Meis­ter­werk mit Mi­ni­bud­get

Hor­ror­thril­ler über Ras­sis­mus – „Get Out“blickt auf die Höl­le hin­ter ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Fas­sa­de

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film -

Ein Hor­ror­film über Ras­sis­mus? „Get Out“, der gro­ße Über­ra­schungs­hit in den USA, zeigt ge­nau das. Und zwar in ei­nem per­fek­ten, ex­trem span­nen­den Gen­re­film.

Von To­bi­as Sun­der­diek

OS­NA­BRÜCK. „Hast du dei­nen El­tern ge­sagt, dass ich schwarz bin?“Chris, ein afro­ame­ri­ka­ni­scher Fo­to­graf, ist ner­vös. Er will sich den El­tern sei­ner wei­ßen Freun­din Ro­se vor­stel­len. Wer­den sie ihn ab­leh­nen, weil er ei­ne an­de­re Haut­far­be hat? Doch Ro­se be­schwich­tigt ihn. Ih­re El­tern sei­nen kei­ne Ras­sis­ten, sehr li­be­ral, Oba­ma-An­hän­ger.

Und zu­nächst scheint al­les gut zu ge­hen. Die El­tern, er ist Neu­ro­chir­urg, sie Psych­ia­te­rin, neh­men Chris nur zu ger­ne auf, zei­gen ihm das weit­läu­fi­ge An­we­sen in Ala­ba­ma, la­den ihn zum Es­sen ein. Und doch – klei­ne Ir­ri­ta­tio­nen schlei­chen sich ein: Be­stimm­te Wor­te der El­tern schei­nen un­pas­send, die schwar­zen Hau­s­an­ge­stell­ten ver­hal­ten sich selt­sam, der Blitz ei­ner Han­dy­ka­me­ra lässt ei­nen schwar­zen Gast auf ei­ner Gar­ten­par­ty aus sei­ner ser­vi­len Rol­le aus­bre­chen.

Chris merkt, dass et­was nicht stimmt in die­ser Fa­mi­lie. Doch bil­det er sich das nur ein? Lei­det er un­ter Ver­fol­gungs­wahn? Als er das Haus ver­las­sen will, macht er in ei­ner ro­ten Fo­to­schach­tel

ei­ne er­schre­cken­de Ent­de­ckung.

Dass „Get Out“ein Hor­ror­film über Ras­sis­mus ist, macht der Film be­reits ab der ers­ten Mi­nu­te klar, wenn ein Schwar­zer in ei­ner ge­ho­ben wir­ken­den Wohn­sied­lung ge­walt­sam ent­führt wird. Da­zu läuft ein im Hin­ter­grund das Kin­der­lied „Run, Rab­bit, Run“wie ein zy­ni­scher Kom­men­tar.

Es ist ein Ein­stieg, der so­gleich ei­ne dunk­le No­te über ein Ge­sche­hen legt, das zu­nächst noch wie ei­ne Neu­auf­la­ge

der li­be­ra­len „Feel­goo­dKo­mö­die“„Rat mal, wer zum Es­sen kommt?“(1967) von St­an­ley Kra­mer wirkt. Doch schnell wird die Dau­men­schrau­be des Hor­rors an­ge­zo­gen. Bis es blu­tet. Und das wort­wört­lich.

„Get Out“er­weist sich als ein Gen­re­film, der sei­ne Bot­schaft in ei­ne, wie es Mar­tin Scor­se­se sa­gen wür­de, äu­ßerst un­ter­halt­sa­me Hand­lung „hin­ein­schmug­gelt“. Denn dass auch hin­ter li­be­ral-bür­ger­li­chen Fas­sa­den Ras­sis­mus in­hä­rent sein

kann, lässt frös­teln, ent­zieht dem Prot­ago­nis­ten und da­mit dem Zu­schau­er je­den si­cher ge­glaub­ten Grund, auf dem er steht.

Wo­für Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Jor­dan Pee­le, ein TV-Schau­spie­ler, der nur ein Mi­ni­bud­get zur Ver­fü­gung hat­te, Ele­men­te des Pa­ra­noi­a­thril­lers frü­he­rer Zei­ten ver­wen­det: So er­in­nert „Get Out“nicht sel­ten an die frü­hen Fil­me ei­nes Ro­man Polan­ski. Ei­ne Her­an­ge­hens­wei­se, die be­geis­tert. Denn trotz sei­ner be­son­ders

zum En­de hin ty­pi­schen Hand­lungs­ele­men­te über­rascht der Film im­mer wie­der mit sub­ti­len Bil­dern, die er­schau­dern las­sen. So zum Bei­spiel wenn ein zu­nächst harm­los wir­ken­des Bin­goSpiel sich ein­deu­tig hin zu ei­ner geis­ter­haft-stumm ab­ge­hal­te­nen Skla­ven­auk­ti­on ent­wi­ckelt.

In ei­ner Zeit, in der CGIMons­ter und plat­te Über­rum­pe­lungs­schocks den Main­stream-Hor­ror be­stim­men, nimmt sich „Get Out“wie ei­ner der in­tel­li­gen­tes­ten, span­nends­ten und zu­gleich hin­ter­grün­digs­ten Hol­ly­wood-Fil­me seit lan­ger Zeit aus. Der Lohn: Pee­les Re­gie­de­büt wur­de zum größ­ten Über­ra­schungs­hit der Sai­son. Zu Recht. Denn sel­ten wur­de Ras­sis­mus so ge­schickt als Hor­ror ge­zeigt wie hier.

„Get Out“. USA 2017. R: Jor­dan Pee­le. D: Da­ni­el Ka­lu­uya, All­ison Wil­li­ams, Brad­ley Whit­ford, Ca­the­ri­ne Kee­ner. 104 Min., ab 16. Ci­ne­ma-Ar­thouse, Ci­nes­tar, Film­pas­sa­ge.

Über­ra­schungs­hit „Get Out“: Da­ni­el Ka­lu­uya muss als Chris Washington den Ras­sis­mus bru­tal am ei­ge­nen Leib er­fah­ren. Foto: Uni­ver­sal Pic­tu­res

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