Von stil­len Ge­bur­ten und ver­wais­ten El­tern

Die sen­si­ble Do­ku­men­ta­ti­on „Lei­ser Ab­schied“be­glei­tet ei­ne Ster­be­am­me bei der Ar­beit

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Samstag - Das Ers­te, Sonn­tag, 17.15 Uhr noz.de/me­di­en

Die Ge­burt soll­te ei­gent­lich ein glück­li­cher Tag sein. Doch wer hilft Paa­ren, de­ren Ba­by wäh­rend der Schwan­ger­schaft, bei der Ge­burt oder kurz da­nach stirbt? Die ARD-Do­ku­men­ta­ti­on „Lei­ser Ab­schied“be­glei­tet ei­ne Heb­am­me bei die­ser schwie­ri­gen Auf­ga­be.

Von Co­rin­na Berg­h­ahn

Ob Me­ri­da, On­no oder Ida Ma­rie: Für je­den von ih­nen wird in der so trau­ri­gen wie sen­si­blen ARD-Do­ku­men­ta­ti­on „Lei­ser Ab­schied – Ei­ne Ster­be­am­me hilft ver­wais­ten El­tern“ei­ne Ker­ze ent­zün­det. Denn die Kin­der wer­den sehr ge­liebt. Dar­an än­dert auch die Tat­sa­che, dass sie tot sind, nichts. Ge­stor­ben im Mut­ter­leib oder kurz nach der Ge­burt. Für die El­tern ei­ne Ka­ta­stro­phe, nicht nur mensch­lich. Denn wer hilft ih­nen bei der Trau­er, die von der Um­welt oft­mals nicht nach­voll­zo­gen wer­den kann, und wer küm­mert sich um prak­ti­sche Fra­gen wie die Rück­bil­dung nach der Schwan­ger­schaft?

Ei­nes ist näm­lich si­cher: „In nor­ma­le Kur­se ge­hen die­se Frau­en nicht“, er­klärt Heb­am­me Uli Mi­chel im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. Kein Wun­der: Wer will als Trau­ern­de schon Zeu­ge vom ver­pass­ten Fa­mi­li­en­glück wer­den? Und wer be­ant­wor­tet dort Fra­gen wie: „Ha­be ich et­was falsch ge­macht? Wer­de ich das je ver­ges­sen kön­nen? Will ich über­haupt wie­der schwan­ger wer­den?“Mi­chels Kur­se bie­ten ver­wais­ten Müt­tern ei­nen Aus­tausch Ab­schied von Me­ri­da: Ster­be­am­me Uli Mi­chel und Me­ri­das Mut­ter beim Be­such des Kin­der­grabs.

un­ter Frau­en, die das glei­che Schick­sal tei­len.

Die Do­ku­men­ta­ti­on, die in der Rei­he „Gott und die Welt“läuft, bie­tet ei­nen kur­zen Ein­blick in Uli Mi­chels Ar­beit. Es wer­den ein Rück­bil­dungs­kurs im west­fä­li­schen Müns­ter ge­zeigt wie auch Mi­chels Ein­zel­ge­sprä­che mit den ver­wais­ten Müt­tern, ein ge­mein­sa­mer Spa­zier­gang der Müt­ter oder der Be­such ei­nes Kin­der­gra­bes.

Die Frau­en be­rich­ten vom Tag, an dem sie vom Tod ih­res Kin­des er­fah­ren, von ih­rer

Trau­er und ih­ren Ängs­ten – auch wenn sie wie­der schwan­ger sind. Denn wer ga­ran­tiert, dass die­sem Kind nicht wie­der et­was pas­siert?

