur In­halts­kon­trol­le und Sper­rung von Web­sei­ten zu­ge­spro­chen wor­den. Die­se Ak­ti­vi­tä­ten brach­ten ihr da­mals auch den Bei­na­men „Zen­sur­su­la“ein.

Der Big Bro­ther Award 2017 in der Ka­te­go­rie Po­li­tik geht an die tür­kisch-is­la­mi­sche Uni­on Di­tib. Di­tib will des­halb ge­gen den Ver­ein we­gen üb­ler Nach­re­de kla­gen. Die Di­gi­tal­cou­ra­ge-Vor­sit­zen­de Re­na Tan­gens be­ton­te in ei­ner Mit­tei­lung an die Pres­se, man wer­de sich von der Droh­ge­bär­de der Di­tib nicht ein­schüch­tern las­sen. „Man will uns zum Schwei­gen brin­gen. Wir pran­gern Über­grif­fe auf Grund­rech­te an, brin­gen die häss­li­chen De­tails ans Ta­ges­licht. Wenn ein Preis­trä­ger sich vor der Öf­fent­lich­keit fürch­tet, zeigt das, dass wir den Fin­ger treff­si­cher in die Wun­de ge­legt ha­ben.“

Im vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Re­de­text be­grün­de­te der Da­ten­schüt­zer

„Man will uns zum Schwei­gen brin­gen“ Re­na Tan­ges, Di­gi­tal­cou­ra­ge

Thilo Wei­chert die Ent­schei­dung, der Di­tib den Ne­ga­tiv­preis zu ver­lei­hen: „Hier geht es um hand­fes­tes Be­spit­zeln, um das Aus­nut­zen mensch­li­cher Kon­tak­te von An­ge­sicht zu An­ge­sicht, und das im Rah­men ei­ner re­li­giö­sen Ge­mein­schaft.“Ei­ni­gen Ima­men der Di­tib wer­de vor­ge­wor­fen, Mit­glie­der und Mo­schee -Be­su­cher für tür­ki­sche Be­hör­den und den Ge­heim­dienst aus­spio­niert, po­li­tisch de­nun­ziert und sie so der Ver­fol­gung durch tür­kisch­staat­li­che Stel­len aus­ge­lie­fert zu ha­ben. „Um dem Wunsch ei­ner Re­gie­rungs­be­hör­de in der Tür­kei nach­zu­kom­men, wur­den durch die­se Ima­me ele­men­ta­re Grund­und Men­schen­rech­te in Deutsch­land miss­braucht“, heißt es wei­ter.

Im Fall ei­ner Rei­se in die Tür­kei hät­ten die Be­trof­fe­nen nun ei­ne Ver­haf­tung, Straf­ver­fah­ren und ent­wür­di­gen­de Be­hand­lung, even­tu­ell so­gar Fol­ter zu be­fürch­ten. Wei­chert rief die Di­tib auf, die Spit­zel-Af­fä­re nicht für be­en­det zu er­klä­ren, son­dern die Vor­gän­ge trans­pa­rent zu ma­chen und sich der öf­fent­li­chen Kri­tik stel­len.

Auch der Bran­chen­ver­band Bit­kom ist in das Vi­sier der Da­ten­schüt­zer ge­ra­ten. Die Or­ga­ni­sa­ti­on er­hält den Big Bro­ther Award in der Ka­te­go­rie Wirt­schaft. Die Lau­da­to­rin Re­na Tan­gens, Mit­be­grün­de­rin des Ver­eins Di­gi­tal­cou­ra­ge, wirft dem Di­gi­tal­ver­band in ih­rem Vor­ab­re­de­text vor, er sei „de fac­to ei­ne Tarn­or­ga­ni­sa­ti­on gro­ßer US-Kon­zer­ne“und be­trei­be „pe­ne­tran­te Lob­by­ar­beit ge­gen Da­ten­schutz“. Da­bei ar­bei­te der Bit­kom nicht nur

ge­gen Grund­rech­te und so­zia­le Ge­rech­tig­keit, son­dern scha­de auch der deut­schen und eu­ro­päi­schen IT-Wirt­schaft. „Der Wild­wuchs an Da­ten­an­eig­nung zer­rüt­tet das Ver­trau­en der Nut­zer“, so Tan­gens. Die lang­fris­ti­gen Fol­gen sei­en Miss­trau­en und man­geln­de Ak­zep­tanz. Tan­gens ap­pel­lier­te an den Ver­band, sich auf die ei­ge­nen Qua­li­tä­ten zu be­sin­nen und die US-Kon­zer­ne in sei­nem Ver­band zu ent­mach­ten.

