Stil­ler Thril­ler

Un­ter Un­sicht­ba­ren: Mat­thi­as Brandt er­mit­telt als Po­li­zei­ruf-Kom­mis­sar im Pfle­ge­heim

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Sonntag - Das Ers­te, Sonn­tag, 20.25 Uhr

Der Po­li­zei­ruf 110 aus Mün­chen ist au­ßer­ge­wöhn­lich und wich­tig. „Nacht­dienst“zeigt Mat­thi­as Brandt in ei­nem sei­ner bes­ten Kri­mis die­ser Rei­he. Ein stil­ler Thril­ler, der we­gen ei­nes Brenn­punkts zur Frank­reichWahl am Sonn­tag erst um 20.25 Uhr be­ginnt.

Von Joa­chim Schmitz

Nein, Ihr Fern­se­her ist nicht ka­putt, auch wenn Sie es nach den ers­ten Se­kun­den die­ses Münch­ner Po­li­zei­rufs ver­mu­ten könn­ten. Der Film läuft tat­säch­lich rück­wärts. Und zeigt uns zu Be­ginn ei­nen er­schüt­ter­ten Kom­mis­sar Hanns van Meuf­fels (Mat­thi­as Brandt) am Bett ei­ner to­ten al­ten Frau. Zeigt, wie er hin­ein­kommt in das Zim­mer die­ser Frau. Aus ei­nem lan­gen Flur, durch den schwer­be­waff­ne­te SEK-Po­li­zis­ten het­zen und in dem ein blut­über­ström­ter Mann in wei­ßer Kluft am Bo­den liegt. Schnitt.

De­men­te Zeu­gin

Rück­blen­de, neun St­un­den zu­vor. Nun se­hen wir ei­nen we­sent­lich ent­spann­te­ren van Meuf­fels, der sich zu abend­li­cher St­un­de vor dem Po­li­zei­prä­si­di­um ei­ne Zi­ga­ret­te an­zün­det, ei­nen vor­bei­ei­len­den Kol­le­gen für ein Ver­hör lobt und dann auf die al­te Frau aus dem ers­ten Bild auf­merk­sam wird. Auf­ge­regt und nur mit ei­nem Ba­de­man­tel be­klei­det, be­schimpft die of­fen­kun­dig Ver­wirr­te Po­li­zis­ten und ei­nen Ta­xi­fah­rer, den sie ge­ra­de mit Falsch­geld ent­loh­nen woll­te. Viel wich­ti­ger aber: Sie will ei­nen Mord mel­den. Im Pfle­ge­heim soll ein Mit­be­woh­ner er­schla­gen wor­den sein.

Re­gie-Ve­te­ran Rai­ner Kauf­mann hat für sei­nen ers­ten Po­li­zei­ruf wahr­lich ei­nen au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ein­stieg ge­fun­den und – so viel darf ver­ra­ten wer­den – der gan­ze Film ist es. „Nacht­dienst“ist kein Sonn­tags­kri­mi wie je­der an­de­re, son­dern so et­was wie ein stil­ler Thril­ler, des­sen En­de mit ei­ner eben­so über­ra­schen­den wie un­ge­heu­ren Wucht da­her­kommt und ver­mut­lich für man­che Dis­kus­sio­nen sor­gen wird.

Van Meuf­fels zeigt sich von sei­ner ga­lan­tes­ten Seite. Er zahlt den Ta­xi­fah­rer, stat­tet mit der de­men­ten „gnä­di­gen Frau“de­ren Mut­ter ei­nen Be­such ab und bringt sie zu­rück in den „Jo­han­nis­hof“, um ih­rem Ver­dacht nach­zu­ge­hen. Er wird hier die gan­ze Nacht ver­brin­gen. Und Re­gis­seur Kauf­mann macht aus die­ser Nacht ein be­klem­men­des Kam­mer­spiel.

Nie­mand im Heim glaubt an ei­nen Mord, die Pfle­ger spre­chen von ei­nem Sturz. Der de­men­ten Frau Strauß (vor­züg­lich: Eli­sa­beth Schwarz) glaubt eh kei­ner, und nach kur­zer Zeit kann sie sich selbst nicht mehr an ei­nen Mord er­in­nern. Doch van Meuf­fels ent­deckt In­di­zi­en, die es zu­min­dest mög­lich er­schei­nen las­sen, dass hier ein Ge­walt­ver­bre­chen ge­sche­hen ist. We­der das Pfle­ge­per­so­nal noch die von ihm hin­zu­ge­zo­ge­nen Kol­le­gen von der Spu­ren­si­che­rung sind er­freut dar­über, dass er sich in ei­nen Fall ver­beißt, der auf den ers­ten Blick gar kei­ner ist.

