Der kon­trol­lier­te Mann

Max Ra­a­be und sein Pa­last Orches­ter spie­len an­läss­lich des Eu­re­gio Mu­sik­fes­ti­vals

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional -

Max Ra­a­be und das Pa­last Orches­ter be­sche­ren in der Os­na­brück-Hal­le wie­der ein­mal ei­nen herr­lich nost­al­gi­schen Abend: Je­der Ton stimmt, und je­de Po­in­te auch.

Von Ralf Dö­ring OS­NA­BRÜCK.

Viel­leicht lupft er mal die Au­gen­braue, und mit­un­ter klim­pert er ein we­nig mit den Fin­gern. An­sons­ten steht Max Ra­a­be da wie ein­ge­fro­ren. Ker­zen­ge­ra­de, die Ar­me hän­gen ge­ra­de her­ab, der Kopf ein paar klei­ne Zen­ti­me­ter zur Seite ge­neigt, so steht er und singt ins Vin­ta­ge-Mi­kro. Da­für muss er den Mund be­we­gen. Sonst nichts.

Mit dem Stoi­zis­mus, den Max Ra­a­be bei die­sem Kon­zert des Eu­re­gio Mu­sik­fes­ti­vals auf der Büh­ne der Os­na­brück-Hal­le de­mons­triert, hat Bus­ter Kea­ton sei­ne Slap­stick-Ka­ta­stro­phen auf die ma­xi­ma­le Fall­hö­he ge­trie­ben. Ra­a­be macht das ganz ähn­lich: Er singt trau­rig­schön über die Ab­grün­de des Le­bens („Bei dir war es im­mer so schön“) oder über die ras­sig-quir­li­ge „Schö­ne Isa­bel­la von Kas­ti­li­en“. Aber er zeigt da­bei kei­ne Re­gung und spitzt so sei­ne Po­in­ten zu. Gleich­zei­tig kommt so die Mu­sik be­son­ders zur Gel­tung: das fei­ne Pa­last Orches­ter und sei­ne Stim­me, die so sanft vom so­no­ren Ba­ri­ton bis ins Fal­sett glei­tet. So spricht vor al­lem die Mu­sik in per­fek­ter Schön­heit. Ei­ne Ba­sis für den an­hal­ten­den Er­folg die­ses Nost­al­gie­for­mats.

An­de­rer­seits ist die Il­lu­si­on per­fekt in­sze­niert. Vor ei­nem knap­pen Jahr­hun­dert stan­den et­li­che Sän­ger wie Max Ra­a­be auf den Büh­nen der Tanz­sä­le und Ra­dio­sta­tio­nen, und hin­ter die­sen Max Ra­a­bes ent­wi­ckel­ten Orches­ter ge­nau den glei­chen Dri­ve wie die­ses Pa­last Orches­ter. Wie da­mals Gei­ge zwit­schert und schmach­tet ei­ne Gei­ge über dem Blä­ser­satz aus vier Sa­xo­fo­nen und zwei Trom­pe­ten plus Po­sau­ne. In der Rhyth­mus­grup­pe zirpt häu­fig das Ban­jo, der Drum­mer fegt ei­nen gan­zen Abend lang sanft mit dem Jazz­be­sen über die Trom­meln und setzt die knal­li­gen Off-Beat-Ak­zen­te am Be­cken, und über al­lem thront das Sousa­fon. Und selbst­ver­ständ­lich tra­gen die Her­ren auf der Büh­ne Dop­pel­rei­her-Smo­king, wie ihn der fei­ne Herr in den Gol­de­nen Zwan­zi­gern gern ge­tra­gen hat. Was sonst?

Da­mals wa­ren die­se Mu­sik und die ver­schmitz­ten Tex­te pu­re Welt­flucht: Für ein paar St­un­den woll­te man ei­nen ver­lo­re­nen Welt­krieg und die ga­lop­pie­ren­de In­fla­ti­on ver­ges­sen. Heu­te ist die Welt au­ßer­halb des Kon­zert­saals nicht ganz so aus den Fu­gen, aber den All­tag mal mit­hil­fe ge­witz­ter Tex­te weg­la­chen scha­det trotz­dem nicht. „In der Rea­li­tät sieht die Wirk­lich­keit oft an­ders aus“, sagt Ra­a­be mit un­wi­der­leg­ba­rer Iro­nie, tritt zwei­ein­halb Schrit­te zu­rück, lehnt am Kla­vier, wäh­rend er das Feld dem Orches­ter über­lässt. Dann tritt er zwei­ein­halb ge­mes­se­ne Schrit­te nach vorn ans Mi­kro, singt: der kon­trol­lier­te Mann.

Fox­trott, Pa­sa­do­ble, lang­sa­mer Wal­zer im Zwei­ein­halb-Mi­nu­ten-Takt: Die­se Form der Un­ter­hal­tungs­mu­sik swingt nach knapp hun­dert Jah­ren noch wun­der­bar. Und die Tex­te nen­nen die Din­ge bei herr­lich alt­mo­di­schen Na­men, die es heu­te gar nicht mehr gibt. Der „Au­gens­tern“ist ver­glüht, die „Kon­di­to­rei“muss­te dem SB-Bä­cker wei­chen, und kein Mensch heißt heu­te noch „Lie­se­lott’ “. Und nie­mand träumt mehr zu lei­ser Mu­sik, wie Ra­a­be im lang­sa­men Wal­zer „Ich tan­ze mit dir in den Him­mel hin­ein“singt.

Der Hit des Abends aber ist „Kein Schwein ruft mich an“– er wird zur mu­si­ka­li­schen Welt­rei­se. Bei „La Mer“von Charles Tre­net ver­has­pelt sich Ra­a­be dann doch tat­säch­lich ein­mal kurz in sei­ner Mo­de­ra­ti­on. Doch er fängt sich so­fort wie­der, und dann singt er mit be­zau­bern­der Wär­me, be­glei­tet von ei­nem Orches­ter, das edel swingt, kei­nen Ton zu we­nig spielt, aber auch kei­nen mehr als nö­tig. Das ist ja ge­nau der Witz.

Kein Ton und kei­ne Ges­te zu viel: Max Ra­a­be in der Os­na­brück-Hal­le. Foto: Tho­mas Os­ter­feld

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