„Ich mag euch Jour­na­lis­ten, aber . . .“

Ten­nis­star Alex­an­der Zverev über öf­fent­li­chen Druck, sei­ne Ju­gend und ei­nen Spin­nen­biss

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

En­fant ter­ri­b­le. Lie­bens­wer­ter Pro­fi. Er­folgs­be­ses­se­ner Sport­ler. Wenn Alex­an­der Zverev wei­ter so ent­schlos­sen sei­nen Weg geht, dann wird er auch bald die Num­mer eins in der Ten­nis­welt sein. Im ex­klu­si­ven Jour­na­lis­ten­kreis plau­dert der 20-Jäh­ri­ge über öf­fent­li­chen Druck, sei­ne Ju­gend, Ho­tel­bet­ten und ei­nen Spin­nen­biss.

Von Ste­fan Al­ber­ti

Herr Zverev, wie wür­den Sie sich ei­nem Men­schen vor­stel­len, der Sie über­haupt noch nicht kennt? Ich bin ein sehr ent­spann­ter Typ, wenn es nicht ums Ge­win­nen beim Sport oder Spiel geht. Egal ob Ten­nis, Play Sta­ti­on oder Wür­fel­po­ker: Ich will im­mer ge­win­nen. Die Haupt­bot­schaft, die man wis­sen soll­te: Wenn du mit mir be­freun­det sein willst, ver­lierst du lie­ber ge­gen mich.

Wie neh­men Sie selbst Ih­re ra­san­te Ent­wick­lung in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wahr? Na­tür­lich freue ich mich, dass ich so schnell un­ter die ers­ten 20 der Welt ge­kom­men bin. Ich weiß aber auch, dass ich noch sehr viel Ar­beit vor mir ha­be, um dort­hin zu kom­men, wo ich hin­möch­te.

Auf Ih­nen las­tet ei­ne im­men­se öf­fent­li­che Er­war­tungs­hal­tung. Wie ge­hen Sie da­mit um? Der Druck wird von Leu­ten auf­ge­baut, die er­war­ten, dass der nächs­te Be­cker oder Stich in Deutsch­land ge­bo­ren wird. Das ist doch im­mer so ge­we­sen. Ich ver­su­che ein­fach, so we­nig wie mög­lich auf die­se Leu­te zu hö­ren.

Le­sen Sie denn die Ge­schich­ten über „das neue deut­sche Wun­der­kind Zverev“? (Lä­chelt) So we­nig wie mög­lich. Ich mag euch Jour­na­lis­ten al­le sehr ger­ne, aber die­se Ge­schich­ten – nein. Da­bei wä­re es ja völ­lig nor­mal, wenn Sie die­se Sto­rys le­sen wür­den. Schließ­lich hat doch je­der Mensch das Be­dürf­nis nach Auf­merk­sam­keit. Am An­fang war das auch so, weil ich es sehr span­nend fand, dass so viel über mich ge­schrie­ben wur­de. Ir­gend­wann ging das je­doch in Nor­ma­li­tät über. Das soll jetzt aber nicht hei­ßen, dass ich mich nicht freue, dass über mich ge­schrie­ben wird. Ich kon­zen­trie­re mich lie­ber auf mei­ne Ar­beit.

In der Zeit, in der Sie die Me­di­en in­ten­si­ver ver­folgt ha­ben: Hat­ten Sie den Ein­druck, dass die Ge­schich­ten mit Ih­ren ei­ge­nen Ein­schät­zun­gen über­ein­stimm­ten? Es gibt po­si­ti­ve und ne­ga­ti­ve Ar­ti­kel. Das ist ja völ­lig nor­mal. Letz­tes Jahr muss­te ich zum Bei­spiel die Olym­pi­schen Spie­le ab­sa­gen, weil ich krank war. Da wur­de über mich ge­schrie­ben, dass ich Deutsch­land nicht mag; dass ich nicht die Eh­re an­neh­men möch­te, für das Land zu spie­len. Das stimm­te ja al­les gar nicht. Ich hat­te mich so auf Olym­pia ge­freut und al­les da­für ge­tan, um dort­hin zu kom­men. Ich bin ein­fach nur krank ge­wor­den, lag im Bett und konn­te we­nig ma­chen. Des­we­gen ha­be ich lie­ber ei­nem an­de­ren Deut­schen die Chan­ce über­las­sen. Vie­le Leu­te ha­ben aber den er­wähn­ten Ge­schich­ten Glau­ben ge­schenkt.