Seit 21 Jah­ren ist sie Heb­am­me, hat vie­le Ge­bur­ten und kri­sen­haf­te Si­tua­tio­nen ge­se­hen. Nach­dem sie sich als Heb­am­me nur um die kör­per­li­chen Schmer­zen der Mut­ter ge­küm­mert ha­be, neh­me sie sich nach der Wei­ter­bil­dung zur Ster­be­am­me auch der see­li­schen Schmer­zen an. „Ich se­he mich als Am­me für Le­bens­über­gän­ge,

als ei­ne Art Schwel­len­hü­te­rin zwi­schen dem Le­ben­s­an­fang und dem Le­bens­en­de“, er­klärt sie den Hin­ter­grund ih­rer Ar­beit.

El­tern, de­ren Kind schon vor der Ge­burt dem Tod ge­weiht ist, kann sie so um­fas­send be­treu­en: Wäh­rend der Schwan­ger­schaft be­rät sie die Müt­ter, wäh­rend der Ge­burt ist sie im Kreiß­saal mit da­bei, und da­nach hilft sie, die Trau­er­pha­se zu ver­ar­bei­ten.

Das ist emo­tio­nal oft­mals har­te Kost, wie man im Film

er­le­ben kann, und es flie­ßen vie­le Trä­nen, denn mag der Tod noch so sehr zum Le­ben ge­hö­ren: Der Tod ei­nes Kin­des, und dann noch am Tag der Ge­burt, ist im­mer ei­ne Tra­gö­die.

Das weiß auch Mi­chel: „Die Fra­ge nach dem ,War­um?‘ kann ich nicht be­ant­wor­ten, und ich kann den Frau­en auch nicht ih­re Trau­er ab­neh­men. Aber ich kann den Frau­en Sicherheit ver­mit­teln und ih­rer Trau­er ei­nen Rah­men ge­ben. Ich kann den Frau­en ei­ne Hil­fe­stel­lung ge­ben, aus die­ser Kri­se wie­der raus­zu­kom­men“, sagt Mi­chel.

Was den Be­trof­fe­nen ne­ben ei­ner Nach­be­treu­ung zu­gu­te­kom­me, sei auch, dass sich seit ei­ni­gen Jah­ren die Ein­stel­lung zu Fehl­ge­bur­ten lang­sam än­de­re: Vor we­ni­gen Jah­ren wur­de ein tot ge­bo­re­nes Kind le­dig­lich kli­nisch als Fehl- oder Tot­ge­burt be­zeich­net, heu­te spre­chen be­trof­fe­ne El­tern von ih­rem Ster­nen­kind.

Auch sonst gibt es ein Um­den­ken, was den be­hörd­li­chen Um­gang mit, bei oder vor der Ge­burt ver­stor­be­ner Kin­der be­trifft: Wäh­rend to­te Kin­der, die we­ni­ger als 500 Gramm wo­gen, nicht sel­ten im Kli­nik­müll ent­sorgt wur­den, dür­fen sie seit Früh­jahr 2013 an­ge­mel­det wer­den – und er­hal­ten of­fi­zi­ell ei­nen Na­men. Auf Fried­hö­fen ent­ste­hen zu­dem im­mer öf­ter Be­rei­che, auf de­nen die so­ge­nann­ten Ster­nen­kin­der be­gra­ben wer­den kön­nen. Und statt sie tot­zu­schwei­gen, wird in Kli­ni­ken und Got­tes­diens­ten ih­rer ge­dacht.

Bei Uli Mi­chel blei­ben die Kin­der zu­dem nicht na­men­los – auch das ist ei­ne be­wuss­te Ent­schei­dung: „Ich ra­te den Frau­en, die Kin­der in die Fa­mi­li­en zu in­te­grie­ren. Das hilft beim Trau­er­pro­zess.“Me­ri­da, On­no, Ida Ma­rie und all die an­de­ren Ster­nen­kin­der im Film wer­den so nie ver­drängt oder ver­ges­sen.

Gott und die Welt: Lei­ser Ab­schied – Ei­ne Ster­be­am­me hilft ver­wais­ten El­tern, Mehr TV-Kri­ti­ken

Foto: WDR

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