Rück­sichts­lo­ser Ab­riss al­ter En­sem­bles

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Leserbriefe -

Zum Ar­ti­kel „Im Wes­ten et­was Neu­es – In At­ter ent­steht mit dem „Land­wehr­vier­tel“das größ­te Neu­bau­ge­biet in der Os­na­brü­cker Nach­kriegs­ge­schich­te“(Aus­ga­be vom 18. April).

„In Ih­rem Ar­ti­kel zur Be­bau­ung der Kon­ver­si­ons­flä­che an der Land­wehr­stra­ße [. . .] heißt es, dass ,die ein­zel­nen Nach­bar­schaf­ten des Vier­tels zwar ei­ge­ne Iden­ti­tä­ten ent­wi­ckeln kön­nen‘ , aber durch ,Gestal­tungs­vor­schrif­ten‘ ei­ner ,ein­heit­li­chen For­men­spra­che‘ ver­pflich­tet sei­en. So ist das Vor­ge­hen in vie­len Neu­bau­ge­bie­ten in Evers­burg, in Schin­kel und so wei­ter. Das wird von den Be­woh­nern, wie man hört, über­wie­gend ge­schätzt und eben­so von Be­su­chern, die sich an dem Stil­ge­ben­den der vor­ge­ge­be­nen Struk­tur er­freu­en.

Auch die Sied­lung ehe­ma­li­ger eng­li­scher Of­fi­ziers­woh­nun­gen in der Nä­he des Park­ho­tels be­kam ei­nen Son­der­sta­tus und prä­sen­tiert sich nun ein­schließ­lich ih­rer Jä­ger­zäu­ne als äs­the­ti­scher Le­cker­bis­sen. So war das in et­li­chen Stra­ßen­zü­gen mit äl­te­rer Bau­sub­stanz über vie­le Jahr­zehn­te eben­falls. Auch hier wa­ren ein­mal Bau­sat­zun­gen die Vor­aus­set­zung die­ses ur­sprüng­lich ein­heit­li­chen Bil­des, das die meis­ten sehr schät­zen.

Seit ei­ni­gen Jah­ren schei­nen die­se Vor­ga­ben aber kei­nen Be­stand mehr zu ha­ben, und es kön­nen wahl­los aus ehe­mals ge­schlos­se­nen En­sem­bles teil­wei­se fast hun­dert­jäh­ri­ge Häu­ser ab­ge­ris­sen wer­den, wie ge­ra­de wie­der am Lie­ne­schweg ge­sche­hen

oder vor we­ni­gen Jah­ren in der Jo­hann-Se­bas­ti­anBach-Stra­ße oder in der Bor­sig­stra­ße, wo mit der Be­grün­dung, dass die al­ten Häu­ser ja nicht op­ti­mal zu iso­lie­ren sei­en, ein gan­zes, in sich ge­schlos­se­nes En­sem­ble weg­ge­ris­sen wur­de. Es gab reich­lich Initia­ti­ven, das zu ver­hin­dern, und es ging ein Auf­schrei durch die Me­di­en; zu Recht, wie ich fin­de, aber lei­der er­folg­los. Die In­ves­to­ren ha­ben ge­siegt.

War­um schaf­fen un­se­re Lo­kal­po­li­ti­ker es nicht, dem Wunsch der meis­ten Bür­ger Rech­nung zu tra­gen und die noch ei­ni­ger­ma­ßen er­hal­te­nen schö­nen En­sem­bles in un­se­rer Stadt vor sol­chen kurz­sich­ti­gen Ein­grif­fen zu be­wah­ren? Es be­steht in­zwi­schen wohl Ei­nig­keit dar­über, dass der Ab­riss der hal­ben Be­bau­ung der Die­lin­ger­stra­ße in den Sieb­zi­ger­jah­ren ein gro­ßer Feh­ler war. Und an­de­re Ab­ris­se folg­ten und wer­den heu­te eben­so kri­tisch ge­se­hen. War­um

wer­den sol­che Feh­ler heu­te über­all im Stadt­ge­biet wie­der­holt, teils aus fa­den­schei­ni­gen Grün­den? Am Lie­ne­schweg – der jüngs­te Fall – ist vor knapp ei­nem Jahr ein völ­lig in­tak­tes schö­nes Haus aus den 1930er-Jah­ren [...] ab­ge­ris­sen wor­den. Und nun prä­sen­tiert sich an der Stel­le ein Rie­sen­klotz von ei­nem Haus, oh­ne Dach­schrä­gen und oh­ne Fens­ter in den obe­ren Stock­wer­ken [. . .].

Man fragt sich, kann es im In­ter­es­se der All­ge­mein­heit lie­gen, dass ein ein­zel­ner Bau­herr oh­ne Rück­sicht auf die Um­ge­bung gan­ze En­sem­bles, die wie der Lie­ne­schweg lei­der nicht un­ter Denk­mal­schutz ste­hen, zer­stö­ren kann, nur um sein in­di­vi­du­el­les Recht auf Selbst­ver­wirk­li­chung aus­le­ben zu kön­nen. Was in Neu­bau­ge­bie­ten selbst­ver­ständ­lich ist, wird die­sen um vie­les wert­vol­le­ren En­sem­bles vor­ent­hal­ten. [. . .]“

Mecht­hild Dier­ks Os­na­brück

„Nicht mehr zeit­ge­mäß“lau­te­te das Ur­teil über die mar­kan­ten Häu­ser auf der rech­ten Seite der Bor­sig­stra­ße, hier auf ei­ner Auf­nah­me aus dem Jahr 2012. Sie wur­den im März 2014 ab­ge­ris­sen. Foto: Archiv/Micha­el Heh­mann

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