Sie hät­ten sich ja öf­fent­lich weh­ren kön­nen. Ich hat­te das Ge­fühl, dass es noch schlim­mer ge­wor­den wä­re, wenn ich mich öf­fent­lich ge­wehrt hät­te. Zu der Zeit war ich auch in Ame­ri­ka. Da ha­be ich es lie­ber ge­las­sen.

Sie wer­den oft als „Kind des Ten­nis“be­zeich­net, weil Sie schon als klei­ner Jun­ge mit der Fa­mi­lie und vor al­lem mit Ih­rem Bru­der Mi­scha den Ten­nis-Zir­kus er­lebt ha­ben. Was ist aus die­ser Zeit haf­ten ge­blie­ben? Als ich ge­se­hen ha­be, dass Mi­scha vor so vie­len Men­schen

Ten­nis spie­len durf­te, woll­te ich ir­gend­wann selbst auf den Cen­ter Courts der Welt spie­len. Mi­scha hat mir ge­zeigt, was ich ma­chen muss, wie hart ich trai­nie­ren muss, um dort­hin zu kom­men. Ver­stan­den, dass ich wirk­lich sehr viel ma­chen muss, ha­be ich dann im Al­ter von 14 oder 15 Jah­ren.

Ha­ben Sie ei­gent­lich das Ge­fühl, dass Sie vor lau­ter Ten­nis Ih­re Ju­gend ver­passt ha­ben? Nein. Ich ha­be vie­le Freun­de. Vor al­lem auf der Tour. In mei­ner Hei­mat­stadt Hamburg ha­be ich auch noch Freun­de, nur die se­he ich sehr we­nig. Al­so: Mei­ne Ju­gend ha­be ich nicht ver­passt.

Al­so las­sen Sie durch­aus auch mal al­ters­ge­mäß die Sau raus? (Lacht) Ja. Da­bei bin ich nicht der Al­ko­hol­trin­ker,

was man­che viel­leicht in dem Al­ter ma­chen. Ich bin eher der sport­li­che Typ. Wenn ich ei­nen Sonn­tag frei ha­be, ver­brin­ge ich mei­ne Zeit lie­ber auf dem Bas­ket­bal­lo­der Golf­platz als in ei­nem Nacht­club oder in ei­ner Bar.

Gibt es Ta­ge, an de­nen Sie kei­ne Lust ha­ben, auf den Ten­nis­platz zu ge­hen? Die gibt es bei mir nicht.

Kein ein­zi­ger Tag? Selbst bei uns Jour­na­lis­ten kommt es schon mal vor, dass man an man­chem Tag kei­ne Lust auf die Ar­beit ver­spürt. (Lä­chelt) Na ja, die sieb­te oder ach­te Wo­che in der Off-Sea­son viel­leicht, wenn ich kei­nen Bock mehr auf Ge­wicht­ehe­ben ha­be. Aber wenn die Sai­son an­fängt, kommt so et­was nicht vor. Sie sa­gen selbst, dass Sie sich in vie­len Be­rei­chen ver­bes­sern müss­ten. Kön­nen Sie Bei­spie­le nen­nen? Das ist schwie­rig. Al­les muss ver­bes­sert wer­den – mei­ne phy­si­sche Ver­fas­sung, mein Netz­spiel. Mei­ne Grund­schlä­ge sind re­la­tiv gut, aber auch da kann man sich im­mer ver­bes­sern.

Viel­leicht müs­sen Sie auch Ih­ren Jäh­zorn bes­ser in den Griff be­kom­men? Wenn ein Spie­ler im­mer ru­hig ist und nie et­was sagt, dann ha­be ich das Ge­fühl, dass ihm die Sport­art egal ist. Ein- oder zwei­mal den Schlä­ger ka­putt zu ma­chen ge­hört da­zu. Man muss es raus­las­sen, um sich wie­der neu kon­zen­trie­ren zu kön­nen. Ich bin sehr lei­den­schaft­lich auf dem Ten­nis­platz. Ich lie­be die­sen Sport, ich le­be da­für – und ich möch­te je­des Match ge­win­nen.

