„Gehst Du gern in die Kin­der­bü­che­rei?“

Un­ser El­tern­ko­lum­nist be­rich­tet von ei­nem weit­hin un­ter­schätz­ten Ort der Ge­fahr

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Lie­be Co­rin­na,

nie wie­der wer­de ich mei­ne Ta­ge so hem­mungs­los mit Bü­chern ver­tän­deln wie da­mals in der Kind­heit. Wenn ich heu­te in die Bü­che­rei ge­he, ist das ver­schwen­de­ri­sche Ge­fühl so­fort wie­der da. Lei­der zwin­gen mich die Um­stän­de da­zu, mei­ne ei­ge­nen Kin­der mit­zu­neh­men. Mit der Selbst­ver­ges­sen­heit ist es al­so vor­bei. Bi­b­lio­the­ken sind heu­te ei­ner der we­ni­gen Or­te in Deutsch­land, an de­nen man nie­man­den mit dem Im­mis­si­ons­schutz­ge­setz und der ver­än­der­ten Be­wer­tung von Kin­der­lärm kom­men kann.

Beim letz­ten Bü­che­rei­be­such bin ich zi­schend und wis­pernd hin­ter mei­nem ju­beln­den Klein­kind her­ge­lau­fen, wäh­rend ich selbst von ei­ner ih­rer­seits zi­schen­den Bi­b­lio­the­ka­rin ver­folgt wur­de. Die lä­cher­li­che Po­lo­nai­se dürf­te den ein­zi­gen Le­ser des Hau­ses, ei­nen mut­maß­lich stocktau­ben Greis aus der Zei­tungs­ecke, mehr ir­ri­tiert ha­ben als je­der Kin­der­schrei. Un­se­re Stamm­bü­che­rei re­si­diert in den Amts­räu­men ei­nes al­ten Be­zirks­rat­hau­ses; der Bil­der­buch­be­reich wur­de in ei­nem ehe­ma­li­gen Tre­sor­raum ein­ge­rich­tet. Die mas­si­ve Ei­sen­tür ist bunt be­malt und dau­er­haft ar­re­tiert. Als Ding­sym­bol der heim­li­chen Sehn­sucht al­ler Bi­b­lio­the­ka­re ist sie trotz­dem nicht miss­zu­ver­ste­hen. Ich selbst wür­de das Pan­zer­schloss nur zu gern hin­ter mei­nen Kin­dern ein­ras­ten las­sen, um end­lich mal wie­der ei­nen rich­tig di­cken Ro­man zu le­sen.

War­um ge­he ich über­haupt noch in Bü­che­rei­en? Mei­ne Kin­der wür­den wahr­schein­lich auch mit ei­nem ein­zi­gen Buch aus­kom­men; sie le­sen Lieb­lings­wer­ke gern in End­los­schlei­fe. Ich nicht. Wenn ich mich al­so trotz al­ler Mü­hen und Ge­fah­ren im­mer wie­der in die Bü­che­rei vor­wa­ge, ist es rei­ner Selbst­schutz.

Zu mei­nem pri­va­ten Be­stand ge­hö­ren meh­re­re Sam­mel­bän­de des Halb­schuh-Pro­pa­gan­dis­ten Lur­chi Sa­la­man­der. Mein Erst­ge­bo­re­ner liebt ihn und spricht den im­mer glei­chen Schluss­vers in­zwi­schen selbst schla­fend mit: „Von Fer­ne tönt es lan­ge noch – Sa­la­man­der le­be hoch!“Das ist ei­ne un­ver­hoh­le­ne Dro­hung. Die gna­den­lo­sen Sa­la­man­der-Rei­me ver­fol­gen ei­nen tat­säch­lich mit der fieb­ri­gen Pe­ne­tranz von Wer­be­jingles und kön­nen – mei­ne per­sön­li­che The­se – bei emp­find­li­che­ren Na­tu­ren Epi­lep­sie­an­fäl­le aus­lö­sen.

Ei­ne wich­ti­ge Be­ob­ach­tung für Bi­b­lio­the­ka­re: Kin­der lie­ben Struk­tur. Ein Drei­jäh­ri­ger, der den Grüf­felo schätzt, ver­traut auch an­de­ren Ti­teln von Axel

Scheff­ler und Ju­lia Do­nald­son. Wir selbst le­sen des­halb al­les in Se­rie. Es ist al­so ein gro­ßer Feh­ler, Bil­der­bü­cher in ver­meint­lich kind­ge­rech­ten Kud­del­mud­delKis­ten auf­zu­stel­len. An die­ser Stel­le ein gro­ßes Lob an die Kur­haus-Bü­che­rei in Bol­ten­ha­gen, die die voll­stän­di­ge Hel­den-Vi­ta von Ma­ma Muh sau­ber un­ter W wie Wies­lan­der ins Re­gal ein­sor­tiert. Wir ver­dan­ken dem Haus wun­der­ba­re Re­gen­ta­ge an der Ost­see. Und wir kom­men wie­der. Dann sit­zen wir ei­ne Rei­he wei­ter – bei P wie Pet­ter­son und Fin­dus.

Al­les Lie­be! Dein Da­ni­el

PS: Ver­sprichst Du Dir ir­gend­was vom Mut­ter­tag?

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