Nur we­ni­ge Zen­ti­me­ter groß ist der Per­so­nal-Tra­cker der Fir­ma PLT – Pla­nung für Lo­gis­tik & Trans­port Gm­bH, ge­gen den sich der Big Bro­ther Award in der Ka­te­go­rie Ar­beits­welt rich­tet. Das Ge­rät er­mög­li­che Ar­beit­ge­bern ei­ne lü­cken­lo­se To­tal­kon­trol­le der Be­schäf­tig­ten, kri­ti­sier­te der Ex­per­te für Ar­beits­recht Pe­ter Wed­de in sei­ner vor­ab ver­öf­fent­lich­ten Lau­da­tio. In den al­ler­meis­ten Fäl­len sei ei­ne sol­che per­ma­nen­te und me­ter­ge­naue elek­tro­ni­sche To­tal­über­wa­chung des Stand­orts und der Be­we­gun­gen von Be­schäf­tig­ten aber ver­bo­ten. Die Tat­sa­che, dass sie trotz­dem ein­ge­setzt wür­den, be­zeich­ne­te Wed­de „als Aus­druck des

über­bor­den­den Kon­troll­wahns und des über­trie­be­nen Miss­trau­ens von Ar­beit­ge­bern, die mei­nen, je­den Me­ter und je­de Mi­nu­te der Ar­beit ih­rer Be­schäf­tig­ten über­wa­chen und er­fas­sen zu müs­sen“. Mit der Preis­ver­lei­hung an die Fir­ma PLT, stell­ver­tre­tend für al­le An­bie­ter sol­cher Ge­rä­te, wol­le man die­sen Trend stop­pen.

Ei­ne Soft­ware, die ei­nen Preis fest­legt, je nach­dem,

„Da­ten­schutz nicht aus­blen­den“ Frank Ro­sen­gart, Cha­os Com­pu­ter Club

was sie über den je­wei­li­gen Kun­den her­aus­fin­den kann? Ei­ne sol­che Preis­dis­kri­mi­nie­rung macht nach An­ga­ben von Lau­da­tor Pa­de­luun, Mit­be­grün­der des Ver­eins Di­gi­tal­cou­ra­ge, ei­ne Soft­ware der Fir­ma Prud­sys AG mög­lich. Da­für wird dem Un­ter­neh­men der Big Bro­ther Award in der Ka­te­go­rie Ver­brau­cher­schutz zu­ge­dacht. Den Ma­chern der Soft­ware wirft Pa­de­luun vor, „Bei­hil­fe zur Preis­trei­be­rei und Ver­brei­tung so­zia­len Un­frie­dens“zu leis­ten. Zwei Men­schen müss­ten un­ter­schied­li­che Prei­se für die glei­che Wa­re zah­len, nur weil für sie un­ter­schied­li­che Da­ten hin­ter­legt sei­en.

Der Big Bro­ther Award in der Ka­te­go­rie Bil­dung geht an die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Mün­chen (TUM) und die Lud­wig Ma­xi­mi­li­ans Uni­ver­si­tät Mün­chen (LMU). Er rich­tet sich ge­gen die Ko­ope­ra­ti­on mit dem On­line-Kur­sAn­bie­ter Cour­se­ra, bei dem von den Unis pro­du­zier­te Vi­de­os ein­ge­stellt wer­den. Lau­da­tor Frank Ro­sen­gart vom Cha­os Com­pu­ter Club hielt den Be­tei­lig­ten vor, da­bei die Da­ten­schutz-Pro­ble­ma­tik aus­zu­blen­den. Das gel­te auch für die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit der Fra­ge, wem die pro­du­zier­ten In­hal­te ge­hör­ten und wem mög­li­che Ein­nah­men zu­gu­te­kä­men. Stu­die­ren­de kön­nen On­line-Kur­se be­su­chen und da­mit Leis­tungs­punk­te für ihr Stu­di­um er­wer­ben. Ro­sen­gart ap­pel­lier­te an die Hoch­schu­len, On­line-Kur­se bei da­ten­schutz­tech­nisch zwei­fel­haf­ten An­bie­tern nicht zum Pflicht­an­ge­bot für den Schei­ner­werb zu ma­chen.

Ein Zei­chen ge­gen die di­gi­ta­le Auf­rüs­tung der Bun­des­wehr der Ka­te­go­rie Be­hör­de set­zen. will die Ju­ry des Bie­le­fel­der Ver­eins Di­gi­tal­cou­ra­ge mit der Ver­ga­be des Big Bro­ther Awards in Foto: imago/Kra­ehn

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