Was sa­gen Sie zu den jüngs­ten Äu­ße­run­gen von Ra­fa­el Na­dal, der in Bar­ce­lo­na Ih­re Ein­stel­lung kri­ti­siert hat? Ich ha­be ja schon ver­sucht, das rich­tig­zu­stel­len. Nach­dem ich in Mon­te Car­lo ge­gen Na­dal ver­lo­ren hat­te, ha­be ich in Bar­ce­lo­na ge­sagt, dass ich mich freu­en wür­de, wenn ich dort im Vier­tel­fi­na­le noch ein­mal auf ihn tref­fen wür­de. Am nächs­ten Tag war in den Me­di­en zu le­sen, dass der Zverev nur nach Bar­ce­lo­na fah­re, um ge­gen Na­dal zu spie­len. Wenn dann ein Na­dal liest, dass ein 20-Jäh­ri­ger so et­was sagt, kann ich ver­ste­hen, dass er sich wun­dert.

Apro­pos 20. War Ihr 20. Ge­burts­tag ein tie­fe­rer Ein­schnitt als sonst? An dem Tag ha­be ich in Mon­te Car­lo ge­gen Na­dal beim 1:6, 1:6 gan­ze zwei Spie­le ge­won­nen. Ich glau­be, dass ich an mei­nem Ge­burts­tag noch nie ein Match ge­won­nen ha­be. Letz­tes Jahr ha­be ich in Bar­ce­lo­na ge­gen Ma­lek Ja­zi­ri ver­lo­ren.

Wie de­fi­nie­ren Sie den Be­griff Hei­mat? Hei­mat? War für mich im­mer Hamburg. Ich ha­be das Ge­fühl, dass das auch im­mer so blei­ben wird. Lei­der bin ich dort nicht mehr zu Hau­se, weil ich jetzt in Mon­te Car­lo woh­ne.

Ver­spü­ren Sie Heim­weh, wenn Sie ei­nen Groß­teil des Jah­res in Ho­tels ver­brin­gen müs­sen? Ach, dar­an ha­be ich mich ge­wöhnt. Es hilft, wenn meis­tens al­le aus der Fa­mi­lie da­bei sind. Des­we­gen be­kom­me ich kein Heim­weh, wie es vie­le an­de­re Spie­ler be­kom­men.

Sie sind fast zwei Me­ter groß. Sind die Bet­ten in den Ho­tels für Sie über­haupt lang ge­nug? (Lacht) Mei­ne Fü­ße hän­gen raus. Al­les kein Pro­blem, ich kann gut schla­fen.

Gibt es an­sons­ten spe­zi­el­le An­for­de­run­gen in Ho­tels, die für Sie un­be­dingt er­füllt sein müs­sen, da­mit Sie sich wohl­füh­len? Nein. Ich bin au­ßer­halb des Plat­zes ein sehr ent­spann­ter Typ. Ich ha­be kei­ne Ri­tua­le. Auf dem Platz ha­be ich nur ein Ri­tu­al, das ich von mei­nem Bru­der ab­ge­schaut ha­be. Mi­scha mach­te es gar nicht mehr. Ich bin jetzt der Ein­zi­ge, der nie neue Bäl­le an­zeigt.

Stimmt es ei­gent­lich, dass Sie sich mal in ei­nem Ho­tel­zim­mer ei­nen Spin­nen­biss mit Fol­gen zu­ge­zo­gen ha­ben? Ja. Washington, 2015, vor den US Open. Da hat mich ei­ne Spin­ne ge­bis­sen (Zverev zeigt sei­ne Narbe). Es folg­ten ein Aus­schlag an der Zun­ge, Fie­ber. Ich konn­te wirk­lich nichts mehr ma­chen, ha­be sie­ben bis acht Ki­lo in­ner­halb von zwei Wo­chen ver­lo­ren. Ich konn­te mich kaum mehr be­we­gen. Trotz­dem woll­te ich un­be­dingt die US Open spie­len. Dort ha­be ich dann „auf An­ti­bio­ti­kum“in fünf Sät­zen ge­gen Phil­ipp Kohl­schrei­ber ver­lo­ren.

Foto: imago/Pan­o­ra­miC

Mitt­ler­wei­le welt­weit ein ge­wohn­tes Bild: Au­to­gramm­jä­gern. Alex­an­der Zverev im Pulk von Foto: imago/Zim­mer

Der Fa­mi­li­en-Clan ist meis­tens da­bei (von links): Bru­der Mi­scha, Mut­ter Iri­na, Va­ter Alex­an­der. Foto: dpa

Er­folgs­be­ses­sen, beim Ten­nis. nicht nur Foto: dpa

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