Was die Dreh­buch­au­to­rin­nen Arie­la Bo­gen­ber­ger und As­trid Strö­her fol­gen las­sen, kommt der Rea­li­tät in vie­len deut­schen Pfle­ge­hei­men er­schre­ckend na­he. Die Be­woh­ner le­ben in Zim­mern, die kei­ne Num­mern ha­ben, son­dern Obst und Ge­mü­se an der Tür: Ba­na­ne,

Bir­ne, Wein­trau­be, Erd­bee­re, Gur­ke. Vie­le von ih­nen wer­den ru­hig­ge­stellt, da­mit das Per­so­nal über­haupt ir­gend­wie sein Pen­sum schaf­fen kann.

Ta­blet­ten, Al­ko­hol, Über­for­de­rung, Fi­xie­rung. Un­ter den Zu­stän­den lei­den Be­woh­ner wie Pfle­ger glei­cher­ma­ßen.

Mit dem Kom­mis­sar taucht auch sein Pu­bli­kum in ei­ne Par­al­lel­welt ein, die vie­le nicht ken­nen und an­de­re nicht wahr­ha­ben wol­len. Ein im Heim un­ter­ge­brach­ter Ex-Po­li­zist gibt van Meuf­fels den drin­gen­den Rat: „Sor­gen Sie gut vor, da­mit Sie sich was Bes­se­res leis­ten kön­nen als das hier. Oder hof­fen Sie, dass sich Ih­re Fa­mi­lie um sie küm­mert?“Der al­te Mann wie­der­um muss sich von ei­nem Pfle­ger sa­gen las­sen: „Es in­ter­es­siert kei­nen, wie es euch hier geht. Ihr seid über­flüs­sig. Ihr seid un­sicht­bar.“

Die­ser Pfle­ger Tschar­lie, der das al­les wie man­che sei­ner Pa­ti­en­ten nur mit dem re­gel­mä­ßi­gen Schluck aus der Pul­le er­tra­gen kann, ist der Ver­zweif­lung nah: „Ich hab ja nicht ge­wusst, was mich hier er­war­tet. Au­gen auf bei der Be­rufs­wahl.“Sein Chef hört kei­ne Se­kun­de auf zu ar­bei­ten, wäh­rend der Kom­mis­sar ihn ver­hört und ver­däch­tigt. Bis er schließ­lich sagt: „Neh­men Sie mich fest, wenn Sie nichts Bes­se­res zu tun ha­ben. Dann hab ich frü­her Fei­er­abend. Und Sie sind da­für ver­ant­wort­lich, dass hier die Win­deln ge­wech­selt wer­den, die Leu­te nicht aus dem Bett fal­len oder in die Ecke ka­cken.“

Schwer er­träg­lich

Für man­chen Zu­schau­er wird es schwer sein, sich die­ses gan­ze Leid, die­ses furcht­ba­re Elend an­dert­halb St­un­den lang an­zu­se­hen. Ge­ra­de des­halb aber soll­ten sie ei­nes nicht tun: Weg­schau­en und um- oder aus­schal­ten. Denn es gibt Aber­tau­sen­de von Be­woh­nern und Pfle­gern, für die das nicht ein Film ist, son­dern der täg­li­che Wahn­sinn. Für die ei­nen mit dem Tod vor Au­gen, für die an­de­ren mit schlech­ter Be­zah­lung und we­nig An­er­ken­nung. Nicht an­dert­halb St­un­den lang, son­dern je­den Tag aufs Neue.

Po­li­zei­ruf 110: Nacht­dienst,

Mord oder Ein­bil­dung? Die de­men­te Pfle­ge­heim­be­woh­ne­rin Eli­sa­beth Strauß (Eli­sa­beth Schwarz) be­rich­tet Kom­mis­sar von Meuf­fels (Mat­thi­as Brandt) von ei­nem Ge­walt­ver­bre­chen im „Jo­han­nis­hof“. Foto: BR/die film gm­bh/Hen­drik Hei­den

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